Wer an den Finanzmärkten verdienen will, tut gut daran, immer im Blick zu behalten, wie sich Goldman Sachs verhält. Die US-Investmentbank hat den Zusammenbruch des US-Häusermarkts antizipiert und gut daran verdient, und die anschliessende Konsolidierung der Branche war auch nicht gerade zum Nachteil des Hauses. Kopf des Ganzen war und ist Lloyd Blankfein, CEO der Bank, der sich anschliessend mit der Wendung verewigte, er sei bloss ein Banker, der Gottes Werk verrichte.

Nun hat sich Blankfein wieder aufsehenerregend geäussert, und zwar zeitgemäss auf dem Kurznachrichtendienst Twitter – mit einer Nachricht, die Anleger aufmerken lassen sollte. Diesmal ging es um die Kryptowährung Bitcoin, die in diesem Jahr bereits um 360 Prozent zugelegt hat, und bei der nach diesem atemberaubenden Anstieg niemand mehr so recht weiss, ob es sich dabei um die grösste Blase seit der holländischen Tulpenspekulation von 1637 handelt, oder ob der jüngste Hype erst der Beginn von etwas ganz Grossem ist.

Ein Ritterschlag für Bitcoin

Er jedenfalls sei sich noch nicht sicher, was er von der Internetwährung halten solle, schreibt Blankfein, allerdings seien die Menschen ja auch skeptisch gewesen, als das Papiergeld das Gold abgelöst habe. Allein die Tatsache, dass der Chef der weltweit tonangebenden Investmentbank erwägt, der Bitcoin könne eine neue Ära in der Geschichte des Bezahlens einleiten, ist für die Kryptowährung so etwas wie ein Ritterschlag. Tatsächlich stieg der Preis für Bitcoins nach der Nachricht am Montag um 193 Dollar auf 4365 Dollar je Coin. Zum Jahresbeginn hatte der Preis noch bei 952 Dollar gelegen.

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Blankfein stellt mit seinen Überlegungen zum Bitcoin so etwas wie einen Gleichstand her. Gerade erst nämlich hatte Jamie Dimon, Chef des Goldman-Konkurrenten JP Morgan, die Währung als Betrug bezeichnet – er würde jeden feuern, der mit diesem Produkt handle. Das habe zwei Gründe: Es verstosse gegen die Regeln der Bank und zum anderen seien solche Personen dumm. Beides sei gefährlich für das Geldhaus.

Ein echtes Interesse an Bitcoin

Dass Blankfein seine Einschätzung einfach so dahingetwittert hat, ist schwer zu glauben. Vielmehr erwägt sein Haus laut dem «Wall Street Journal» offenbar eine neue Geschäftseinheit, die sich dem Kauf und Verkauf der digitalen Währung widmet. Das Haus reagiere damit auf einen viel geäusserten Wunsch unter den institutionellen Kunden. Damit wäre Goldman der grösste Wall-Street-Konzern mit einer Abteilung explizit für den Handel mit Kryptowährungen.

Freilich sollten sich Bitcoin-Händler nicht zu früh über die Einschätzung aus berufenem Munde freuen. Denn ein möglicher Einstieg in die digitale Währung dürfte mehr mit der Lage bei Goldman selbst zu tun haben als mit der Solidität von Bitcoins. Zu sehr hat der Wall-Street-Gigant in jüngster Zeit zu kämpfen.

Sinkende Erträge

Die Erträge im Anleihehandel, meist das profitabelste Geschäft, gingen im zweiten Quartal um 40 Prozent zurück. Es war das schlechteste Quartal für den Bereich, der einen langwierigen Einbruch erlebt. Und die Bank sucht auch nach anderen Bereichen, mit denen sie Geld verdienen kann.

Einer davon ist das Kreditgeschäft. Doch während die Kreditvergabe zwar die Erträge von Goldman steigern dürfte, wird sie die Gewinne und die Eigenkapitalrendite aber nicht allzu sehr verbessern – nicht mit Zinsen nahe den Allzeittiefs und einer sich abflachenden Renditekurve. Der Bitcoin-Handel hingegen könnte hohe Erträge abwerfen: Handelsaktivitäten an der Wall Street florieren bei Volatilität.

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Bei JP Morgan läuft das Geschäft rund

Im grösseren Rahmen betrachtet, dürfte die unterschiedliche Bitcoin-Sichtweise von JP Morgan und Goldman mehr mit der Geschäftskultur beider Häuser zu tun haben, als mit der Einschätzung der Zukunftsfähigkeit der Währung. JP Morgan ist eine gigantische Money Center Bank, die noch immer mehr als die Hälfte ihrer Erträge im Kreditgeschäft verdient.

Goldman dagegen war und ist ein Finanzkonzern, der weitgehend vom Handel getragen wird. Trotz der jüngsten Schwierigkeiten in dieser Sparte erwirtschaftet die Bank noch immer mehr als die Hälfte ihrer Erträge im Handelsgeschäft. Weniger als zehn Prozent der Erträge gehen auf die Kreditvergabe zurück. Goldman legte vor kurzem ein Lippenbekenntnis ab, man wolle die Entwicklung hin zu einem Kreditinstitut klassischer Prägung forcieren. Der jetzige Ausflug in die noch ziemlich wilde Welt der Kryptowährungen aber zeigt: So ganz zähmen lassen will sich die Grossbank nicht.

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Dieser Artikel erschien zuerst bei der «Welt» unter dem Titel: «Was Goldman Sachs wirklich am Bitcoin interessiert».