Die Aktienmärkte haben sich seit März stark erholt. Der Umsatzrückgang bei den strukturierten Produkten an der Derivatebörse Scoach beläuft sich aber nach wie vor auf 40 bis 50%. Als Ursache kann nun nicht mehr die schlechte Marktlage verantwortlich gemacht werden ?

Esther Thoma: Bei uns sind die Volumen der strukturierten Produkte im Mai wieder leicht angestiegen. Aber das heisst nicht, dass das schon eine Trendwende ist. Seit der letztjährigen Krise hat eine enorme Verlagerung stattgefunden von Aktien als Basiswerte in Fixed Income, Währungen und Rohstoffe. Historisch bedingt sind diese viel weniger kotiert. In der Öffentlichkeit redet man vor allem von Aktienprodukten und dort sind die Volumen tatsächlich immer noch viel tiefer als letztes Jahr.

Das heisst, die ausserbörslichen (over-the-counter, OTC) Produkte laufen besser als die kotierten?

Thoma: Ja, aber das hat weniger damit zu tun, ob es ein OTC-Produkt oder ein kotiertes ist, sondern mit den Basiswerten.

Sie sagen, eine Trendwende stehe noch nicht bevor. Wann rechnen Sie mit einer nachhaltigeren Erholung?

Thoma: Das ist schwierig zu sagen, ich habe leider auch keine Glaskugel. Aber ich glaube, wenn die Aktienmärkte weiter wie in den letzten Monaten eher aufwärts tendieren oder wenigstens stabil sind, kommen die Kunden langsam zurück. Länger wird es sicher dauern, bis die Privatkunden, die im Aktienmarkt viel Geld verloren haben, wieder Mut finden. Aber wir sehen schon, dass zum Beispiel professionelle Kunden zurückkommen.

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Bereits haben sich Emittenten aus dem Markt zurückgezogen und es wurden massiv Stellen abgebaut. Auch bei der UBS?

Thoma: Es wurden Anpassungen beim Personal gemacht, die den geringeren Volumen Rechnung tragen.

In welchem Ausmass?

Thoma: Dies ist je nach Bereich unterschiedlich. Auf Teamstufe veröffentlichen wir zum Abbau keine Zahlen.

Wie können Emittenten langfristig im Markt überleben?

Thoma: Das Wichtigste ist, dass sie in die Infrastruktur investieren können, um effizient zu emittieren. Der Trend geht ganz klar in Richtung einfachere Produkte. Auf der anderen Seite wird es für sehr professionelle Kunden, vermögende Privatkunden und institutionelle Kunden immer einen Markt für Speziallösungen geben. Deshalb muss die Bank flexibel und kostengünstig sein, um die Stückkosten pro Emission tief zu halten. Sonst kann man nicht konkurrieren.

Sie beobachten auch einen Trend in Richtung massgeschneiderte Lösungen?

Thoma: Ja. Bei uns im Haus haben wir ein Investor-Tool, das es dem Kundenberater ermöglicht, Standardprodukte auf die Bedürfnisse eines Kunden masszuschneidern. Der Kundenberater kann also Laufzeit, Strike und Barriere dort festlegen, wo es für den Kunden Sinn macht. Die minimale Grösse beträgt 20 000 Fr. Die Volumen der Aktienprodukte, die über dieses Tool laufen, haben viel weniger abgenommen als die Volumen an der Börse.

Sie sind Vorstandsmitglied des Schweizerischen Verbandes für Strukturierte Produkte (SVSP). Im Februar wurde an einer Pressekonferenz das Projekt der besicherten Zertifikate vorgestellt. Die Einführung war auf Anfang April angekündigt. Seither ist es recht still geworden ?

Thoma: Das Projekt läuft in enger Zusammenarbeit mit der Schweizer Börse SIX, wo auch die Projektleitung liegt. Der Verband versucht natürlich so gut wie möglich zu unterstützen. Zurzeit führt die SIX mit den wichtigsten Emittenten Gespräche, die sich primär um rechtliche Fragen sowie die Prozesse für das Collateral-Management drehen. Das nimmt einige Zeit in Anspruch.

Wurde der Aufwand unterschätzt?

Thoma: Man hat vielleicht damals bei Projektbeginn den Aufwand wirklich unterschätzt.

Wie gross wird überhaupt die Nachfrage nach diesen besicherten Zertifikaten ausfallen?

Thoma: Das ist eine sehr interessante Frage. Ich glaube schon, dass die Absicherung gegen den Emittentenausfall einem Kundenbedürfnis entspricht. Die entscheidende Frage ist aber, ob die Investoren bereit sind, einen Aufpreis dafür zu bezahlen.

Wie hoch wird der Aufschlag sein?

Thoma: Die Kosten werden nicht bei jeder Bank gleich sein. Neben den effektiven Kosten für das Collateral hängen sie auch von den Refinanzierungskosten des jeweiligen Emittenten ab. Aber grundsätzlich muss man damit rechnen, dass der Aufschlag zwischen 30 und 100 Basispunkten pro Jahr kosten wird.

Ein weiteres Anliegen des Verbandes ist es, dass nur noch Produkte verkauft werden, die auch wirklich zum Kunden passen. Wie realistisch ist es, dass ein UBS-Kundenberater tatsächlich vom Kauf eines strukturierten Produktes abrät?

