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Deckel gegen Doping: Berlinger produziert für Olympia

Schwimmerin Ye Shiwen: Das 16-jährige Wunderkind aus China muss sich gegen Dopingvorwürfe wehren.

Niemand stellt sicherere Behälter für Dopingkontrollen her als die Toggenburger Firma Berlinger. An den Olympischen Spielen sind sie im Dauereinsatz.

Von Dominic Benz
am 08.08.2012

Mit eiligen Schritten geht Andrea Berlinger durch die Produktions­halle. «Das sind Tom und Jerry», sagt sie. So nennt die Chefin die beiden gelben Roboterarme, die hinter grossen Glasscheiben unentwegt werkeln. In zackigen Bewegungen beugen sie sich vor und zurück und drehen sich um die eigene Achse. Sie greifen nach Plastik- und Metallteilen. «Vor kurzem haben sie den millionsten Sicherheitsverschluss zusammengebaut», erzählt sie stolz.

Die Maschinen stehen seit zwei Jahren im Dauereinsatz und sorgen für eine schnellere Produktion. Das ist auch nötig. Denn die Auftragsbücher von Berlinger sind voll. Die Firma aus Ganterschwil SG ist weltweit führende Anbieterin von Sicherheitsflaschen für Urin- und Blutproben bei Dopingkontrollen. Rund um den Globus verlassen sich Organisationen von Sportwettkämpfen auf die Produkte. Auch jetzt an den Olympischen Spielen in London. Spitzenathleten wie Tennisass Roger Federer, 100-Meter-Sprinter Usain Bolt oder Schwimmstar Michael Phelps mussten mindestens einmal in die Fläschchen der Toggenburger pinkeln.

Im Kampf gegen Doping sind die Sicherheitsbehälter aus der Schweiz zentral. Dies umso mehr, seit Dopingfälle und Verdachtsmomente zum Alltag grosser Sport-ereignisse gehören. In London blieben seit der Eröffnung der Spiele bereits acht Athleten in Kontrollen hängen. Der italienische Geher Alex Schwazer etwa wurde überführt, der US-Judoka Nicholas Delpopolo oder die usbekische Turnerin Luisa Galiulina. Das 16-jährige Schwimmwunder Ye Shiwen aus China wurde nach ihrer Spitzenleistung mit Vorwürfen überschwemmt. Bewiesen ist bei ihr nichts.

Die Methoden der Sünder sind raffinierter geworden, die Ausreden der Überführten dreister. Die Urinprobe sei manipuliert worden, hatte man öfters gehört. Zumindest diese Ausflucht ist mit den Glasflaschen von Berlinger schnell entlarvt. «Unser Verschlusssystem ist manipulationssicher», sagt Berlinger. Ist der Sicherheitsdeckel einmal richtig zugedreht, lässt er sich nur mit einem Spezialgerät öffnen. «Dabei wird der Deckel immer in zwei Teile getrennt», erklärt die 44-jährige Unternehmerin. Ein sicheres Wiederverschliessen sei nach der Öffnung absolut unmöglich. Manipulationen gebe es deshalb zwischen der Urin- oder Blutentnahme und der Untersuchung im Labor nicht mehr.

Auf Umwegen ins Dopinggeschäft

Andrea Berlinger führt das Familienunternehmen seit 2008 in der sechsten Generation zusammen mit ihrem Mann. Ins Antidoping-Geschäft sei man durch Zufall gerutscht. Ursprünglich war die 1865 gegründete Firma in der Textilbranche tätig. Sie war die erste mechanische Baumwollweberei der Region. Damals wurde vor allem nach Indien exportiert. Nach den beiden Weltkriegen geriet das Geschäft ins Stocken. Um das Überleben der Firma zu sichern, mussten neue Ideen her. Spezialbänder aus Stoff etwa für Bucheinbände wurden gefertigt.

Mitte der 1980er-Jahre entwickelte ­Berlinger für den Transport von Impf­stoffen ein System zur Temperaturkon-trolle. Dieses wurde später weiterentwickelt und war letztlich die entscheidende Weichenstellung für die Produktion der Sicherheits­behälter für die Dopingkontrollen.

