Das Schreiben ans Personal zeugt von Nervosität. «Wenn Sie über die jüngsten Nachrichten sprechen, ist wichtig, dass auf keine Spekulationen eingegangen wird», befiehlt die Coutts-Zentrale in London ­ihren Mitarbeitern im Intranet.

Die Aufregung kommt nicht von ungefähr. Der Coutts-Bank, einem der ältesten Finanzinstitute der Welt und bekannt als Bank der britischen Queen, ist eine Datenpanne gewaltigen Ausmasses unterlaufen. Deutsche Fahnder konfiszierten vor Monatsfrist im Schiffshafen von Hamburg einen Cargo-Container mit rund 1000 Kisten, randvoll mit Dokumenten und Informationen aus dem Coutts-Ableger auf den Cayman Islands in der Karibik. Deutsche Medien machten den Zwischenfall am Wochenende publik. Sie berichteten von 14 000 Bankakten, die nun von den Behörden ausgewertet würden. Die Bankaufsicht Finma in Bern sagt, sie stünde mit der Bank in Kontakt.

Treffsichere Zöllner

Im Fokus ist der Schweizer Ableger von Coutts. Die Privatbank mit rund 750 Mitarbeitern und 15 Milliarden Franken Kundenvermögen war die Empfängerin der Geheimfracht. Ein Teil der beschlagnahmten Akten hätte von Hamburg aus weiter nach Genf in ein Coutts-Datencenter spediert werden sollen. Dort, so steht im Intranet-Leitfaden ans Personal, sollten die Unterlagen «sicher versorgt» werden.

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Warum deutsche Zöllner derart treffsicher auf den Coutts-Container gestos­sen sind, bleibt vorerst offen. In Coutts-Kreisen wird vermutet, dass die Behörden des Nachbarlands durch die vielen bisherigen Verfahren gegen Schwarzgeldsünder und Tausende von Selbstanzeigen einen Berg von Hinweisen auswerten könnten. Vielleicht kamen auch nachrichtendienstliche Mittel zum Einsatz. Nun stellt sich die dringende Frage: Was geschieht mit Coutts?

Der Fall erinnert an HSBC-Datendieb Hervé Falciani, der mit Daten von 3000 Kunden des Schweiz-Ablegers der englisch-asiatischen Grossbank flüchtete. Auch kommt einem Rudolf Elmer in den Sinn, der Schweizer «Whistleblower», der bis 2002 Vizechef der Julius Bär Bank & Trust Company auf den Cayman Islands war. Von dort kam später eine CD mit geschützten Daten in Umlauf, die ­Julius Bär jahrelang belastete und Elmer mehrere Strafverfahren einbrockte.

Auch bei der ins Visier geratenen Coutts Cayman handelt es sich um einen Trust-Ableger. In der «alten Welt» des unangetasteten Bankgeheimnisses wurden diese Niederlassungen für den Bau und das Verwalten von Strukturen genutzt. Gemeint sind juristische Vehikel, die keinen realwirtschaftlichen Nutzen vor Ort hatten, sondern von ihren Eigentümern einzig zum «Strukturieren» ihrer Vermögen genutzt wurden.

Dahinter mussten sich nicht zwingend Steuerdelikte verbergen. Steueranwälte in der Schweiz betonen seit Beginn des Zerfalls des Bankgeheimnisses, dass auch legitime Interessen wie Erbschaften, Privatsphäre oder legale Steueroptimierungen den wirtschaftlichen Hintergrund solcher Gebilde sein konnten. Nur ist inzwischen unbestritten, dass in vielen Fällen über solche Karibik-Vehikel Gelder vor dem Fiskus versteckt wurden.

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Ein Datenleck mehr

Grant McDonald, Sprecher des Coutts-Mutterhauses in London, betont, dass der Datenfall mit dem «Herunterfahren des Ablegers auf Grand Cayman» zusammenhänge, woher die Unterlagen zu Töchtern in Europa transportiert werden sollten. Das Management wisse nichts von einer laufenden Untersuchung gegen die Trust-Niederlassung in der Karibik. Zum Schutz der Kunden habe man Rechtsanwälte eingeschaltet, und man arbeite mit den Behörden zusammen, «damit die Papiere die Reise an ihren endgültigen Ort fortsetzen» könnten.

Im internen Coutts-Leitfaden zuhanden des Personals taucht die Frage auf, ob ein Zusammenhang mit einem Datenleck bestehe, das die Behörden des deutschen Bundeslands Nordrhein-Westfalen in den Besitz von über 1000 Datensätzen deutscher Kunden von Coutts Schweiz in der Schweiz brachte. «Zum jetzigen Zeitpunkt kennen wir das genaue Ausmass möglicher Untersuchungen nicht», gibt der Leitfaden zu.

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