In Ihrer Jugend lasen Sie die Mao-Bibel. Haben Sie diese wieder hervorgeholt, jetzt wo das kapitalistische System hinterfragt wird?

Dieter Scheiff: Es trifft zu, dass ich die Mao-Bibel studiert habe und die «Pekinger Volkszeitung» einmal zugestellt kriegte. Ich halte es für vernünftig, dass man als Jugendlicher eher linke Werte vertritt. Dadurch bin ich auch geworden, was ich heute bin. Ich glaube aber nicht, dass wir einen Systemwechsel brauchen. Mich erstaunt auch ein wenig, wie schnell die Leute vergessen, was wir vor knapp 20 Jahren gesehen haben - nämlich den Zusammenbruch von kommunistischen Systemen. Ich bin für Freiheit, Markt, persönliches Engagement und Selbstverantwortung.

Also gegen staatliche Interventionen.

Scheiff: Im Leben muss man auch pragmatisch sein.

Wo sehen Sie die stärksten Auswirkungen der Finanzkrise?

Scheiff: Die Finanzkrise hat inzwischen die Realwirtschaft aller Länder erfasst. Am deutlichsten sehen wir dies in den USA, in Europa trifft es zurzeit Grossbritannien, Spanien und Italien am stärksten.

Und die Schwellenländer?

Scheiff: Im Moment wachsen die Schwellenländer noch zweistellig. Das Wachstum hat sich verlangsamt. Es ist absehbar, dass es weiter abflacht. Ich rechne nicht mit einem negativen Wachstum. Aber auch darauf können wir uns nicht verlassen.

Deutschland und Japan hatten im 3. Quartal 2008 noch zugelegt, hat sich das geändert?

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Scheiff: Ende September lag unser organisches Wachstum für die Gruppe bei rund minus 8%. Wie erwartet hat sich dieser Trend im 4. Quartal deutlich verschärft. Wir rechnen mit einem schwierigen 2009 für alle Länder und Regionen.

Ist Adecco in den USA so aufgestellt, dass Sie weiter abbauen könnten?

Scheiff: Ja, und wir müssen unsere Kapazitäten weiter der Umsatzentwicklung anpassen. Dies einerseits, um ein Deleveraging zu verhindern. Und andererseits, bestünde die Gefahr, dass die Filialleiter versuchen, die Kapazitäten auszulasten, und die Preise drücken, um mehr Umsatz zu erzielen. Zurzeit verhalten sich die Marktteilnehmer sehr viel rationaler als beim letzten Abschwung am Anfang des Jahrtausends.

Adecco hat 2008 über 1100 Stellen abgebaut. Wird sich das 2009 akzentuieren?

Scheiff: So wie der Umsatz sinkt, so werden wir die Kosten anpassen müssen und Personal abbauen. Ich möchte aber betonen: Wir arbeiten auch strukturell an der Verbesserung von Adecco und senken nicht blind unsere Kosten - etwa indem wir effizienter werden, Synergien schaffen und unser Geschäft besser segmentieren. Wir investieren auch gezielt, damit wir bereit sind, wenn der Aufschwung kommt. Dennoch ist es nicht einfach, wenn man sich von Mitarbeitern trennen muss.

Sie haben vor Jahresfrist die Zahlen aus der Bain & Company-Studie zitiert, wonach die Zeitarbeit in Europa seit 2002 700000 Stellen schaffen konnte und dass das Potenzial bis 2012 bei 2,1 Mio Stellen liegt. Der das sind doch die ersten Stellen, die jetzt gestrichen werden.

Scheiff: Zum Teil werden diese Stellen jetzt gestrichen, aber es werden auch sehr schnell wieder neue Stellen geschaffen.

Jetzt ist alles anders. Auch Ihre Mittelfristprognose für ein jährliches Wachstum von 7 bis 9% ist hinfällig.

Scheiff: Das ist ein langfristiges Ziel wie auch die Ebita-Marge von 5%. Es wurde 2006 unter der Voraussetzung guter wirtschaftlicher Rahmenbedingungen gesetzt, und davon können wir nun wirklich nicht reden. Wohlgemerkt haben wir das Margenziel von 5% auch im 3. Quartal 2008 erreicht, und ich bin gewiss, dass wir mittelfristig daran festhalten können und es sogar zu übertreffen vermögen. In einem Jahr der Rezession ist das natürlich sehr unwahrscheinlich. Das Wachstum wird 2009 negativ sein, aber mittelfristig kann ich mir Raten von 7 bis 9% durchaus vorstellen. Der nächste Aufschwung kommt bestimmt; ich bin überzeugt, dass die Zeitarbeit sehr stark wachsen wird. Die Kunden brauchen die Flexibilisierung mehr denn je; und es gibt auch viele Arbeitnehmer, die keine Lebensstelle mehr wollen. Bis jetzt ist die Zeitarbeit nur in den niedrigen Qualifikationen angekommen, jetzt kommt diese Flexibilität vermehrt in die höheren Qualifikationen.

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Wo hat Adecco Potenzial, die Profitabilität zu steigern?