Zu Beginn der 1990er-Jahre wandte sich Matthias Kamber – heute Präsident der Stiftung Antidoping Schweiz – an den amerikanischen Konzern 3M. Er suchte einen manipulationssicheren Behälter für Urintests bei Dopingkontrollen. Dazu brauchte er ein geeignetes Klebeband, um den Behälter versiegeln zu können. Sollte beispielsweise jemand den Klebestoff mit einem Haarföhn erhitzen und ablösen wollen, musste sich das ­Siegel verfärben. 3M empfahl ihm daraufhin Berlinger, welche die Amerikaner aus früheren Geschäften kannten.

Zusammen mit den Toggenburgern entwickelte Kamber die ersten Flaschen-Prototypen. Diese wurden 1992 an den Olympischen Spielen in Barcelona erstmals eingesetzt. Doch die Klebesysteme waren relativ leicht zu manipulieren. Man konnte sie mit Geschick immer noch öffnen und wieder schliessen, ohne dass es jemand bemerkte. Die Entwickler von Berlinger machten sich deshalb auf die Suche nach einer ganz anderen Lösung.

1994 fertigte die Firma die ersten Fläschchen mit Drehverschluss. Drei Jahre später wurden sie dem Internationalen Olympischen Komitee und dem Interna­tionalen Athletikverband IAAF präsentiert. Diese gaben dem System grünes Licht. «Ein manipulationssicheres Verschlusssystem muss beim Öffnen sichtbare Rückstände oder Beschädigungen hinterlassen», sagt Kamber. Berlinger habe es gefunden.

Hinzu kommt, dass jedes Fläschchen und sein Verschluss per Lasertechnik mit einer Nummer versehen werden, welche nicht abgeschliffen oder auf andere Weise entfernt werden kann. «Jede Nummer wird nur einmal vergeben und einem Athleten zugewiesen», erklärt Berlinger. So können auch Jahre später die Proben zugeordnet werden.

Mittlerweile wurden die Toggenburger Flaschen bei vielen namhaften internationalen Sportveranstaltungen eingesetzt. Etwa bei Fussball-Europa- und -Weltmeisterschaften, bei dem Tennisturnier US Open oder beim Radrennen-Klassiker Tour de France. Seit 2000 habe man alle Olympischen Spiele beliefert, sagt Berlinger. «Besonders stolz macht uns, dass wir den Auftrag für die Olympischen Spiele in London bekamen.» Dabei hat die Firma mit aktuell rund 60 Mitarbeitenden ihren weltweit einzigen Konkurrenten ausgestochen, den englischen Konzern Vestapak. Obwohl das Organisationskomitee in London bei der Vergabe von Dienstleistungsaufträgen heimische Unternehmen bevorzugte, bekamen die Schweizer den Zuschlag. «Versapak hat ein System, das nicht 100-prozentig sicher ist», erklärt Kamber den Entscheid.

Athleten an Fläschchen gewöhnt

Zudem hätten sich die Athleten sowie die Organisationen über die Jahre hinweg an das System von Berlinger gewöhnt. Die Handhabung sei einfach und verständlich. Ein weiterer Vorteil sei, so Kamber, dass Berlinger eine flexible Konfektionierung anbiete. Auf Wunsch liefert die Firma neben den Flaschen diverse Utensilien wie Gummihandschuhe oder Nadeln für die Blutentnahme gleich mit.

Trotzdem muss Berlinger die Verträge auch für die Olympischen Spiele immer neu aushandeln. Bei jeder Austragung werden die Sicherheitsflaschen neu geprüft und müssen den jeweils aktuellen Ansprüchen genügen. «Es ist wichtig, dass das System nicht stehen bleibt und weiterentwickelt wird», meint Kamber.

Überlistet wurde das System von Berlinger noch nie. Eine positiv getestete Gewichtheberin versuchte es einmal. Sie behauptete vor einigen Jahren, man habe ihr die illegalen Substanzen nachträglich in die Urinprobe getan. Ein Gericht musste den Fall klären. Es befand den Behälter für manipulationssicher.

