Viele Banken veröffentlichen dieser Tage durchzogene Halbjahresergebnisse, weil sie die Turbulenzen um die Staatsverschuldung im 2. Quartal zu spüren bekamen. Wie sieht es bei Vontobel aus?

Herbert Scheidt: Wir haben in jeder Hinsicht ordentlich abgeschnitten: Wir haben eine vernünftige Eigenkapitalrendite, die Cost-Income-Ratio ist gut, obwohl wir auch in einem schwierigen Umfeld an unseren Investitionen in unser Geschäftsmodell festgehalten haben. Und beim Neugeld, wo der Wettbewerb sehr intensiv ist, stehen wir sogar sehr gut da.

Mit der Debatte um die Staatsverschuldungen stieg der Franken zum Euro auf Rekordniveau, und die Schweiz gilt wieder als Hort der Stabilität. Zeigt sich das auch bei Vontobel durch einen Anstieg der verwalteten Gelder?

Scheidt: Wir stellten am Anfang des 2. Quartals eine hohe Volatilität fest. Die Anleger sind deshalb an den Seitenlinien geblieben, und das hat sich auf die Kommissionserträge ausgewirkt. Aber wir verzeichneten auch hohe Mittelzuflüsse aufgrund der ausgesprochenen Stabilität des Schweizer Finanzplatzes.

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Ein wichtiges Element der längerfristigen Strategie der Schweizer Banken ist die «Weissgeld-Strategie» bis 2012. Spüren Sie bereits jetzt Auswirkungen beim Wettbewerb um Kundengelder?

Scheidt: Wir haben eine klare Vorstellung von unserer Rolle: Wir sind nicht der verlängerte Arm der Steuerbehörden anderer Länder. Die Steuerehrlichkeit liegt im Interesse und in der Verantwortung der Kunden, die Basis unseres Geschäftsmodells müssen aber deklarierte Gelder sein. Wir möchten uns durch erstklassige Beratung und konservatives Risikoverständnis profilieren, nicht durch die Steuerklassifizierung der Kundenvermögen.

Am lautesten waren die Steuerdiskussionen mit deutschen Politikern. Hat das Auswirkungen auf Ihr Geschäft in Deutschland?

Scheidt: Nein, wir betreiben in Deutschland schon seit etlichen Jahren ein Crossborder-Geschäft, bei dem der Kunde wählt, ob er sein Geld in Deutschland oder in der Schweiz anlegen möchte. Die Debatte in Deutschland hatte keine negativen Auswirkungen auf unser Geschäft. In Italien, wo es eine Steueramnestie gab, verbuchen wir sogar hohe Mittelzuflüsse.

Vontobel ist auch durch den Kauf eines Teils des Geschäfts der deutschen Commerzbank gewachsen. Haben Sie dort Problemfälle im Kundenportfolio gefunden?

Scheidt: Wir hatten dort eine sehr gründliche Due Diligence vorgenommen und haben keine «Leichen im Keller» entdeckt. Wir hatten uns auch andere Banken angeschaut, aber abgewinkt, weil wir nicht sicher waren, ob und wie gut die Compliance-Kulturen zusammen gepasst hätten. Und wir schauen uns immer an, was auf dem Markt ist, aber da muss der Preis auch noch stimmen.

Ein weiterer heikler Standort sind für Schweizer Banken die USA. Welches ist jetzt die Strategie für vermögende US-Kunden?

Scheidt: Wir eröffnen in diesen Tagen die Vontobel Swiss Wealth Advisors, eine eigenständige Gesellschaft, die rechtlich und räumlich vom Rest der Bank getrennt ist, für Kunden unter US-Steuerrecht. Das sind längst nicht nur US-Staatsbürger. Viele dieser Kunden fühlen sich von anderen Banken weltweit schlecht beraten. Wir haben in den letzten Monaten alle Vorbereitungen getroffen, um in diesen Tagen starten zu können - in Einklang mit allen Steuerregelungen der USA.

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Ist Vontobel von der zeitlichen Verschiebung der erhöhten Eigenmittelforderungen im Rahmen von Basel-III betroffen?

Scheidt: Wir sind nicht ganz glücklich darüber, dass die höheren Anforderungen verschoben worden sind, weil wir die Eigenmittel für eine wichtige Basis für das Abfangen von Frakturen im Bankengeschäft ansehen. Wir selber haben unser Eigenkapital seit 2002 von 850 Mio auf 1,5 Mrd Fr. gesteigert und fühlen uns gut gerüstet. Von den Regelungen bei Basel-III wären wir nicht betroffen gewesen.

Kann das vorliegende Ergebnis der ersten Jahreshälfte auf die zweite hochgerechnet werden?

Scheidt: Nein, denn die 1. Jahreshälfte war bereits die Verlängerung des sehr guten 2. Semesters 2009 gewesen. Zudem ist jetzt die Vergleichsbasis sehr hoch. Wir sind konservativ und halten es für gefährlich, wenn man Trends einfach linear verlängert, zumal auch unerwartete Ereignisse eintreten können. Der Mai 2010 hatte beispielsweise viele Parallelen mit dem Oktober 2008. Das Umfeld ist einfach noch zu unsicher.

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