Diese GV-Saison scheint ganz anders zu laufen als frühere. Können Sie das bestätigen?
Vincent Kaufmann*: Das ist auch unser Eindruck. Wir spüren mehr Widerstand der Aktionäre gegen Boni und hohe Vergütungen. Was sich wirklich verändert hat, werden wir aber erst nach einer genauen Auswertung am Ende der Saison sehen.

Der Vergütungsbericht von Georg Fischer wurde abgelehnt und bei ABB ist er nur knapp durchgekommen. Verbuchen Sie das als Erfolge von Ethos?
Wir haben immer eine klare Linie vertreten. Doch inzwischen ist der Druck von Stimmrechtsberatern wie ISS oder Glass Lewis und institutionellen Anlegern gestiegen. So hat beispielsweise der norwegische Staatsfonds neue Richtlinien für die Vergütungspolitik angekündigt.

Warum gerade jetzt?
Das Problem der Ungleichheit wird immer wichtiger. Weltweit nimmt die Kritik aus der Gesellschaft an überhöhten Vergütungen zu. Institutionelle Investoren wie Pensionskassen müssen transparenter werden und müssen ihren eigenen Versicherten Rechenschaft darüber ablegen, wie ihre Stimmrechte wahrgenommen werden. Diese Tendenzen spüren wir in diesem Jahr stärker als früher.

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Sehen wir in der Schweiz die Auswirkungen der Minder-Initiative?
Ja, das Beispiel Credit Suisse ist in diesem Zusammenhang sehr spannend. Wenn die Abstimmungen über die Vergütungen wie in vielen Ländern nur konsultativ und nicht bindend wären, hätte die Konzernleitung der Bank kaum freiwillig auf 40 Prozent ihrer Boni verzichtet. Wegen der Minder-Initiative bestand die reale Gefahr, dass der Vergütungsbericht an der GV abgelehnt wird.

Trotz dem Bonusverzicht empfehlen Sie weiterhin die Ablehnung der verschiedenen Vergütungen für die Geschäftsleitung und den Verwaltungsrat.
Die Vergütungen sind angesichts der Resultate weiterhin zu hoch. Die Credit Suisse hat tausende Arbeitsplätze gestrichen und der Aktienkurs ist im Keller. Da erwarten wir Solidarität der Führung mit den Mitarbeitern und Aktionären.

Sie wollen den Mitgliedern des Verwaltungsrates und der Geschäftsleitung die Entlastung verweigern. Warum?
Es ist wichtig, dass wir als Aktionäre alle Möglichkeiten behalten. Im Steuerstreit gibt es noch viel Unsicherheit und es kommen immer wieder neue Verfehlungen ans Tageslicht. Mit der Entlastung würden wir auf alle Schadenersatzansprüche verzichten. Dafür ist es aus unserer Sicht noch zu früh.

Zudem empfiehlt Ethos die Abwahl von Verwaltungsratspräsident Urs Rohner. Was hat er zu verantworten?
Das Vertrauen in die Credit Suisse ist stark gesunken. Rohner ist seit 2004 in der Führung der Bank und seit 2011 Verwaltungsratspräsident. Er hat damit die Probleme mitzuverantworten. Eine Neubesetzung an der Spitze könnte eine neue Dynamik entfachen und das verlorene Vertrauen zurückgewinnen.

Was hat die Bank denn so schlecht gemacht in den letzten Jahren?
Als Vertreter der Pensionskassen haben wir viel Geld mit der Bank verloren. Die Credit Suisse ist in zahlreiche juristische Probleme verwickelt und hat mit dem Strategiewechsel zu lange gewartet. Erst im Oktober 2015 wurde die Verkleinerung des Investmentbankings beschlossen, die wir schon lange gefordert hatten. Und der damals verkündete Börsengang des Schweiz-Geschäfts wurde sogar wieder abgesagt. Die UBS, die schon 2011 umstrukturiert hat, ist viel besser aufgestellt als die Credit Suisse.

Wie schätzen Sie die Chancen ihrer Empfehlungen an der GV ein?
Die Vergütungen dürften nach den Zugeständnissen der Konzernleitung trotz grossem Widerstand durchkommen. Gegen die Entlastung des Verwaltungsrats und der Geschäftsleitung und gegen die Wiederwahl von Urs Rohner stehen wir mehr oder weniger alleine da. Hier geht es darum, ein Zeichen zu setzen für eine konsequente Umsetzung der neuen Strategie.

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Was für eine Vergütung würden Sie der Credit Suisse für 2016 geben, wenn Sie alleine entscheiden könnten?
Für das letzte Jahr würden wir die variable Vergütung ganz streichen. Und auch die Zuteilung von Aktien ist im Vergleich mit anderen europäischen Banken viel zu gross.

Und wenn die Credit Suisse gut abgeschnitten hätte?
Wir empfehlen eine Obergrenze des dreifachen Grundsalärs für die variable Vergütung, wenn die Resultate wirklich gut sind. Doch bei der Credit Suisse ist schon der Grundsalär im Vergleich zu anderen Banken ziemlich hoch. Die Gesamtvergütung ist auch viel zu hoch, weil sie sich bei der Festlegung der Gehälter fast nur an US-Banken orientiert. Aus Europa gehören nur die UBS und die Deutsche Bank zu ihrer Vergleichsgruppe – dies ist ein wichtiger Grund für die verfehlte Lohnpolitik.

*Vincent Kaufmann ist seit 2015 Direktor der Ethos Stiftung. Ethos wurde 1997 von zwei Genfer Pensionskassen gegründet und hat sich zum Ziel gesetzt, die anvertrauten Gelder nach ethischen Gesichtspunkten zu investieren und das Stimmrecht für Aktionäre verantwortungsbewusst auszuüben. Die Wirtschaft soll aus Sicht von Ethos die Interessen der Gesellschaft als Ganzes langfristig wahren.