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Den Firmen gehts um die Existenz

Die Schweizer Unternehmen sind nicht nur auf die Personenfreizügigkeit für die Rekrutierung angewiesen. Eine Einschränkung der Bilateralen Verträge gefährdete die Expansionsstrategie und Existenz viel

Von Claudia Gnehm
am 29.01.2008

Die volkswirtschaftlichen Vorteile der Bilateralen sind offensichtlich. Der Warenhandel Schweiz–EU ist die letzten zehn Jahre im Schnitt um 5% gewachsen. Gemäss Politikern und Wirtschaftsverbänden ist die Bedeutung der Verträge immens, die Folgen eines Nein zur Weiterführung oder Erweiterung der Personenfreizügigkeit wären katastrophal. Doch was steht aus Sicht der Firmen auf dem Spiel?

Uniso bestätigen sie die Wichtigkeit der Personenfreizügigkeit für die Rekrutierung. «Bei der heutigen Wirtschaftsentwicklung hätten wir sehr viele Vakanzen von qualifizierten Mitarbeitern nicht besetzen können ohne Personenfreizügigkeit», sagt Charles Bélaz, CEO von Manpower Schweiz. Martin Hellweg, CEO von Swissmetal, erklärt: «Die Bilateralen Verträge helfen, weil sie die Märkte fluider machen, wodurch wir Talente anziehen können, die wir sonst nicht leicht anstellen könnten.»

Für die internationalen Finanzkonzerne UBS, Credit Suisse, Zürich, Swiss Life, Swiss Re und Bâloise wäre die überlebenswichtige Grossrekrutierung von Fachkräften aus der EU unter vorbilateralen Bedingungen nicht möglich. UBS-Sprecher Axel Langer: «Ein Scheitern des EU-Bilateralismus gilt es zu vermeiden.» Personalvermittler Randstad Schweiz befürchtet, eine Ablehnung der Freizügigkeit führe zu Kettenreaktionen. Denise Sonderegger von Randstad: «Als Folge davon wären dringend benötigte zusätzliche ausländische Fachkräfte nicht mehr verfügbar. Eine mögliche Konsequenz wäre die Auslagerung von Arbeitsplätzen in den EU-Raum.»

Die Notwendigkeit des Luftverkehrsabkommens ist für die Airlines eindeutig. Swiss-Sprecher Franco Gullotti: «Das sektorielle Luftverkehrsabkommen ist eine unabdingbare Grundlage für die heutige Tätigkeit von Swiss in Europa. Die Integration in die Lufthansa wäre ohne Abkommen nicht möglich gewesen.»

Die zweitgrösste Airline hierzulande, EasyJet, kann nur dank den Bilateralen Destinatio-nen aus der Schweiz anfliegen und beispielsweise die Strecke Basel–Istanbul anbieten. Dies kommt nicht nur Kunden, sondern auch Schweizer Firmen zu Gute. Kuoni–Verwaltungsratspräsident Henning Boysen sagt: «Kuoni profitiert von den neuen Flugverbindungen aus der Schweiz, wie zum Beispiel auch Easyjet, die nun Destinationen ausserhalb des britischen Heimmarktes anfliegt. Das ist dank den Bilateralen möglich.»

Die SBB ihrerseits profitieren vom Verkehrsabkommen, weil dadurch die Verlagerung der Güter von der Strasse auf die Schiene gefördert und der Zugang zum Gütermarkt in Europa erleichtert wird. Die Folgen einer Aufkündigung sind laut SBB-Sprecher Roland Binz schwer einzuschätzen.

Dagegen drücken die Nahrungsmittelproduzenten klar aus, was sie ohne Agrarabkommen zu verlieren hätten. In der Tat hat das Abkommen Emmi, Roland, den Migros- und Coop-Fabriken die Europaexpansion überhaupt erst ermöglicht. «Dank dem Abkommen werden Käseexporte in die EU nicht mehr mit Zöllen belastet und technische Handelshemmnisse fallen weg. Ohne die Verträge würden beim Import in die EU wieder Zölle erhoben. Für Emmentaler und Gruyère würden diese Fr. 171.70/100 kg betragen», sagt Emmi-Sprecher Roland Wehrle.

