Sie haben gerade vier Monate Elternzeit hinter sich. Was nehmen Sie davon mit?

Oliver Steil: Dass es härter ist, zuhause mit drei Kleinkindern zu sein als im Büro (lacht)! Mich hat zudem überrascht, dass man auch als Familie eine gewisse Zeit braucht, bis man ein eingespieltes Team ist. Bis die Kinder wissen, dass sie jetzt Papi in den Kindergarten bringt, und nicht jedes Mal neu darüber verhandeln wollen.

Sie sind einer der wenigen Manager, die Elternzeit bezogen haben. Welche Reaktionen haben Sie erhalten?

Steil: Sagen wir es so: Es hat nicht gerade zu Applaus geführt.

Bevor Sie den Job bei Sunrise angetreten hatten: Was war Ihre Beziehung zur Schweiz?

Steil: Ich kannte die Schweiz nur von den Ferien her. Als die Anfrage kam, war meine Reaktion: Toll, da gehe ich hin.

Spüren Sie als Deutscher die oft zitierten Mentalitätsunterschiede zu den Schweizern?

Steil: Die Gefahr besteht wohl darin, dass wir Deutsche meinen, die Unterschiede seien nicht so gross. Ich wurde hier aber freundlich und offen empfangen und fühle mich willkommen.

Bei Ihrem Amtsantritt sagten Sie, Sie wollten mehr Feuer bei Sunrise einbringen. Wie haben Sie das gemeint?

Steil: Ich meinte, dass wir die Strategie als Herausforderer - als einer, der gute Angebote zum besten Preis macht - wieder klar in den Vordergrund stellen. In der Zeit, als es um den Merger mit Orange ging, war eine solche Angreiferposition natürlich schwieriger. Jetzt aber ist es Zeit, unseren Kampfgeist wieder aufleben zu lassen.

Sowohl Orange wie auch Sunrise sagen beide, man sei stark gewachsen im Mobilfunk. Können Sie Zahlen nennen für Ihr Wachstum?

Steil: Wir haben in der Periode zwischen dem 1. Quartal 2009 und dem 1. Quartal 2010 netto 98000 neue Mobilfunkkunden gewonnen. Bei Orange waren es deutlich weniger.

Sie haben vor Ihrem Engagement bei Sunrise für Debitel gearbeitet. Als Debitel an Freenet verkauft wurde, haben Sie das Unternehmen verlassen. Warum?

Steil: Mit dem Verkauf war klar, dass der Freenet-CEO auch Chef des gesamten Unternehmens werden wollte. Es gab für mich die Möglichkeit, im Gesamtvorstand eine neue Rolle zu spielen. Doch wir hatten unterschiedliche Vorstellungen darüber, in welche Richtung sich Debitel entwickeln sollte. Deshalb entschloss ich mich, das Unternehmen zu verlassen.

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Wie lautet Ihr Auftrag nun bei Sunrise? Die Kosten runterfahren?

Steil: Nein, ich muss keine Kosten senken. Wir müssen natürlich effizient sein, wenn wir mit unserer Positionierung am Markt erfolgreich sein wollen. Das war schon immer die Managementphilosophie. Wir sind aber sehr schlank aufgestellt und haben kurze Entscheidungswege. Wir stehen nicht vor grossen Sparrunden.

Die Wachstumsaussichten sind nach der Nichtfusion jedoch deutlich geringer.

Steil: Das ist so. Aber auch ohne eine Fusion mit Orange sind wir in einer guten Position. Wir erwirtschaften Gewinne und investieren diese umgehend ins Geschäft.

Bleiben die Investitionen hoch?

Steil: Ja, wir werden in den nächsten fünf Jahren 1 Mrd Fr. ins Netz investieren. Da ist kein Abbau geplant.

Die Preise im Mobilfunk werden tendenziell niedriger, aber Schweizer Kunden zahlen noch immer deutlich mehr als Kunden in der EU.

Steil: Die Preise von Sunrise liegen im europäischen Mittelfeld, nicht darüber. Und ich gehe davon aus, dass wir auch weiterhin jedes Jahr moderate Preissenkungen von rund 5% haben werden.

Einer Ihrer Lobbyisten in Bern hat das Unternehmen kürzlich verlassen. Wird Sunrise künftig weniger Einfluss nehmen auf die Politik?

Steil: Wir wollen weiterhin dort Einfluss nehmen, wo es erforderlich ist. Meine Philosophie ist aber: Hilf dir selbst, und dann schau, ob die anderen dir helfen können. Wenn wir das Gefühl haben, dass irgendwo jemand anders unsere Kosten bestimmt, werden wir natürlich weiter lobbyieren und die Leute informieren. Dort, wo die Rahmenbedingungen den Wettbewerb behindern, werden wir weiterhin auf Handlungsbedarf hinweisen.

Ihr Vorgänger bei Sunrise, Christoph Brand, gefiel sich in einer verbal eher aggressiven Rolle. Ist das auch Ihr Stil?

Steil: Ich würde den Stil von Sunrise nicht als aggressiv bezeichnen. Ich bin aber überzeugt, dass die Erfolgsaussichten hoch sind, wenn man dann seine Meinung kundtut, wenn es ein begründetes Anliegen gibt.

Und welches ist Ihr wichtigstes Anliegen?

