Es wäre übertrieben zu behaupten, dass sich die Champagne wegen der globalen Finanzkrise keine Sorgen macht. Auch der festlichste Wein dieses Planeten bleibt von den weltwirtschaftlichen Turbulenzen nicht unberührt. Denn der konjunkturelle Abschwung trifft alle Branchen gleichermassen, damit auch das Luxussegment.

Aber die Champagne weiss sich zu behaupten. Sie hat schon bisher schlimme Katastrophen, ja gar Kriege überstanden, ohne dass ihr Produkt sein sagenhaftes Image und seine globale Aura verloren hat. Trotz der aktuellen Rahmenbedingungen, die schwierige Zeiten ankünden, ist die Zukunft des Champagners gesichert. Denn nicht zuletzt neue Märkte sind es, die ebenfalls an der einzigartigen Lebensart partizipieren wollen.

Preise werden nicht tauchen

Weil die Nachfrage steigt oder - im schlimmeren Fall als Konsequenz der Wirtschaftslage - höchstens stagniert, werden sich die Preise nicht zurückbilden. Im Gegenteil: Auch das Ausgangsmaterial wird nicht günstiger. Im September und Oktober 2008 zahlten die Champagnerhäuser ihren Winzern bei der Lese 5.10 Euro oder mehr pro Kilo Trauben!

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Damit ist klar: Das magische Perlenspiel begeistert auch in Zukunft. Deshalb drängt sich die Frage auf: Wie wird der Jahrgang 2008? Die Antwort geben vier von der «Handelszeitung» befragte Kellermeister. Aber was behalten sie für sich? Denn die Zurückhaltung der Kellermeister ist legendär. Hinter all den umsichtigen, zurückhaltenden oder zurückgehaltenen Äusserungen zeichnet sich jedoch eine Aussicht ab: 2008 wird ein schöner Jahrgang.

Im Februar 2009 weiss man mehr

Gewiss, manchmal klingt es nicht ganz eindeutig. «Wir machen nie Prognosen vor und während der Weinlese», betont Jean-Pierre Mareigner, Kellermeister des Hauses Gosset. Schön, aber die Lese ist zu Ende! «Das schon, aber nicht die Vinifizierung!» Ein paar Augenblicke später ist einem klar, dass Gosset einen Jahrgangschampagner 2008 machen dürfte. Aber der Hauptverantwortliche hat es noch nicht bestätigt.

Dynamik der Reife überraschte

Jean-Baptiste Lecaillon, Kellermeister des Hauses Louis Roederer, ist da präziser: «2008 war ein mühsames Jahr. Im Frühling gab es Befall durch Mehltau, später durch Oidium. Bis Ende Juli war der Sommer perfekt. Aber im August war es sehr kühl, allerdings ohne Regen. Daher hat uns die unerwartete Dynamik des Reifeprozesses, trotz dem Mangel an Wärme, überrascht. 2008 ist ein sehr vom Norden bestimmtes Jahr. Die Trauben sind wunderbar. Traditionellerweise sagt man, entscheide sich ein Jahrgang entweder im Weinberg oder im Keller. In diesem Jahr wird es wirklich auf beides ankommen. Die Weinbauern haben Trauben von sehr hoher Qualität hervorgebracht. Ihr Zustand zum Zeitpunkt der Lese war perfekt. Aber um einen schönen Jahrgang herauszubringen, müssen die Kellermeister wachsam und vor allem bei der Assemblage gewitzt sein.» Auf einen Vergleich zu früheren Jahrgängen lässt sich Lecaillon nicht ein. «Da fällt die Antwort schwer. Als Optimist würde ich sagen: 2008 könnte ein Jahrgang wie 1988 werden - verbunden mit einem 1995er …»

Vieles tönt verheissungsvoll

Hervé Deschamps, Kellermeister des Hauses Perrier-Jouët, schwelgt im gleichen Sinn: «Stimmt, 2008 ist sehr verheissungsvoll. Allein schon aufgrund des optischen Eindrucks. Die Trauben waren in einem perfekten Zustand, nahezu ohne Fäule, ausser vielleicht in ein paar Parzellen des Marnetals, oberhalb von Dormans, denen der Hagel Anfang September zugesetzt hat. Die Analysewerte sind exzellent, auch mit einer Säure nahe 9 und einem pH-Wert in den Fässern bei 3. Einziger Wermutstropfen: Die Chardonnay-Reben der Côte des Blancs waren kaum befrachtet, insbesondere in der Gegend um Mesnil.»

Es fehlt an Dichte

Der zurückhaltendste Kellermeister ist Eric Lebel vom Maison Krug: «Der Gesundheitszustand der Reben war perfekt, das stimmt. Es ist aber zu früh, um einen grossen, einen durchschnittlichen oder einen schwachen Jahrgang anzukündigen. Vor dem Februar sollte man sich damit zurückhalten; dann werden die Grundweine im Wesentlichen untersucht sein. Meine ersten Beobachtungen ergeben eine gewisse Uneinheitlichkeit der Crus. Wir haben oft eine Gleichförmigkeit bei den Weinen und plötzlich eine Probe, die weit über den anderen liegt. Das lässt mich vermuten, dass es diesem Jahrgang ein wenig an Dichte fehlen wird.»