Die Musik hat zu spielen aufgehört, die Party ist vorbei. Seit dem Beginn der Wirtschaftskrise verliert ein Biotech-Investor nach dem andern die Geduld und dreht den Geldhahn zu. «Die Finanzspritzen bleiben aus, der Druck steigt», sagt Domenico Alexakis, CEO des Branchenverbandes Swiss Biotech Association (SBA). Nach über zehn erfolgreichen Jahren sei «das Fenster im Sommer 2008 zugegangen».

Hehre Ziele stehen im Zentrum

Sie haben wohlklingende neolateinisch-englische Namen, die Start-ups in der Biotechnologie: Synosia, Santhera, Cytos, Esbatech, Basilea, Newron, 4-Antibody, Evolva, Arpida, Bioxell, Cosma, Actelion. Und sie haben hehre Ziele, nämlich die Entwicklung medizinischer Produkte oder Substanzen, die dereinst als Bausteine für neue Arzneimittel dienen sollen. Kleine Teams von Naturwissenschaftern und Managern forschen und tüfteln in Labors jahrelang an Wirkstoffen, die die Welt erobern könnten. Das kostet Geld - viel Geld. Für risikobereite Investoren sind diese Keimzellen der Innovation gleichzeitig Keimzellen wundersamer Kapitalvermehrung, wenn innert nützlicher Frist der wissenschaftliche Durchbruch gelänge. Aber über 90% der Projekte bleiben in der Pipeline stecken, und das Geld der Investoren verpufft im Labor. Also muss neues Geld her, oder das Unternehmen muss liquidiert werden.

Das jüngste Opfer ist die Arpida mit Sitz in Reinach BL. Sie wurde 1997 als Auslagerung des Pharma-Konzerns Roche gegründet und ist seit 2005 an der Börse kotiert. Die Firma hatte alles auf eine Karte gesetzt, nämlich auf das Medikament Iclaprim gegen schwere Infektionen. Als die US-Gesundheitsbehörde FDA vor einem Jahr die Zulassung verweigerte, entliess Arpida 60 der 80 Mitarbeiter, stellte die Forschungstätigkeit ein und suchte nach einem möglichst schmerzlosen Ausweg. Die Lösung: Eine andere kleine Biotech-Firma, Evolva, schlüpft in die Arpida-Hülle und schafft so rasch und kostengünstig den Gang an die Börse (Details siehe Kasten unten).

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Arpida als Glücksfall für Evolva

«Wir wollten schon irgendwann an die Börse, aber die Gelegenheit mit Arpida hat die Sache nun beschleunigt», sagt Evolva-CEO Neil Goldsmith im Interview mit der «Handelszeitung» (siehe «Nachgefragt»). Der 46-jährige Engländer leitet die Firma in Allschwil BL seit deren Gründung 2004. Sie ist breiter aufgestellt als Arpida. In der Pipeline befinden sich sechs Medikamente. Die ersten sollten 2011 gegen gutes Geld auslizenziert, also für die letzte Testphase und den Markteintritt an ein Pharmaunternehmen verkauft werden. Aber es gibt keine Garantie: «Das Risiko des Misserfolgs ist immer vorhanden, auch wir werden Fehlschläge haben», gibt Goldsmith zu.

Momentan beschränken sich die Einnahmen im Wesentlichen auf die Erträge aus einem Bakterien-Schutzprogramm, das Evolva im Auftrag der US-Armee im kalifornischen Palo Alto durchführt. Kosten sparen kann Goldsmith anderseits mit seinem Ableger im indischen Hyderabad, wo Evolva Informatikprojekte und Laborarbeiten für die frühen Studienphasen durchführen lässt. «Die Talente sind vorhanden, und die Kosten sind tief. Das wäre in Europa nicht möglich», sagt Goldsmith.

Der Evolva-Sitz im Allschwiler Industriequartier ist nur einen Steinwurf vom Sitz des erfolgreichsten Schweizer Biotech-Unternehmens Actelion entfernt. Actelion wurde im gleichen Jahr wie die gescheiterte Arpida gegründet und war ebenfalls ein Spin-off von Roche. So nahe können Erfolg und Misserfolg zusammenliegen. Was macht den Unterschied aus? «Die Industrie muss lernen, Fallouts früher zu erkennen und entsprechende Projekte abzuklemmen», sagt Alexakis.