Der starke Franken drückt

Trotz globaler Ausstrahlung ist Berlinger ein kleines Unternehmen. Letztes Jahr setzte es rund 18 Millionen Franken um, davon rund einen Drittel im Geschäft mit den Dopingkontrollen. Die Firma ist stark vom Export abhängig. Über 90 Prozent aller Produkte werden ins Ausland geliefert. Der starke Franken ist für die Toggenburger deshalb die grösste Last. «Wir sind froh, wenn die eingeführte Franken-Untergrenze gehalten wird», sagt die Chefin. Ansonsten könne es schnell ungemütlich werden. In wirtschaftlich unsicheren Zeiten redet Berlinger ohnehin nicht gerne öffentlich über das Geschäft. Sie will andere Firmen nicht auf das Nischenprodukt aufmerksam machen und Trittbrettfahrer auf den Plan rufen.

Trotz der hohen Exportabhängigkeit kommt für die Unternehmerin eine Auslagerung der Produktion ins Ausland unter keinen Umständen in Frage. Das wäre zwar sicherlich billiger. Aber der Markt sei klein und Vertrauen werde grossgeschrieben. «Wir sind in einem Hochsicherheitsgeschäft tätig. Die Produktion geben wir nicht aus der Hand.»

In Ganterschwil baut Berlinger zurzeit denn auch gerade eine neue Produktionshalle. Die Firma braucht mehr Platz. Vielleicht bekommen Tom und Jerry dann schon bald Unterstützung.

 

Verpackungsindustrie: Schweizer Verschlüsse sind weltweit gefragt

Stabil
Rund 240 Schweizer Firmen stellen Verpackungen her. Sie zählen knapp 19000 Mitarbeitende und erwirtschafteten 2011 einen Umsatz von 6,7 Milliarden Franken. Das ist ein Plus von 0,1 Prozent, nachdem die Branche 2010 noch ein Wachstum von 7,5 Prozent verzeichnet hatte. Das laufende Jahr dürfte mit einem Plus von 0,8 Prozent stabil verlaufen. Die Branche profitiert vor allem von den wichtigen Bereichen Lebensmittel und Pharma. Eine Belastung ist der starke Franken. Zum Verpackungsmarkt gibt es keine amtliche Statistik. Erhoben werden die Daten vom Schweizer Verpackungsinstitut SVI, der Dachorganisation der Branche.

Terxo
Das Wetzikoner Unternehmen mit rund 30 Mitarbeitern wurde 1997 gegründet und produziert Kunststoffverschlüsse für Getränkekartons und Flaschen. Terxo fertigt pro Monat über 40 Millionen Verschlüsse. 90 Prozent des Umsatzes von über 13 Millionen Franken werden im Ausland generiert. Der Markt ist klein. Weltweit hat Terxo mit den Schweizer Firmen Tetra Pak und SIG sowie der deutschen Elopak lediglich drei Mitstreiter.

Corvaglia
Die Firma mit 200 Mitarbeitenden stellt Verschlüsse für kohlensäurehaltige Getränke, Speiseöle, Milchgetränke oder Wasserflaschen her. Sie wurde 1991 gegründet und hat ihren Hauptsitz im thurgauischen Eschlikon. Weltweit sind rund 20 Prozent aller PET-Flaschen mit Verschlüssen von Corvaglia bestückt. Stark ist die Firma mitunter in Asien. Der Betrieb setzt rund 50 Millionen Franken pro Jahr um und besitzt eine Tochter in Mexiko.

Semadeni
Die im bernischen Ostermundigen beheimatete Kunststofffirma stellt Verpackungen und Verschlüsse für die Industrie-, Pharma-, Lebensmittel- und Gastrobranche her. Sie wurde 1952 gegründet und beschäftigt 140 Mitarbeitende. In Tschechien und in Wien besitzt sie Töchter.

Müller+Krempel
Die Firma stellt Flaschen aus Glas und Kunststoff sowie Flacons, Dosen und Verschlüsse für die Pharma- und Kosmetikbranche her. Sie gehört zur Schweizer Vetropack und sitzt in Bülach ZH.

 

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