Genau ein Jahr ist es her, seit das Stimmvolk die Unternehmenssteuerreform III verworfen hat. Im Eilzugstempo hat Finanzminister Maurer  eine Neuauflage des Reformwerks zusammengezimmert. Die Zielvorgabe ist unverändert: Die Schweiz soll die geächteten Steuerprivilegien für international tätige Unternehmen abschaffen, ohne einen Exodus dieser Gesellschaften zu riskieren. Neu jedoch ist, dass Ersatzprivilegien wie die Patentbox deutlich enger gefasst sind.

Für die einzelnen Kantone hat das Folgen: Um im Standortwettbewerb nicht ins Hintertreffen zu geraten, müssen sie erst recht an der Steuerschraube drehen. Wer kann, passt den ordentlichen Gewinnsteuersatz möglichst dem Niveau der Innerschweizer Tiefsteuerkantone an – auch wenn dieser wie in Genf, Waadt und Basel-Stadt nahezu halbiert werden muss. Dabei nehmen auch vermehrt finanzschwache Kantonen an diesem Race-to-the-Bottom teil, etwa Thurgau und Solothurn.

Zweiklassengesellschaft unter den Kantonen

Bisher sorgten die Privilegien der Statusgesellschaften dafür, dass sich die Steuerbelastung für Firmen von Kanton zu Kanton nur wenig unterscheidet. «Ob sich eine Firma in Genf oder Luzern ansiedelte, spielte kaum eine Rolle», sagt PwC-Experte Armin Marti. Fallen die Statusgesellschaften weg, ändert sich dies: «Wir erwarten, dass die Spreizung in der Steuerbelastung unter den Kantonen viel grösser wird.»

Steuerexperten befürchten, dass es unter den Kantonen zu einer Zweiklassengesellschaft kommt: «Es wird eine grössere Gruppe von Kantonen geben, die sich einen Steuersatz von 12 bis 15 Prozent leisten können. Andere Kantone wie Zürich und Bern werden da nicht mithalten können», sagt Peter Uebelhart von der KPMG. Es liege auf der Hand, dass die Firmen auf ein so grosses Gefälle bei den Steuern reagieren würden.

Gewinner und Verlierer

Doch welche Kantone haben die besten Karten, um im Standortwettbewerb die Oberhand zu behalten? Welche Kantone können es sich leisten, den Unternehmen Steuervergünstigungen zu offerieren, ohne finanziell in Schieflage zu geraten? Die «Handelszeitung» zeigt, welche Kantone gewinnen werden, wenn die Steuervorlage 17 kommt – und welche verlieren.

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Zug.

Als Firmenstandort in der Poleposition: Zug.

Quelle: Keystone

Kanton Zug: Das Paradies lebt

Zug liegt im Rennen um die Gunst der Firmen in der Poleposition. Auch wenn die finanzielle Lage des Kantons angespannt ist: Man kann es sich leisten, den Steuersatz noch einmal auf 12 Prozent zu drücken – zugleich können die Unternehmen Patentbox und Abzug von F&E-Aktivitäten maximal ausschöpfen. Damit dürfte man nicht nur die vielen ausländischen Firmen zufriedenstellen, die sich im Kanton angesiedelt haben. Auch dürfte Zug zu den ersten Adressen gehören für Zürcher Firmen, deren Steuerlast mit dem Wegfall der bestehenden Privilegien ansteigt. «Bei einer Differenz von 6 Steuerprozenten dürfte ein Umzug nach Zug für viele Firmen eine valable Option werden», sagt KPMG-Steuerexperte Peter Uebelhart.

Gewinnsteuersatz 2017 14,6%
Erwarteter künftiger Gewinnsteuersatz 12,1%
Anteil der Statusgesellschaften an den Gewinnen 80%
Basel.

Gelassener Blick auf die Steuervorlage 17: Roche-Firmensitz in Basel.

Quelle: zvg

Kanton Basel-Stadt: Pharma gut, alles gut

Kein anderer Kanton hängt finanziell so stark von steuerlich privilegierten Unternehmen ab wie Basel-Stadt. Über die Hälfte der Steuereinnahmen der Firmen stammt von Statusgesellschaften, die nun abgeschafft werden müssen. Trotzdem blickt man der Steuervorlage 17 am Rheinknie gelassen entgegen. Für die forschungsintensive Pharmaindustrie bleibt Basel attraktiv: Sie profitiert von der Patentbox, die Abzüge auf den steuerbaren Gewinn gestattet. Dies gilt auch für die grössten Steuerzahler, Novartis und Roche: Ihre Steuerbelastung dürfte nur leicht ansteigen. Zugleich erlauben die Überschüsse der letzten Jahre dem Kanton, die Steuersätze deutlich nach unten zu korrigieren. Davon profitieren auch die KMU.

