Machen sich die Proteste in der Türkei bei Bentour bemerkbar, gibt es Rückgänge bei den Buchungen oder Stornierungen?
Kadir Ugur: Nein, alles läuft normal. Ich habe auch mit FTI und Schauinsland aus Deutschland gesprochen – und die haben ebenfalls keine negativen Wirkungen. 

Fürchten Sie, dass sich das noch ändern wird?
Nein, eigentlich nicht. Wir haben auch keine Kundenanfragen, ob es dort gefährlich ist oder ob man wirklich hinreisen sollte. Vielleicht kommt das noch, wenn die Unruhen noch eine Woche oder länger andauern. Aber ich vergleiche das mit den Stuttgart-21-Protesten am dortigen Bahnhof, wo man nicht wollte, dass die Bäume abgeholzt werden. So etwas erleben wir jetzt auch in Istanbul mit dem Gezi-Park. Wobei es in der Türkei noch andere Themen gibt. 

Im Gegensatz zu Stuttgart 21 gibt es in der Türkei mittlerweile aber im ganzen Land Demonstrationen gegen die Regierung.
In Istanbul will man, dass diese grüne Fläche bleibt. Darüber hinaus zeigt diese Bewegung eine Trotzreaktion gegenüber der Regierung, auch in anderen Städten. Aber das wird demokratisch abgewickelt.

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Die Polizei steht in der Kritik für ein sehr hartes Vorgehen. Ausserdem gibt es Berichte über zwei Tote im Umfeld der Proteste.
Die Polizei ist in den ersten beiden Tagen wirklich hart vorgegangen. Aber ich denke, mittlerweile hat die Regierung daraus gelernt und die Polizei hat sich teilweise zurückgezogen. Von Toten habe ich noch nichts gehört.

Das deutsche Auswärtige Amt schreibt in seiner Reiseinformation zur Türkei: «Reisende werden gebeten, sich von Demonstrationen und Menschenansammlungen fernzuhalten und Vorsicht walten zu lassen.» Trotzdem kein Grund zur Sorge?
Nein, ich denke nicht. Demonstrationen gibt es überall auf der Welt und da sollte man sich als Tourist fernhalten. Ähnliches haben wir auch in den Beaulieus von Paris erlebt, wo es vor zwei Jahren wochenlang Kämpfe gab, und vor kurzem bei Ausschreitungen in Stockholm. Aber mit dem Arabischen Frühling kann man das nicht vergleichen. 

Ministerpräsident Erdogan sagt, er gehe davon aus, dass die Proteste bald beendet sein werden. Was glauben Sie?
Es kommt darauf an, ob Erdogan sich entschuldigt für das Vorgehen im Gezi-Park.

Ihm wird ein selbstherrlicher und autoritärer Regierungsstil vorgeworfen. Liegt darin eine Gefahr für den Tourismus?
Erdogan erledigt tatsächlich Vieles mit Befehlen, aber gefragt ist Dialog. Auch wenn er und seine Partei die Mehrheit haben, gilt es, ebenfalls die Opposition und andere Gruppen einzubeziehen. Das sollte die Regierung nun von dieser Bewegung lernen. Allerdings muss ich auch sagen, ich habe in meinen 40 Jahren im Türkei-Tourismus nie so stabile Zeiten erlebt wie die vergangenen zehn oder elf Jahren. 

Bekommen Sie in Ihrem Geschäft die angespannte Situation an der syrisch-türkischen Grenze zu spüren?
Nein, auch überhaupt nicht. Wir haben vom vergangenen zu diesem Jahr sogar einen Aufschwung von 67 Prozent bei den Buchungen verzeichnet.