Die für die Schweizer Hersteller besonders wichtige deutsche Industrie hat ihre Talfahrt in den letzten Monaten zwar beschleunigt. Die Umsätze sanken laut den aktuellsten Zahlen im Februar preis- und kalenderbereinigt gegenüber dem Vorjahr um 23%, in der Autoindustrie gar um 40%, trotz der im Januar beschlossenen Abwrackprämie. Für umso mehr Aufsehen sorgte kurz nach Ostern ein Grossauftrag ausgerechnet aus dieser Branche. BMW schloss mit ABB einen Rahmenvertrag über 2100 Industrieroboter ab, die ab 2010 innerhalb von fünf Jahren an die BMW-Werke geliefert werden sollen. «Es ist ein Lichtblick, aber noch keine Trendwende», deutet ABB-Sprecher Wolfram Eberhardt die Bestellung.

Optimisten werden fündig

Es gibt also selbst in der arg gebeutelten Autoindustrie erste positive Signale. Bei Porsche zum Beispiel gingen im März mehr Bestellungen ein als im gleichen Monat des Vorjahres. BMW will im Mai im Werk Regensburg die Produktion von Kurzarbeit wieder auf Normalbetrieb hochfahren und rechnet bereits 2010 mit einer signifikanten Markterholung. Der Weg aus der Krise dürfte allerdings noch lang sein. «Es gibt noch keine Anzeichen, die uns sagen würden, dass es bereits deutlich aufwärts geht», erklärt zum Beispiel Christian Thalheimer, Mediensprecher des Autozulieferers Georg Fischer. Die meisten Konjunkturexperten rechnen jedenfalls mit einer weiteren Schrumpfung der Autoindustrie, allerdings mit geringerer Fallgeschwindigkeit.

Das wiederum deuten Optimisten sofort als Hoffnungsschimmer, zumal sie auf der Suche nach weiteren Silberstreifen am Horizont in anderen Branchen durchaus fündig werden. So verzeichnete der weltweit tätige Logistikkonzern Kühne+Nagel in den vergangenen Wochen im Seeverkehr eine leichte Belebung des Geschäfts. Allerdings: So ganz traue er dem Frieden nicht, erklärte zu den Zahlen VR-Präsi- dent Klaus-Michael Kühne in einem Zeitungsinterview zu den Zahlen.

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Zuversichtlich gibt sich auch Matthias Währen, Finanzchef des Riechstoffherstellers Givaudan. Zwar registrierte das Unternehmen im 1. Quartal 2009 im Vergleich zur Vorjahresperiode einen Umsatzrückgang von 7,3%, aber immerhin gab es im aufstrebenden lateinamerikanischen Markt ein zweistelliges Wachstum, und die Ebitda-Zielmarge von 22,7% soll im nächsten Jahr erreicht werden können.

Talsohle bereits durchschritten

Und wie sind die positiven Meldungen aus der amerikanischen Finanzbranche zu sehen, so etwa die fürs 1. Quartal von den Banken Citigroup, Goldmann Sachs, JP Morgan und Wells Fargo präsentierten Milliardengewinne? «Man sollte einzelne Indikatoren nicht überinterpretieren», warnt Amyo Brunetti, Leiter der Direktion für Wirtschaftspolitik beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). Die Unsicherheit sei immer noch gross. Zuversichtlicher sind die Analysten der Bank Vontobel: «Es gibt Anzeichen dafür, dass bei der globalen Rezession das Schlimmste vorüber ist.» Sie stützen diese Aussage auf einige Indikatoren, welche die Talsohle bereits durchschritten und wieder ins Positive gedreht haben. Der jüngste Aufwärtstrend an den Börsen könnte mit einem Vorsprung von 6 bis 9 Monaten die Entwicklung der Realwirtschaft vorwegnehmen.

Logischerweise müsste es zuerst dort wieder aufwärtsgehen, wo vor einem halben Jahr der eigentliche Absturz der Wirtschaft mit der Insolvenz von Lehmann Brothers begann, also in den USA. Tatsächlich glaubt Präsident Barack Obama erstmals seit längerem wieder einen Hoffnungsschimmer ausmachen zu können. Die getroffenen Massnahmen, besonders das laufende Konjunkturstimulierungspaket, zeigten allmählich Zeichen der Wirksamkeit, erklärte er in seiner jüngsten Rede zur wirtschaftlichen Lage der Nation. Obama kann seinen Optimismus sogar auf ein paar Zahlen abstützen, etwa auf ein niedriger als erwartet ausgefallenes US-Handelsbilanzdefizit im Februar und auf Exporte, die im März im Vergleich zum Vormonat erstmals seit langem wieder um 1,6% anstiegen.

Mit China aus dem Schlamassel

Die positivsten Signale kommen dennoch weniger aus den USA, sondern aus dem Fernen Osten. In Singapur erwarten Marktbeobachter, dass die Talsohle erreicht ist und die Wirtschaft im 2. Quartal wieder ins Plus drehen könnte. In China schwächte sich das Wachstum im 1. Quartal zwar auf 6,1% ab - das geringste Plus seit Einführung der Statistik im Jahre 1992. Doch bereits im März zeigten viele Indizes wieder deutlicher nach oben. Das von der Regierung angekündigte staatliche Konjunkturprogramm in der Höhe von 680 Mrd Fr. beginnt offenbar zu wirken.

Experten trauen China zu, das für 2009 gesteckte Wachstumsziel von 8% zu erreichen. Von Chinas Staatspaket dürften nicht zuletzt auch Schweizer Unternehmen profitieren, so etwa die ABB. Sprecher Wolfram Eberhardt will zwar zu aktuellen Aufträgen aus China keine Zahlen nennen, stellt aber fest: «Die Lichtblicke sind tatsächlich die staatlichen Konjunkturprogramme, nicht nur in China, denn sie helfen, das Schlimmste zu verhindern.»

Die sich häufenden Positivmeldungen bedeuten vielleicht nicht mehr und nicht weniger, als dass es selbst in der schlimmsten Lage immer Lichtblicke gibt. Die wirkliche Erholung ist laut Nobelpreisträger Paul Krugmann erst dann in Sicht, wenn die Nachfrage des Endverbrauchers wieder steigt. Dies ist, wie die jüngsten Zahlen für den Detailhandel zeigen, noch längst nicht der Fall, im Gegenteil: Der Schweizer Detailhandel hat im Februar einen Umsatzrückgang um 3,1% erlitten.

Janwillem C. Acket, Chefökonom der Bank Julius Bär, warnt denn auch davor, ein Zwischenhoch falsch zu deuten. «Die Schweizer Wirtschaft ist spät in die Rezession gerutscht, und Anzeichen für einen Aufschwung, der diesen Namen wirklich verdient, sind noch nirgends auf den Wirtschaftsdaten zu erkennen», sagt er. Brunetti vom Seco rechnet damit, dass sich die weltweite Konjunktur Ende 2009 stabilisieren wird. Und: «Die Schweiz wird sich nicht vor der Weltkonjunktur erholen», zuerst müssten die Exporte anziehen.