Scheiff: Mit Frankreich haben wir bewiesen, dass wir die Profitabilität im bestehenden Geschäft erhöhen können, indem wir effizienter sind. Es ist wichtig, dass wir Kostenführer bleiben. Wir werden diese Position durch weitere Effizienzsteigerungen verbessern. Auch wollen wir im Professional Staffing weiter wachsen. Wenn Länder wie Italien und Deutschland mit niedriger Penetration und hoher Marge eine stärkere Gewichtung bekommen, wirkt das ebenfalls margensteigernd.

Vor zwei Jahren wollten Sie den Anteil vom Professional Staffing innert vier Jahren von 18 auf 21/22% erhöhen. Wo stehen Sie jetzt?

Scheiff: Immer noch bei 18%. Die derzeit schwierigen Märkte USA und England machen rund 40% des Professional Staffing aus.

Bleibt der Fachkräftemangel trotz Abbau akut?

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Scheiff: Wir werden in der Zukunft eine noch stärkere Trennung zwischen den niedrigen und höheren Qualifikationen zu sehen bekommen. Einen CNC-Mechaniker, Fräser, Dreher oder einen People-Soft-IT-Experten zu finden, ist nach wie vor sehr schwierig. Das Problem unserer entwickelten Gesellschaften wird sein, dass die Menschen mit einer niedrigen Qualifikation im direkten Wettbewerb stehen mit tiefer bezahlten Menschen aus Entwicklungsländern. Umso wichtiger ist es gerade in diesen Zeiten, dass sich Mitarbeitende weiterbilden. Wir investieren jährlich über 150 Mio Euro in die Aus- und Weiterbildung unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Halten Sie die Personenfreizügigkeit für den Schweizer Arbeitsmarkt auch in einer Rezession für unabdingbar?

Scheiff: Die Arbeitsmärkte sind generell recht immobil, sie müssen mobiler werden und dazu gehört auch die Personenfreizügigkeit. Die Schweiz - vielleicht sind ein bisschen zu viele Deutsche da (lacht) - hat grundsätzlich von der Personenfreizügigkeit für das Wirtschaftswachstum profitiert. Wir sind auf Spezialisten angewiesen, auch in rezessiven Phasen.

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Wie gravierend wäre für Adecco ein Nein bei der Abstimmung?

Scheiff: Die Märkte werden immer durchlässiger, und die Länder, die eine Personenfreizügigkeit zulassen, werden langfristig im globalen Wettbewerb besser dastehen, weil sie besser ausgebildetes Personal anziehen und ihren Fachkräftemangel beheben können.

Zu viele Deutsche kann es also nicht geben.

Scheiff: Ich, als Deutscher, sage meinen Kindern immer, wir sind hier zu Gast und dementsprechend müssen wir uns auch benehmen. Wenn ich mich entschieden habe, in ein fremdes Land zu gehen, muss ich das auch mit einem Stückchen Achtung vor diesem Land tun.

Die Schweizerinnen und Schweizer sollten auch froh sein, wenn ihnen jemand die Kassen der Sozialwerke füllt, ohne etwas zu beanspruchen.

Scheiff: Die gefühlte Situation und die Statistik sind immer zwei unterschiedliche Dinge. Darum hängt die Wahrnehmung auch immer sehr mit dem Benehmen der einzelnen Volksgruppen zusammen.

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Sind Sie inzwischen erleichtert, dass die Übernahme der britischen Michael Page nicht gelungen ist, ist doch Page stark exponiert gegenüber der Finanzbranche?

Scheiff: Wir haben jetzt eine sechsmonatige Auszeit, deshalb darf ich mich nicht zu Page äussern. Wir haben von Anfang an gesagt, dass wir finanziell sehr diszipliniert sein wollen und haben dementsprechend auch kein Angebot unterbreitet.

Sie haben bei der DIS-Übernahme aber Erfahrungen gemacht, wie Aktionäre Ihnen Steine in den Weg legen können.

Scheiff: Ja, aber ich habe auch immer gesagt, andere Mütter haben auch schöne Töchter. Wenn man von einer Übernahme spricht, dann braucht es Zeit, um Vertrauen aufzubauen und sich kennen zu lernen. Denn wir kaufen nicht Produktionshallen oder Patente. In unserem Geschäft arbeiten wir mit Menschen zusammen. Das geht nur, wenn beide Seiten voneinander überzeugt sind.

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Sie sagten einst, Adecco stünden 1,4 Mrd Euro für Übernahmen zur Verfügung.

Scheiff: Zurzeit sind die Kreditmärkte zu, egal wie gut die Bonität der Firma ist. Solange die Kreditmärkte nicht wieder aufgehen, werden wir keine grossen Investitionen tätigen, da die Konditionen unattraktiv sind. Gezielte Akquisitionen, die wir aus dem Cashflow finanzieren können, sind aber weiterhin möglich.

Rechnen Sie heuer mit einem Aufschwung?

Scheiff: Es mag sein, dass wir im 4. Quartal erste zaghafte Anzeichen eines Aufschwungs in den USA sehen werden. Wir stellen uns jedoch auf zwei sehr anspruchsvolle Jahre ein.