Thoma: Der Kundenberater will ja mit dem Kunden über längere Zeit zusammen arbeiten und ein Vertrauensverhältnis aufbauen, wenn er es nicht schon hat. Da ist es absolut zentral, dass er dem Kunden sagt, was er gut und was er weniger gut findet. Und der Kundenberater muss dem Kunden das Produkt so erklären können, dass er es versteht.

Der Kundenberater hat keine finanziellen Anreize, ein strukturiertes Produkt der UBS zu verkaufen?

Thoma: Es gibt im strukturierten Markt Vertriebskommissionen. Aber das hängt nicht davon ab, ob es sich um ein UBS-Produkt oder ein anderes handelt. Unser Wealth Management entscheidet, für welche Kunden welche Produkte Sinn machen. Entsprechend kaufen sie das Produkt - auch bei anderen Emittenten - ein, und präsentieren es dem Kunden.

Wie hoch sind die Vertriebskommissionen im Vergleich mit Konkurrenten?

Thoma: Ich bin nicht über die Geschäftspraxis aller Banken informiert. Aber ich nehme an, dass die Unterschiede nicht sehr gross sind.

Die CS wurde dafür kritisiert, dass sie sehr offensiv Lehman-Produkte verkaufte, weil die Vertriebskommissionen offenbar hoch waren ...

Thoma: Ich habe keine Ahnung, wie hoch diese waren. Ich bin auch nicht sicher, ob die Zahlen stimmten, die herumgeisterten. Daher ist es schwierig, hier eine Aussage zu machen.

Hat der Bereich strukturierte Produkte der UBS Lehren gezogen aus der Finanzkrise? Wurden konkrete Massnahmen ergriffen?

Thoma: Nicht bei den grundsätzlichen Strukturen, wie das Geschäft aufgebaut ist. Wir haben das Tempo in Sachen Prozessverbesserung erhöht, um dem Bedürfnis nach einheitlichen Standards, grösserer Transparenz und verbesserter Risikoaufklärung nachzukommen.

Sie haben gesagt, dass bei der Infrastruktur noch Nachholbedarf herrscht.

Thoma: Absolut. In der Vergangenheit war es oftmals ein Problem, dass die involvierten Teilnehmer - also die Börse, Telekurs, SIS, Emittenten, Reuters, Bloomberg - die Stammdaten von Produkten manuell in die Systeme eingaben. Und bei einer grossen Anzahl an Produkten wird der Aufwand irgendwann riesig und die Qualität stimmt auch nicht mehr. Manuell passieren einfach zu viele Fehler.

Werden heute noch viele Daten manuell eingegeben?

Thoma: Oh ja (lacht).

Auch bei der UBS?

Thoma: Spezielle Produkte werden auch heute noch manuell erfasst, aber die Standardprodukte sind automatisiert.

Wenn Sie die Umsätze bei der UBS anschauen, sind die ungefähr vergleichbar mit Scoach? Haben Sie auch 40 bis 50% weniger Umsatz bei den strukturierten Produkten erzielt?

Thoma: Bei den Aktienprodukten dürfte sich die Umsatzentwicklung in ähnlichem Rahmen bewegen. Aber die Verlagerung in andere Basiswerte wie Zinsen, Währungen oder Rohstoffe konnte die Entwicklung etwas mildern.

Die UBS wird an der diesjährigen Derivatemesse nicht teilnehmen. Ist das nicht ein gefährliches Signal?

Thoma: Der Entscheid ist ganz einfach: Kosten sparen. Bei uns im Haus werden in allen Bereichen die Kosten reduziert. Das gehört halt zur Gesundung eines Konzerns dazu. Aber das hat nichts mit der Ausrichtung der UBS im Bereich Derivate zu tun.

Wie viel Geld konnte dadurch eingespart werden?

Thoma: Die Kosten lagen im unteren sechsstelligen Bereich.

Im Verband wird darüber diskutiert, die OTC-Produkte öffentlich zugänglich zu machen, also auf eine gemeinsame Plattform zu stellen. Wie denken Sie darüber?

Thoma: Grundsätzlich sind wir daran sicher interessiert. Unsere eigenen OTC-Produkte stellen wir ja sowieso auch auf unserer Internetseite öffentlich zur Verfügung. Es gibt keinen Grund, da etwas zu verheimlichen.

Können Sie sich noch an das erste strukturierte Produkt erinnern, das Sie gekauft haben?

Thoma: Das allererste war ein Warrant auf Gurit. Es war während meiner Ausbildung bei der Bank. Dort habe ich mit 20 Jahren ein Praktikum absolviert. Meine dortigen Kollegen haben darüber gesprochen und da dachte ich, dass auch ich mitmachen müsse (lacht).

Haben Sie Geld gewonnen?

Thoma: Nein, ich habe verloren. Das gehört aber zum Lernprozess. Es ist wichtig, dass man eine solche Erfahrung auch einmal erlebt hat. Unterdessen bin ich nicht mehr aktiv in Hebelprodukte investiert, ich halte mich eher an die konservativeren Anlagen ...