Ein Nein zur Personenfreizügigkeit wäre fatal. Wehrle: «Für Schweizer Käseexporteure wie Emmi wären die aufwendig und kostspielig aufgebauten EU-Absatzmärkte auf einen Schlag wieder gefährdet.»

Die Roland-Export-Chefin Christine Schaer sagt: «Dank der Bilateralen Verträge können unsere Kunden in der EU seit Mai 2005 unsere Backwaren ohne Zollabschöpfung importieren.» Die Märkte in Italien, Frankreich und Dänemark hätten erschlossen werden können. Die Handelserleichterungen seien essenziell: «Falls wieder eine tarifäre Abschöpfung im EU-Raum eingeführt würde, wären unsere hochpreisigen Schweizer Qualitätsprodukte nicht mehr konkurrenzfähig.»

Migros sieht gravierende Folgen

Auch für Migros seien die Abkommen vor allem im Industriebereich (Export) entscheidend, sagt Migros-Sprecher Urs Peter Naef. Verschiedene Migros-Fabriken wie Chocolat Frey AG, Midor AG, Bischofszell AG, Jowa AG etc. wären sonst auf dem EU-Markt nicht konkurrenzfähig.

Naef: «Die Folgen einer Einschränkung resp. Sistierung der Verträge wären insbesondere im Bereich der landwirtschaftlichen Verarbeitunsprodukte gravierend und würden dazu führen, dass die Schweizer Verarbeitungsindustrie nur noch mit ganz kurzen Spiessen gegen ihre Mitbewerber in der EU antreten könnte.» Weiter wäre dies nicht nur für die Migros ein massiver Rückschlag, sondern sowohl für viele weitere Exporteure als auch für viele Unternehmen der vorgelagerten Stufe.

 

 

NACHGEFRAGT
«Einen Plan B gibt es nicht»

Der Aussenwirtschaftschef von Economiesuisse, Gregor Kündig, über die Gefährdung der Bilateralen Verträge mit der EU.

Wieso rechnet die Wirtschaft mit einem Exodus der Firmen, wenn die Personenfreizügigkeit nicht
fortgesetzt würde?

Gregor Kündig: Würde die Personenfreizügigkeit in Frage gestellt, würde ein grosser Teil unserer Arbeitsmarktflexibilität ausgehöhlt. In Phasen mit gutem Wirtschaftswachstum wären wir wieder viel
rascher mit Überhitzungssymptomen konfrontiert. Hinzu kommt: Steigen wir aus diesem für die Wirtschaft zentralen Abkommen aus, werden auch andere Abkommen aufs Spiel gesetzt. Der bilaterale Weg der Schweiz würde insgesamt hochgradig gefährdet, wenn nicht sogar ganz aus den Angeln gehoben. Auf solche externe Schocks reagieren Unternehmen sensibel. Investitionspläne würden angepasst.

Wieso müssen Firmen einen Zusammenhang herstellen zwischen der Ausdehnung der  Personenfreizügigkeit und den Chancen, die sie seit den Bilateralen I geniessen?

Kündig: Ein gespaltener «Freizügigkeitsmarkt» kommt für die EU aus politischen Gründen nicht in Frage. Will die Schweiz an der Freizügigkeit partizipieren, kann sie nicht nur ein bisschen dabei sein. Eine Ungleichbehandlung von EU-Staaten steht dem entgegen. Bei Diskriminierung nähme der EU-interne Druck zu, das beziehungsweise die Abkommen zu kündigen.

Was ist der Plan B der Wirtschaft, wenn die Personenfreizügigkeit durch ein Referendum fällt?

Kündig: Zunächst gilt es, die Botschaft des Bundesrates und die Verhandlungen der Räte abzuwarten. Kommt es zur Abstimmung, sind wir zuversichtlich, dass die Stimmberechtigten auch weiterhin den bewährten bilateralen Weg unterstützen werden. Economiesuisse setzt sich dafür ein. Einen Plan B gibt es nicht.

Wenn nicht ein EU-Beitritt, was ist dann die Alternative?

Kündig: Wir sind in Kontakt mit Kollegen in anderen Efta-Ländern und sehen, dass der bilaterale
Weg für unser Land im Vergleich zum EWR klar der bessere Ansatz ist. Er wird zwar nicht einfacher, je
grösser die EU wird. Aber er wird auch nicht verunmöglicht.

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