In der Schweiz gibt es 160 forschende Biotech-Firmen, und jedes Jahr kommen rund ein Dutzend neue dazu. Auch dieses Jahr rechnet Alexakis trotz widrigen Umständen etwa mit der gleichen Zahl von Neulingen. «Aus den universitären Kreisen höre ich, dass in etwa die gleiche Anzahl Ausgründungen vorgenommen werden. Dazu kommen noch KMU-Ausgründungen», sagt er. Auf der andern Seite sind die Investitionen in den Sektor bereits 2008 massiv eingebrochen, bei den Firmen in Privatbesitz um 23%, bei den börsenkotierten gar um 93%. Entstanden ist der Biotech-Sektor in der zweiten Hälfte der 90er-Jahre. Kleinstfirmen schossen damals wie Pilze aus dem Boden, allein 1998 waren es 40 an der Zahl.

Einstiger High-Flyer Cytos

Ein typisches Kind jener Zeit ist Cytos in Schlieren. Bis vor wenigen Jahren als Vorzeigefirma gehandelt, muss sie sich nun auf eine harte Landung vorbereiten. Sie wurde 1995 als Spin-off der ETH gegründet und ist seit 2002 an der Börse. CEO Wolfgang Renner versucht, Impfstoffe zur Prävention und Behandlung chronischer Krankheiten wie Alzheimer, Diabetes und Allergien zu entwickeln. Langsam, aber sicher geht ihm nun das Geld aus. Nach diversen Rückschlägen ist der Börsenwert von Cytos in den letzten zwei Jahren von 900 Mio auf 80 Mio Fr. geschrumpft.

Wo man dieser Tage auch hinschaut, kämpfen Biotech-Firmen ums Überleben. Die kleine Bioxell rettet sich nach dem Misserfolg ihres wichtigsten Projekts Elocalcitol in die Arme von Cosmo. Beide Firmen haben den Sitz in Mailand, sind aber an der Schweizer Börse kotiert. Bioxell ist 2002 aus dem Roche-Konzern hervorgegangen und hat es nie aus den roten Zahlen geschafft. Cosmo arbeitet profitabel und kommt mit der Übernahme von Bioxell zu einem breiteren Aktionariat. Zudem dürften in der Kasse von Bioxell per Ende Jahr rund 30 Mio Euro verbleiben.

Nicht zu früh an die Börse

Rezepte gegen die Krise im Biotech-Sektor sind schwer zu finden. Was Kenner der Materie wie Alexakis vom Branchenverband oder Goldsmith von Evolva unisono sagen: Die neuen Projekte müssten deutlich länger an der Hochschule bleiben, im akademischen Bereich, bevor sie in die kommerzielle Welt entlassen werden. Das würde die späteren Kosten und das Risiko vermindern. «Auch der Börsengang erfolgt oft verfrüht», sagt Alexakis. Aber das Modell an sich wird trotz aller Stolpersteine Bestand haben, da sind sie sich einig. Womöglich fehlt es ganz einfach an Alternativen.

 

 

Nachgefragt
«Behörden sollten die Medikamente früher zulassen»

Der CEO der Biotech-Firma Evolva kritisiert die hohen Hürden für neue Arzneimittel.

Was läuft falsch im Biotech-Sektor?

Neil Goldsmith: Die Erfolgsschwelle liegt immer höher. Die Kosten, die Zeit und das Risiko steigen; allfällige Erträge sinken.

Warum steigen die Kosten?

Goldsmith: Weil die Regulierung zunimmt. Die Behörden verlangen immer mehr, während die Anleger mehr und länger investieren müssen. Der Bogen ist allmählich überspannt.

Warum sinken allfällige Erträge?

Goldsmith: Weil die Regierungen weltweit Druck auf die Preise machen. Das wird auch zu einer Verschiebung führen - hin zu Medikamenten, die pro Dollar am meisten Lebensqualität bringen, also eher billig zu haben sind.

Und wie gehts weiter?

Goldsmith: Es haben nicht genügend Leute genügend Geld gemacht. Jetzt fehlen die Mittel. Dieser Trend dürfte anhalten, auch wenn sich Finanzmärkte erholen.

Was treibt den Biotech-Sektor an? Ist es die risikoscheue Big Pharma, die neue Projekte auslagert, oder sind es junge Unternehmer?

Goldsmith: Beides. Und das vielversprechende Umfeld: Es wird immer mehr ältere und wohlhabende Leute geben, die Medikamente brauchen. Die Nachfrage ist also vorhanden.

Was muss sich verbessern?

Goldsmith: Eine Idee wäre, dass sich Behörden und Industrie auf frühzeitige, provisorische Zulassungen einigen. Dadurch könnte die Phase 3 parallel zum Verkauf eines Medikamentes erfolgen. Das würde Zeit und Kosten sparen. Das Risiko für die Patienten würde dadurch nicht grösser.

Wer ist als Biotech-Unternehmer besser geeignet: Ein Naturwissenschafter oder ein Betriebswirtschafter?

Goldsmith: Beide können einen guten Job machen - oder auch einen schlechten. Es kommt nicht auf die Ausbildung an.