Gewinnsteuersatz 2017 22,2%
Erwarteter künftiger Gewinnsteuersatz 13,0%
Anteil der Statusgesellschaften an den Gewinnen 81%
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Radikale Senkung des Gewinnsteuersatzes geplant: Lausanne, Hauptstadt des Kantons Waadt.

Kanton Waadt: Auf der Überholspur

Der Kanton Waadt ist den anderen Kantonen einen Schritt voraus. Während auf Bundesebene das Gezerre um die Steuervorlage 17 erst losgeht, hat das Waadtland bereits Nägel mit Köpfen gemacht: Der ordentliche Steuersatz für Firmen wird per 1. Januar 2019 um nicht weniger als 8 Prozent gesenkt. Abgesegnet vom Stimmvolk. Der Kanton kann sich diese radikale Steuersenkung voraussichtlich sogar leisten: Die Statusgesellschaften, die zum allergrössten Teil zum Steueraufkommen beitragen, werden künftig leicht höhere Steuern bezahlen müssen – und finanzieren so die Reform mit. Die vielen ausländischen Multis, die am Seeufer angesiedelt sind, tragen den Kurs mit: Ihr Exodus dürfte bis auf weiteres ausbleiben.
 
Gewinnsteuersatz 2017 22,1%
Erwarteter künftiger Gewinnsteuersatz 14,0%
Anteil der Statusgesellschaften an den Gewinnen 82%
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Im Standortwettbewerb gehörig unter Druck: Zürich.

Kanton Zürich: Die rote Laterne droht

Die von Finanzdirektor Ernst Stocker angekündigte Senkung der Gewinnsteuern ändert nichts daran, dass der Kanton Zürich für Firmen bald eines der teuersten Pflaster im Land sein wird. Mit Ausnahme des Jura dürfte kein anderer Kanton einen höheren Gewinnsteuersatz aufweisen. «Der Limmatkanton muss aufpassen, dass er den Anschluss an Konkurrenzstandorte im Ausland nicht verliert», warnt PwC-Steuerexperte Armin Marti. Doch auch im innerschweizerischen Standortwettbewerb ist Zürich unter Druck: Nachbarkantone wie Zug locken mit markant tieferen Steuersätzen. Etwas Linderung brächte der steuerliche Zinsabzug auf Eigenkapital. So liessen sich Finanzierungsgesellschaften ausländischer Konzerne im Kanton halten. Verweigert das Parlament das Instrument, gerät Zürich erst recht ins Hintertreffen.

Gewinnsteuersatz 2017 21,2%
Erwarteter künftiger Gewinnsteuersatz 18,2%
Anteil der Statusgesellschaften an den Gewinnen 27%
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Aargau

Rückläufige Steuerträge: Kanton Aargau.

Quelle: Keystone

Kanton Aargau: Trübe Aussichten im Rüebliland

Die anstehende Steuerreform bringt den Agglokanton in die Zwickmühle. Die Eigentümer der vielen Familienunternehmen und KMU profitieren heute im Aargau von einer sehr grosszügigen Dividendenbesteuerung. Mit der vom Bundesrat geplanten Verschärfung droht vielen von ihnen eine saftige Steuererhöhung. Auf eine Kompensation bei den Gewinnsteuern können die Gewerbler nicht hoffen: Im Kanton erodierten die Steuererträge in den letzten Jahren. Eine markante Senkung der Firmensteuern kann sich der Kanton darum nicht leisten. Wie man unter diesen Vorzeichen grössere Unternehmen zum Umzug ins Rüebliland bewegen will, bleibt eine unbeantwortete Frage. Der Aargau droht im Steuerwettbewerb weiter zurückzufallen.

Gewinnsteuersatz 2017 18,6%
Erwarteter künftiger Gewinnsteuersatz 15 - 17%
Anteil der Statusgesellschaften an den Gewinnen 8%
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Genf.

Steuerrreform als «Mutter aller Schlachten»: Genf.

Quelle: Keystone

Kanton Genf: Hoffen auf Bern

Die Genfer Regierung hat die Reform der Firmensteuer «Mutter aller Schlachten» genannt. Doch in diesem Gefecht steht man unter Druck. Ab 2019 wird der ordentliche Steuersatz in Genf weiterhin bei 24 Prozent liegen – in der Waadt jedoch bloss bei 14 Prozent. Das könnte bei Genfer Firmen Gelüste wecken, ihren Standort einige Kilometer nach Norden zu verlegen. Die gut 1000 privilegierten Firmen – darunter viele Rohstoffhandelsriesen – dürften indes abwarten: Ihre Privilegien verlieren sie erst mit Inkrafttreten der Steuervorlage 17, voraussichtlich 2020. Bis dahin muss der Kanton eine drastische Steuersenkung beim Volk durchpauken. Und hoffen, dass man in Bern vorwärtsmacht mit der Verabschiedung der Reform.
 
Gewinnsteuersatz 2017 24,2%
Erwarteter künftiger Gewinnsteuersatz 13,5%
Anteil der Statusgesellschaften an den Gewinnen 66%
 
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