Medienberichte wie jene im Sommer 2010 über die Titlisbahnen, wo der Chefbuchhalter mehrere Millionen Franken veruntreut haben soll, schrecken zwar kurzzeitig auf, dennoch unterschätzen viele Unternehmer die Gefahr, selber Opfer eines Wirtschaftsdeliktes zu werden. Statistiken zeigen, dass auch Schweizer KMU viel stärker von Wirtschaftsdelikten betroffen sind, als gemeinhin angenommen wird. Dabei reicht die Palette an Wirtschaftsdelikten vom unredlichen Verhalten gegenüber Firma und Arbeitskollegen bis hin zu Korruption und Veruntreuung (siehe Tabelle).

Unterschiedliche Ursachen

Auf allen Mitarbeiterstufen anzusiedeln ist das unredliche Verhalten gegenüber dem Arbeitgeber. Das «Schummeln» bei der Arbeitszeit, bei Abwesenheiten und bei Spesen oder auch das private Verwenden von Büromaterial wird meist damit begründet, dass andere das auch machen und dass dies für die Unternehmung kaum ins Gewicht fällt. Subjektiv wird dies auch damit gerechtfertigt, dass die für die Unternehmung erbrachte Leistung schon fast einen Anspruch auf die Nutzung der Firmenressourcen generiert. Wesentlich höher liegt die Hemmschwelle beim Diebstahl von Bargeld und Gütern oder bei der Veruntreuung von Vermögenswerten, denn im Gegensatz zum unredlichen Verhalten wird Diebstahl eindeutig als Delikt wahrgenommen. Auch Diebstahl und Veruntreuung sind auf allen Mitarbeiterstufen anzutreffen. Die Gefahr erhöht sich aber dort, wo sich entsprechende Gelegenheiten bieten und wo die notwendigen Kontrollmassnahmen fehlen. Dies erklärt auch die Tatsache, dass derartige Delikte vorwiegend auf Kaderstufe stattfinden.

Ein wesentlicher Erfolgsfaktor von KMU bildet die Motivation der Mitarbeitenden auf allen Stufen, gefördert durch interessante und breitgefächerte Arbeit sowie einen familiären Umgang mit einem hohen Grundvertrauen in die Mitarbeiter. Infolge der flachen Hierarchien vereinigen wenige Schlüsselpersonen zentrale Funktionen der Unternehmung auf sich. Die Kunst des Unternehmers liegt darin, geeignete Kontrollmassnahmen einzuleiten, ohne die Vertrauensbasis zu verletzen. Notwendig ist das Durchsetzen von altbekannten Grundsätzen.

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Vorbildfunktion: Ob es der Unternehmer wahrhaben will oder nicht: Bei Wirtschaftsdelikten, gerade aber beim unredlichen Verhalten, spielt die Vorbildfunktion eine Hauptrolle. Wieso soll sich der Mitarbeiter korrekt und redlich verhalten, wenn der Vorgesetzte unredliches Verhalten vorlebt, Spesen nicht korrekt abrechnet, Arbeitszeiten nicht einhält, Sozialabgaben nicht korrekt abliefert … Und all das nur, weil er der Chef ist?

Bewusstsein für Deliktsrisiken fördern: Der familiäre Rahmen von KMU erschwert kritische Fragen zu Unterschlagungsrisiken auf oberer Führungsebene, aus Angst, «altgediente» Personen in ihren Kompetenzen oder Privilegien zu beschneiden und sie zu verletzen. Deshalb muss auf oberster Führungsstufe eine Sensibilisierung für Unterschlagungsrisiken stattfinden, ohne dass eine eigentliche Misstrauenskultur entsteht. Den Deliktrisiken ist deshalb ein angemessenes Gewicht beizumessen.

Funktionentrennungen: Dort, wo eine Person mehrere Funktionen, insbesondere im Zahlungsverkehr und in der Vermögensverwaltung, auf sich vereint, besteht ein erhöhtes Risiko für Veruntreuungen. Als Schutzmassnahme drängen sich auch im Informatikzeitalter die altbekannten Prinzipien der Funktionentrennung und des Vieraugenprinzips auf.

Ahndung von Fehlverhalten

Doch die beste Funktionentrennung bleibt ohne entsprechende Zugriffsberechtigungen und -beschränkungen für EDV-Programme und Daten wirkungslos. Deshalb sollten periodisch die Zugriffsberechtigungen und Administratorenrechte kritisch hinterfragt werden. Kollektivunterschriften und Doppelpasswörter im E-Bankingverkehr gehören auch bei KMU heute zum Standard. Doch dies alles nützt nichts, wenn der Bequemlichkeit halber bei Abwesenheiten (Ferien, Militär, Krankheit etc.) die Passwörter oder Zugangscodes gegenseitig ausgetauscht oder zugänglich gemacht werden. Bei manuellen Zahlungsvorlagen wird häufig auch die eigentliche Kontrolle der Übereinstimmung mit den Ursprungsbelegen (Rechnungen, Listen etc.) vernachlässigt. Im Bereich des Zahlungsverkehrs sind deshalb unmissverständliche Vorgaben und eine strikte Ahndung von Fehlverhalten notwendig.

Obwohl in der Öffentlichkeit meist nur die spektakulären Fälle bekannt werden, sind KMU viel stärker von Vermögensdelikten betroffen als gemeinhin angenommen wird. Vermindern lassen sich die Ri-siken für Vermögensdelikte nicht durch eine Unzahl an zusätzlichen Kontrollen, sondern durch eine systematische Beurteilung der Deliktsrisiken und durch die altbekannten Prinzipien der Funktionentrennung und des Vieraugenprinzips. Grundvoraussetzung bildet immer auch die Vorbildfunktion des Unternehmers und seiner obersten Kader.