Kaum eine andere Technik hat den Alltag in zwei Jahrzehnten so drastisch verändert wie das World Wide Web (WWW): Der Zugang zu HTML-Dokumenten über Datenleitungen wurde am 30. April 1993 für die öffentliche Nutzung freigeschaltet.

Zwei Jahrzehnte später umfasst das Web mindestens 14 Milliarden Webseiten. Die Technik zur Vernetzung von Dokumenten und für ihre Übertragung in Form von einzelnen Datenpaketen stand 1993 bereits zur Verfügung: Die beiden Standards, HTML und HTTP, waren die Basis für die Geburt des Webs am Europäischen Teilchenforschungszentrum (Cern) bei Genf.

Dem Forscher Tim Berners-Lee ging es damals darum, mehr Übersicht im Informationschaos des Zentrums zu schaffen. Am 13. März 1989 legte er sein Thesenpapier «Informationsmanagement: Ein Vorschlag» vor. Zum Weihnachtsfest 1990 legte der Brite an mit info.cern.ch den ersten Web-Server der Welt an.
Vom Cern nach Kalifornien

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Die Technologie aus Europa verbreitete sich schnell: Im September 1991 wurde der erste Web-Server in den USA eingerichtet, wieder bei einer Forschungseinrichtung für Kernphysik, am Teilchenbeschleuniger SLAC im kalifornischen Stanford. Dann entwickelte der Student Marc Andreessen 1993 die Software Mosaic, den ersten Browser für das World Wide Web und legte so die Grundlagen für die allgemeine Nutzung.

«Der Anfang war sehr zäh», erinnert sich der Netztechnik-Pionier Michael Rotert, der einen der ersten Internet-Provider in Deutschland mit gegründet hat, die Firma Xlink in Karlsruhe. «Die Firmen haben gesagt: 'Warum sollen wir eine Webseite einrichten, wer soll das denn angucken?'», sagte Rotert im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa.

«Da gibt es doch nichts»

«Und die breite Masse hat gesagt: «Was sollen wir im World Wide Web, da gibt es doch nichts.»» Rotert erhielt 1984 die erste E-mail, die in Deutschland einging.

Nach dem schleppenden Beginn in Europa wurde die Web-Entwicklung vor allem in den USA weiter vorangetrieben. Tim Berners-Lee ging 1994 nach Boston, um am Massachusetts Institute of Technology (MIT) das World Wide Web Consortium (W3C) zu gründen. In diesem Gremium werden unter seiner Leitung bis heute die technischen Entwicklungen des Webs standardisiert.

Längst verknüpft das Web nicht mehr nur statische Dokumente aus Texten und Bildern, zwischen denen man beschaulich hin und her «surfen» kann. Statt einzelner Dokumente sind es inzwischen zunehmend komplexe Anwendungen mit der Verbindung zu umfangreichen Datenbanken, die das Web vernetzt.

«Jede Webseite ein kleiner Computer»

«Jede Webseite kann ein kleiner Computer sein», sagte dazu Berners-Lee im vergangenen Jahr in Berlin. Mit dem aktuellen Web-Standard HTML5 überwindet das Web die engen Grenzen des Browsers und wird zur Plattform für mobile Apps, zum Betriebssystem. Das Mozilla-Projekt Firefox OS für besonders einfache Smartphones ist dafür nur ein erster Ansatz.

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So selbstverständlich das Web auch geworden ist - seine Grundpfeiler Freiheit und Offenheit sind nicht ungefährdet. Soziale Netzwerke wie Facebook oder im mobilen Internet Apple und der Android-Entwickler Google versuchen, die Nutzer in ihren eigenen Welten zu halten.

Wichtig für die Meinungsfreiheit

Kritiker sprechen von geschlossenen Systemen, in denen die Nutzer gefangen gehalten werden. Berners-Lee ist zuversichtlich, dass sich der offene Ansatz letztlich als attraktiver erweisen werde: «Das Web ist jetzt wichtiger für die Meinungsfreiheit als jedes andere Medium.»

Die Grundprinzipien aus der akademischen Anfangszeit des Netzes sollten nicht ohne Not aufgegeben werden, mahnt der deutsche Netzpionier Rotert, der seit 1999 auch Vorstandsvorsitzender beim Eco ist, dem Verband der deutschen Internetwirtschaft.

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Dies gelte vor allem für den Grundsatz der Netzneutralität, der gleichberechtigten Übermittlung aller Datenpakete im Netz, gleich welcher Herkunft und Anwendung: «Das muss so bleiben - sonst bekommen wir ein Zwei-Klassen-Internet, und das tut niemandem gut, weder dem Business noch den Benutzern.»

(rcv/sda)