Steil: Das ist ganz klar der diskriminierungsfreie Zugang zur Festnetzinfrastruktur. Der Preis für die Letzte Meile ist immer noch relativ hoch. Als Angreifer haben wir dadurch eine schwierige Startposition. Und in der Nachfolgetechnologie, bei den Glasfasern, wird das weitergehen.

Die Investoren des Sunrise-Mutterhauses TDC wollen Sunrise seit letztem Herbst ganz offiziell verkaufen. Sitzen Sie auf einem Schleudersitz?

Steil: Das sehe ich überhaupt nicht so. Ein Verkauf an Orange war eine von mehreren Möglichkeiten. Aber jetzt wollen wir erfolgreich sein am Markt. Einen Verkauf von Sunrise an Dritte sehe ich eher nicht. Deshalb müssen wir jetzt in erster Linie einen guten Job machen. Denn die Performance von Sunrise ist für die Bewertung von TDC wichtig.

TDC bereitet einen Börsengang vor. Ist auch ein Börsengang von Sunrise allein denkbar?

Steil: Ich will das nicht ausschliessen, die Investoren halten sich sicher alle Möglichkeiten offen. Von konkreten Plänen weiss ich allerdings nichts.

Nach der Swisscom kommt jetzt auch Orange mit einem TV-Angebot, Cablecom hat sowieso eines. Und Sunrise?

Steil: Digitale Fernsehangebote sind ein Wachstumsmarkt, auch wir müssen deshalb ein solches Angebot haben. Damit Sunrise ein solches Angebot lancieren kann, wird es meine Aufgabe sein, Sunrise einen günstigen Zugang zur erforerlichen Netzinfrastruktur zu ermöglichen.

Bis wann?

Steil: Ich bin überzeugt, dass wir Ende des nächsten Jahres eine Lösung präsentieren können.

Im Mobilfunk steht der Ausbau auf die nächste Technologiegeneration, auf LTE, an. Wann beginnen Sie damit?

Steil: Als Angreifer im Markt haben wir den Vorteil, dass unser Mobilfunknetz nicht so voll ist wie das eines der Konkurrenten. Deshalb stehen wir nicht unter Druck. Ich denke aber, ab 2012 werden wir damit beginnen, selektiv zu investieren. Unsere Mutter TDC beginnt jetzt bereits mit ersten Investitionen - aber als frühere Monopolistin ist sie eben in einer anderen Rolle als wir.

Investieren Orange, Swisscom und Sunrise getrennt in die nächste Technologiegeneration oder schliesst man sich zusammen?

Steil: Das muss man dann anschauen.

Von den Kosten her macht ein Alleingang keinen Sinn.

Steil: Wir arbeiten ja schon heute zusammen, teilen uns beispielsweise gewisse Antennen. Es gibt da schon mehr pragmatische Zusammenarbeit, als dies nach aussen hin sichtbar ist. Aber klar, wenn sich die Möglichkeit ergibt, statt drei Netze nur eines oder zwei zu bauen in der Schweiz, ist das gut.

Nach dem Weko-Entscheid gegen die Fusion wäre aber die Konsequenz, dass die Anbieter bei nur noch zwei Mobilfunknetzen reguliert werden könnten.

Steil: Grundsätzlich haben Sie Recht, aber ich weiss nicht, ob das wirklich eine logische Schlussfolgerung sein wird. Wir warten jetzt die Auflagen in den entsprechenden Mobilfunklizenzen ab und werden dann die Lage neu analysieren.

Auch Sunrise wird das neue iPhone verkaufen. Wie viele dieser Handys wollen Sie bis Ende Jahr unter die Leute bringen?

Steil: Die Erwartungen sind natürlich hoch, weil wir bei unseren Kunden eine sehr hohe Nachfrage gespürt haben. Bis heute sind bereits über 32000 Vorbestellungen bei uns eingegangen.

In der Schweiz werden pro Jahr rund 200000 iPhones verkauft. Das würde bei Sunrise gemäss dem Marktanteil jährlich knapp 50000 Geräte ausmachen.

Steil: Weil wir das iPhone bisher nicht anbieten konnten, dürfte die Nachfrage bei unseren Kunden eher noch etwas höher sein als die 50000.

Beim neuen iPhone soll es Empfangsprobleme geben. Apple bietet künftig allen Käufern eine kostenlose Schutzhülle, die den äusseren Metallrahmen des Smartphone bedeckt. Ist das Problem damit gelöst?

Steil: Wir sind davon überzeugt, dass unser Partner Apple genau so gewillt ist wie wir, immer die beste Lösung für die Kunden anzubieten. Nachdem bei uns in nur drei Wochen so viele Kunden ihr Interesse für das iPhone 4.0 kundgetan haben, können Sie davon ausgehen, dass wir alles daransetzen werden, diese Kundenwünsche zu befriedigen.

Zu welchem Preis werden Sie das iPhone anbieten?

Steil: Wir wollen sicher sehr attraktive Angebote in Verbindung mit dem iPhone machen - alles andere würde nicht zum Image von Sunrise passen.

Ihr Vorgänger war vier Jahre lang Sunrise-Chef. Wie lange bleiben Sie?

Steil: Vier Jahre sind ein guter Zeithorizont.