Seit diesem Sommer ist die Bologna-Studienreform im Schweizer Arbeitsmarkt Realität. Die ersten 8000 Bachelor-Absolventen haben die Fachhochschulen verlassen. Beim Berufsverband Swiss Engineering verfolgt man die Entwicklung mit Sorge. Denn im Vergleich zu den Bachelor-Lehrgängen ? insbesondere im angelsächsischen Raum ? sind die hiesigen Fachhochschulausbildungen qualitätsmässig weit oben angesiedelt.

«Es besteht die sehr reale Gefahr, dass ausländische Firmen, die unser Bildungssystem nicht kennen, den Schweizer Fachhochschul-Bachelor tiefer einstufen, als er wirklich ist und einen Master-Abschluss für eine Anstellung voraussetzen», sagt Stefan Arquint, Sprecher von Swiss Engineering. Das wiederum bedeutet vor allem ein Problem für Ingenieure oder Architekten, deren Studienzeit etwas länger zurückliegt und deren HTL-Diplome nun in Bachelor-Titel umgewandelt werden.

Der Wettbewerb verschärft sich

Theoretisch könnten sie sich nachträglich für einen Master-Lehrgang einschreiben. Tatsächlich werden ihnen allerdings maximal 30 ECTS-Punkte (European Credit Transfer and Accumulation System) für die Studienweiterführung angerechnet. Das bedeutet: Nochmals kräftig die Schulbank drücken. «Unsere Forderung, auch die im Berufsleben erworbenen Kompetenzen angemessen zu berücksichtigen, wurde nicht aufgenommen», bedauert Arquint.

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Die Fachhochschul-Bachelor werden nicht nur von der mangelnden internationalen Wertschätzung bedrängt. Obwohl bei den Universitäten der Bachelor-Titel vor allem als Zwischenstufe für den Master-Abschluss angesehen wird, treten zunehmend Bachelor-Absolventen in den Arbeitsmarkt ein. An der Universität St. Gallen sind es inzwischen mehr als 10%.

Sie werden direkt engagiert, in Traineeprojekte aufgenommen oder für einige Jahre angestellt mit der Erwartung, dass sie danach den Master absolvieren. «Universitäts-Bachelor sind für die Wirtschaft attraktiv, weil sie günstig sind und viel Potenzial mitbringen», meint Jürg Brühlmann, Geschäftsführer des Forums Bildung. Als Letztes kommt noch hinzu: «Der Wettbewerb um Studierende, Dozierende, Finanzmittel und Projekte mit der Wirtschaft wird sich weiter verschärfen. Angebote und Qualität sind deshalb für die Reputation jeder Fachhochschule entscheidend ? damit auch ihre Profilierung und Vermarktung. Entsprechend gewinnen Herkunftsdeklarationen an Bedeutung», beobachtet Thomas Bachofner, Generalsekretär bei der Rektorenkonferenz der Fachhochschulen KFH. Es kommt also zunehmend nicht mehr bloss darauf an ob, sondern wo jemand studiert hat.

Obwohl der Praxisbezug der Fachhochschul-Bachelors allenthalben gerühmt wird, zeigen Stimmen aus der Schweizer Wirtschaft, dass ein solches Diplom allein die Karrierechancen beschränkt.

Was meinen die Unternehmen?

So sind bei Credit Suisse mittlerweile zwei Drittel im Einstei-gerprogramm Universitätsabsolventen, die meisten davon mit einem Master-Abschluss. Bei berufsbegleitenden Studien an der Fachhochschule erachtet die Bank laut Mediensprecherin Nicole Pfister die Kombination von Bachelor, Berufserfahrung sowie anschliessender Spezialisierung mit einem Master of Advanced Studies als ideal. Für einzelne Einstiegsbereiche wie IT, Inhouse Consulting, im Rechtsdienst oder im Economic Research wird ein Master-Abschluss vorausgesetzt.

ABB Schweiz hat nach eigenen Angaben zwar einen gleich grossen Bedarf an Master- und Bachelor-Abgängern. Aber für gewisse Jobs wie Forschung und Entwicklung ist auch hier ein Master-Titel unabdingbar. Bei Siemens werden die Fachhochschul-Bachelor bei vorhandenem Potenzial aktiv dazu motiviert, einen Master-Lehrgang zu absolvieren, obwohl das Unternehmen weiterhin einen grösseren Bedarf an Bachelor- als an Master-Abgängern hat. Derzeit beschäftigt das Unternehmen in der Schweiz über 1050 Fachhochschul-Absolventen und 300 Universitäts-Master.

Es ist aber klar, dass die neu zugelassenen Fachhochschul-Master ihren Platz in der Wirtschaft finden werden. «Es sind sicher Gründe denkbar, einen Fachhochschul-Master einem Universitäts-Master vorzuziehen», meint Sonja Giardini, Mediensprecherin von Zurich Switzerland. Damit ist vor allem die Praxiserfahrung gemeint.

 

 

NACHGEFRAGT


«Universitäts-Bachelor ist ein Etappenziel»

Thomas Bachofner ist Generalsekretär der Rektorenkonferenz der Fachhochschulen KFH.

Verdrängen die Universitäts-Bachelor die Fachhochschul-Diplomanden vom Arbeitsmarkt?

Thomas Bachofner: Nein. Die beiden Bachelor bedienen den Arbeitsmarkt mit unterschiedlichen Profilen. Das Fachhochschulstudium ist anwendungsorientiert und qualifiziert für die unmittelbare Berufsfähigkeit.

Und die Universitätsabgänger?

Bachofner: Der Universitäts-Bachelor ist vor allem ein Etappenziel im Studium. Er erlaubt auch Richtungswechsel und Unterbrüche für Praxiseinschübe. Der Master dürfte ? im Gegensatz zu den Fachhochschulen ? für die meisten Studiengänge Regelabschluss bleiben.

International ist aber der akademische Bildungsweg höher angesehen ?

Bachofner: Die Priorität der universitären Bildung greift in den Meinungen zu kurz, weil sie die Vorzüge unseres praxisorientierten Berufsbildungssystems ausblendet. Die Fachhochschulen haben die Bologna-Reform erfolgreich vollzogen. Sie sind mit ihren umsetzungsorientierten Angeboten im vereinheitlichten Hochschulraum gut positioniert.

Wie schwierig wird es für Fachhochschulabsolventen, sich in der Industrie gegenüber den ETH-Master zu behaupten?

Bachofner: Der Markt fragt beide Profile nach. Nehmen wir die fehlenden Ingenieure: Die Lösung heisst ETH und Fachhochschule. 2007 haben an den beiden ETH in den technischen Wissenschaften rund 800 Studierende den Master gemacht. In den vergleichbaren Disziplinen sind von den Fachhochschulen über 3000 Bachelor auf den Arbeitsmarkt gelangt.

Werden sich die Fachhochschul-Master durchsetzen können?

Bachofner: Diese Master-Konzepte gehen von einer Nachfrage aus. Es geht um eine beschränkte Zahl von qualitativ hochstehenden Studiengängen.