Die Finanzkrise hinterlässt ihre Spuren auch beim Arztbesuch. Zwar sind hierzulande noch keine Zahlungsausstände wie in Deutschland bekannt, wo Kliniken auf unbeglichenen Rechnungen von arabischen Privatpatienten in der Höhe von mehr als 100 Mio Euro sitzen. «Aber man stellt generell eine gewisse Verunsicherung seitens einiger Patienten fest», sagt Fa- brice Pfulg, Direktor der Schönheitsklinik La clinic in Montreux.

Die Agenden sind leerer

Pflugs Patienten sind zurückhaltender geworden, was das Planen von Terminen auf lange Zeit hinaus betrifft. Wenn sie dann den Entschluss gefasst haben, sich einem Eingriff zu unterziehen, dann wollen sie ihn kurzfristig hinter sich bringen - was durchaus möglich ist, denn auch die Agenden der reichen Kunden sind in der Krise leerer als früher. Dies gilt laut Pfulg sowohl für Ausländer -sie machen einen Viertel seiner Patienten aus - wie auch für Schweizer Kunden. Letztere müssen bei La clinic alle ihre Behandlungen selbst bezahlen, weil keine Krankenversicherung dafür aufkommt.

Sobald allerdings Leib und Leben auf dem Spiel stehen, hat die Flexibilität ein Ende. Swixmed vermittelt in der Schweiz Behandlungsangebote für Ausländer mit komplexen medizinischen Problemen wie Krebs, einem anstehenden Hüftgelenkersatz oder Rehabilitationen. Die Organisation bringt einen bedeutenden Anteil der jährlich in der Schweiz behandelten 30000 ausländischen Patienten ins Land. Und das Geschäft läuft wie geschmiert. Einzig im November und Dezember gab es eine Baisse. «Pro Monat verzeichnen wir ansonsten trotz Finanzkrise ein Wachstum von 5%», sagt Geschäftsführer Remy Schleiniger.

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Zwar stagniere die Nachfrage im Nahen Osten und in Moskau. Dies werde aber durch das Wachstum in den östlichen GUS-Staaten kompensiert. «Man darf nie vergessen, dass bei diesen Leuten noch immer unvorstellbar viel Geld vorhanden ist, selbst wenn sich ihr Vermögen in der Finanzkrise halbiert hat», gibt Schleiniger zu bedenken. Seine Beobachtungen werden von anderen Kliniken bestätigt, so etwa von der Luxusklinik und Spa La Prairie in Montreux. Hier machen Ausländer rund 80% der Patienten aus. Allen voran sind es wohlhabende Russen, Chinesen und Südamerikaner mit einem Durchschnittsalter von 55 Jahren, die sich behandeln lassen. «Wir haben uns im letzten Jahr sehr gut entwickelt», sagt Direktor Dominique Carrupt, «von Krise keine Spur.»

Auch bei den Schweizer Patienten ist Sparen vorderhand nicht angesagt, wenn es um wichtige Operationen geht. Die Zürcher Privatklinik Pyramide am See verzeichnete 2008 eines der besten Geschäftsjahre überhaupt. Die ersten vier Monate 2009 lassen laut Cédric A. George, dem verantwortlichen Arzt und Delegierten des Verwaltungsrates, auf eine Fortführung des Trends schliessen. Gleich klingt es von Philippe Cassegrain, dem Direktor der Clinique Générale-Beaulieu am Genfersee.

Wolken am Horizont

Allerdings hat der positive Geschäftsgang einen Mitgrund, der bald dahinfallen wird: Die Zusatzversicherungen werden über ein Jahr abgeschlossen. Die für 2009 gültigen Verträge wurden noch vor dem grossen Einbruch der Finanzmärkte und dem Debakel in der Grundversicherung unterzeichnet. Deshalb läuft bei den Spitälern laut Barbara Hürlimann, Geschäftsführerin der Swiss Leading Hospitals, vorderhand alles weiter wie bisher. «Angesichts der massiv steigenden Grundversicherungsprämien und der Wirtschaftslage ist es aber realistisch, dass in den nächsten Jahren Zusatzversicherungen gekündigt werden», glaubt sie (siehe auch untenstehenden Artikel).

Diese Sorge wird von der Hirslanden-Gruppe geteilt. Zudem: «Eine Verringerung der Kaufkraft sowie eine mögliche Zunahme der Arbeitslosenrate könnte zu weniger Arztbesuchen und damit zu einer Verringerung an Wahleingriffen wie etwa der Operation von Besenreissern und Halux führen», vermutet Mediensprecherin Sandra Kobelt. Solche Behandlungen würden dann wohl eher aufgeschoben werden, meint sie. Immerhin: Bei Hirslanden beträgt der Ausländeranteil der Behandelten weniger als 5%. Zudem sind 40% der Hirslanden-Patienten allgemein versichert. Reine Privatspitäler dürften von diesem Phänomen deutlich stärker betroffen werden.

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Zusatzversicherungen verlieren ihre Kunden - denn junge Versicherte springen aus Spargründen ab

Die Zahl der Versicherten mit einem Halbprivat- oder Privatzusatz für den Spitalaufenthalt ist seit der Einführung der obligatorischen Krankenversicherung kontinuierlich gesunken. 1996 besassen noch rund 2 Mio Versicherte einen derartigen Zusatz. Heute leistet sich nur mehr rund 1 Mio Versicherte eine Halbprivat-Police, 0,5 Mio Versicherte haben einen Privatzusatz. Allein in den Jahren 2002 bis 2006 sank die Zahl der Zusatzversicherten um 7%. Erst letztes Jahr fand der stetige Rückgang ein Ende - vorerst.

Das Bundesamt für Privatversicherung (BPV) liefert eine Erklärung für diese Abnahme in der Zahl der abgeschlossenen Zusatzversicherungen für halbprivate oder private Spitalaufenthalte. Sie sei hauptsächlich erfolgt, weil zahlreiche Versicherungen Antragsteller mit höherem Lebensalter nur noch beschränkt aufnahmen. Zudem verzichteten jüngere Versicherte vermehrt auf einen Zusatz, so das BPV.

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Wer eine laufende Zusatzversicherung kündigt, macht das laut einer Studie des Internetvergleichsdienstes Comparis meist aus finanziellen Gründen: Bei neun von zehn Kündigungen ist der Geldbeutel der Grund.

Wegen des 2010 drohenden Prämienaufschlags in der Grundversicherung erwarten die Spitäler in den kommenden Jahren ein Voranschreiten der Erosion. Dies dürfte die Prämiengestaltung bei den Zusatzversicherungen weiter erschweren. Schon in den vergangenen Jahren hat sich aufgrund der schwindenden Versichertenzahl der Druck auf die Tarife erhöht. Trotz Prämiensteigerung konnte laut dem BPV bereits seit 2004 die Teuerung der erbrachten Versicherungsleistungen nur noch teilweise gedeckt werden.

Ebenfalls zur Verschärfung beitragen wird die Demographie: Den höchsten Anteil Zusatzversicherte hat die Altersklasse der über 55-Jährigen. Hier besitzen 38% eine Halbprivat- oder Privatversicherung.

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Spitäler und Krankenversicherer haben auf die schwindende Zahl von Spitalzusatzversicherten vor allem mit Flexangeboten reagiert, bei denen die Versicherten sich fallweise gegen einen Aufpreis upgraden lassen können. Die Zusatzversicherungen Halbprivat und Privat berechtigen dagegen dauerhaft zur freien Spital- und Arztwahl bei stationären Klinikbehandlungen sowie zum Aufenthalt im Ein- oder Zweibettzimmer.(eri)