Eine klassische Hotelkarriere hat Monika Holzegger nicht durchlaufen. Als Quereinsteigerin ist die gebürtige Österreicherin eher zufällig im Stockalperturm gelandet, der sich in Gondo, direkt an der Grenze zu Italien, trutzig gegen Süden wendet. Die Gastgeberin im historischen Gebäude mit seiner zeitgenössischen Architektur wollte sich nach dem Erwerb eines Master of Business Administration an der GSBA Zürich selbstständig machen. Im Wallis, ihrer Wahlheimat, stiess sie auf ein Stelleninserat als Pächterin für den Hotelleriebetrieb am Simplonpass. Manche warnten Monika Holzegger vor dem schwierigen Job, aber die gut 30-Jährige liess sich nicht beirren: «Ich bin ein optimistischer Mensch.» Beruflich war die Controllerin früher bereits in Italien tätig und erste gastronomische Erfahrungen hatte sie auf der Riederalp gesammelt.

Hinter dicken Mauern

Im neuen Hotel Stockalperturm Anfang 2007 zu starten, das lockte die Chefin mit der zupackenden Art. Schliesslich galt es im abgelegenen Bergdorf Gondo einen Betrieb aufzubauen, der sich nebst dem saisonal schwankenden Geschäft mit durchfahrenden Touristen auf Seminare und Events als wichtigen Ertragspfeiler stützt. Dafür liess die junge Hoteldirektorin ihre Verbindungen zu ehemaligen Arbeitgebern spielen, denn nicht umsonst war sie an zahlreichen Orten für das Personal und die Weiterbildung besorgt. Am Südfuss des Simplonpasses fand sich Monika Holzegger in einem Gebäude wieder, das sich bestens für Klausurtagungen und Teambildungsseminare bis zu zwei Dutzend Personen eignet. Hinter den dicken Mauern des einstigen Lagerhauses sind zehn Hotelzimmer entstanden, die ergänzt werden durch zusätzliche Unterkünfte in einem Nebengebäude ebenso wie einem Grossraum mit weiteren 20 Betten.

Der Stockalperturm ist für das Grenzdorf Gondo ein Hoffnungsträger. Als ein Unwetter im Herbst 2000 zahlreiche Häuser in die Tiefe riss, entschwand der Durchgangsstation am Simplon auch das einzige Hotel. Daraufhin wurde der nur halbwegs beschädigte Turm beim Schweizer Zoll mit Spendengeldern zum modernen Seminarhotel umfunktioniert. Prunkstück ist ein Plenarsaal im Dachstock, und wer die steilen Treppenstufen von da aus nicht scheut, dem öffnet sich durch die Turmfenster ein prächtiger Blick hinab ins Tal. Das heimelige Restaurant und der dahinter liegende Esssaal setzen im Erdgeschoss einen speziellen Akzent für Tagungsgäste, die an den rustikalen Holztischen auf Wanderer, Biker und Autotouristen treffen. Sie alle bringen Leben ins kleine Dorf, das gerade noch gut 90 Bewohner zählt. Ein Dutzend neue Arbeitsplätze sind im Hotel Stockalperturm entstanden und die Zukunft sieht im Bergtal wieder viel rosiger aus.

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Verkürzte Anfahrt

Auch Monika Holzegger schaut nach vorne. Im ersten Betriebsjahr hat sie den gastronomischen Bereich perfektioniert. Aus der Küche kommen vorwiegend regionale Gerichte, ein Mix aus schweizerischen und italienischen Spezialitäten, oft auch durchsetzt mit althergebrachten Zutaten aus dem Wallis und dem benachbarten Piemont. Die Seminargäste stammen vorwiegend aus der Deutschschweiz, aber schon bald will die initiative Pächterin auch den norditalienischen Markt bis hin nach Mailand bearbeiten. Verkehrstechnisch kann sie auch einen neuen Trumpf ausspielen: Dank dem Lötschberg-Basistunnel von Frutigen nach Visp ist der Grossraum Zürich auf zwei Bahnstunden ans Wallis herangerückt.

Nach wenigen Minuten ist man von dort via Simplon-Tunnel in Iselle, wo ein Bus die Leute ins Hotel transportiert. Zwei- und dreitätige Tagungen sind im Stockalperturm die Regel. Dabei hilft Monika Holzegger je nach Zielsetzung der Veranstaltung das richtige Rahmenprogramm zu finden. «Die Teilnehmer können in der Berglandschaft abseits vom Büroalltag abschalten und kreative Gedanken entwickeln.» Wird nebst der geistigen Arbeit auch die körperliche Ertüchtigung gesucht, empfiehlt sie im Winter etwa eine Schneeschuhwanderung mit anschliessendem Brunch auf dem Simplon-Pass oder dem Besuch der Sternwarte.

Mund-zu-Mund-Propaganda

Für die Vermarktung der Seminardestination stehen der Hotelchefin nur beschränkte finanzielle Mittel zur Verfügung. Umso mehr ist sie auf die Mund-zu-Mund-Propaganda angewiesen. Einen ersten Kundenstamm hat der historische Stockalperturm mit seinem speziellen Ambiente bereits gewonnen. Jetzt soll der Bekanntheitsgrad bei weiteren Firmen und Verbänden gesteigert werden. Weil die Simplonstrasse ganzjährig befahrbar ist, setzt Monika Holzegger auf einen intensivierten Seminartourismus in den Wintermonaten, die bei der Auslastung noch hinterherhinken. Dabei denkt sie nicht nur an die klassischen Tagungen, sondern ebenso an grössere Kundenpräsentationen und Ausstellungen, für die sich der Plenarsaal in Verbindung mit dem Carnotzet und seinen Weingestellen im Untergeschoss bestens eignet. Damit ist auch ein Bogen zum einstigen Warenlager aus dem 17. Jahrhundert geschlagen. Der wohlhabende Briger Handelsherr Kaspar Jodok von Stockalper baute den Turm als Lager, um seine Güter aus Italien zum jeweils günstigsten Zeitpunkt auf den Markt zu bringen.