HANS GEIGER. Die Banken und Finanzverbände haben sich ambitiöse Ziele gesetzt. Mit einem Masterplan soll der Finanzplatz Schweiz bis 2015 im internationalen Ranking von Rang sechs auf Rang drei vorrücken, hinter New York und London. Reichen dafür die angestrebten marktgerechten Rahmenbedingungen?

Hans Geiger:

Es ist schwierig zu sagen, wer bei den Finanzplätzen die Nummer eins oder die Nummer sechs ist. Vorab gibt es die Champions-League mit New York und London und danach lange nichts mehr. Frankfurt ist grösser als Zürich, aber Zürich ist internationaler. Die Schweiz ist die Nummer drei im Devisenhandel. Die Kritik des Masterplans setzt beim Wachstum an. Da haben wir sicher ein Problem. Eine unserer Kernkompetenzen ist Finance. Daran müssen wir arbeiten. Der Aktionsplan ist politisch allerdings sehr korrekt. Die Branche hat versucht, der Politik nicht allzu harte Vorgaben zu machen. Das ist falsch. Für die Senkung der Steuern ist der Staat zuständig. Die dümmste fiskalische Abgabe für einen Finanzplatz ist die Stempelsteuer. Da kann man nicht fordern, sie müsse schrittweise abgeschafft werden. Diese kontraproduktive Steuer muss sofort vollständig verschwinden.

Im Gegensatz zum Finanzplatz London haben Behörden, Politik und Verbände bei uns nicht immer am gleichen Strick gezogen. Die Aufrechterhaltung der Stempelsteuer hat dafür gesorgt, dass sich der Bondhandel in den 70er Jahren an die Themse verschoben hat. Kann der Masterplan das verändern?

Geiger: London ist ein gutes Beispiel. Wimbledon ist das Mass aller Dinge im Tennis. Da spielen aber nicht primär die Engländer, sondern die weltbesten Spieler. Wir haben eine Börse, aber 95% des Schweizer Umsatzes wird aus steuerlichen Gründen an der Virt-x in London gehandelt. Die Aufsicht liegt bei der britischen FSA und nicht der EBK.

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Die Wahlen sind vorbei. Gerät nun in der neuen Legislaturperiode fiskalisch etwas in Bewegung?

Geiger: Ich rechne mit der Vernunft der Politiker. Die 2,8 Mrd Fr. aus der Stempelsteuer sind ein lächerlich kleiner Betrag im Vergleich mit der zusätzlich möglichen Wertschöpfung aus der Finanzbranche. Das gesamte Virt-x-Geschäft käme in die Schweiz zurück und weitere Auslandsbanken würden sich hier ansiedeln.

Derzeit gibt es einen Testlauf. Solange bei der Hedge-Fonds- und Private-Equity-Industrie die Besteuerung der Gewinne nicht geklärt ist, wird sich diese Branche bei uns nicht ausbreiten.

Geiger: Ja, dabei sind diese Wirtschaftszweige äusserst innovativ. Diese innovativen Unternehmen gehören in die Schweiz. Der international grösste Vermögensverwaltungsplatz hat kaum eigene Single Hedge-Fonds. Die EBK bringt mit ihrem Positionspapier zum Ausdruck, dass die zehnjährigen Vorarbeiten für ein neues KAG in diesem Bereich vergeblich waren, wenn nun die Steuerverwaltung nicht mitzieht.

Wie gross ist die Chance, dass der Masterplan, unterstützt von der EBK und den Parteien, zu einer Stärkung des Finanzplatzes führt?

Geiger: Ich bin optimistisch. Die unsinnige ideologische Diskussion um den Bankenplatz ist verschwunden.

Konkret ist im Moment der Schulterschluss zwischen Börse SWX, Telekurs und SIS unter dem Holdingdach der Swiss Financial Markets Services. Wird der Börsenplatz Schweiz damit im weltweiten Vergleich für die Anleger preislich günstiger?

Geiger: Diese Finanzmarktholding erleichtert die Führung. Es gibt auch gewisse Effizienzpotenziale. Allerdings sind die Kosten einer Transaktion an der Schweizer Börse im internationalen Vergleich hoch.

Die Grossbanken verfolgen weiterhin ihr eigenes Börsenprojekt.

Geiger: Jede Bank muss primär die Kunden gut bedienen. Damit verdient auch der Aktionär. Ich bezweifle, dass das Grossbankenprojekt «Turquoise» zu einer besonders effizienten Börse führt. Alle bisherigen Versuche, inklusive Virt-x, sind gescheitert. Die neue Börse dürfte eher zu einer Meldeplattform für bankinterne Handelstransaktionen gemäss den MiFID-Richtlinien der EU werden.

Die Grossbanken sind der wichtigste Arbeitgeber. Wird das auch in zehn Jahren noch der Fall sein?

Geiger: Der Anteil bei den Arbeitsplätzen dürfte sich vermindern. Die Wachstumsziele der Grossbanken liegen vor allem ausserhalb der Schweiz. Bei uns legen zum Beispiel die unabhängigen Vermögensverwalter zu. Die nicht regulierten Financial Services beschäftigen rund 90000 Leute, nicht viel weniger als die Banken. Vor zehn Jahren waren es noch noch unter 50000. Das grosse Wachstum findet im nicht regulierten Bereich statt.

Als einzige Bankengruppe haben die Auslandsbanken in der jüngsten Zeit zahlenmässig zugelegt. Hält dieser Trend an?

Geiger: Die Auslandsbanken sind der eigentliche Test für die internationale Position des Finanzplatzes Schweiz. Wenn wir in die Kategorie «Wimbledon» aufrücken wollen, muss der Anteil an ausländischen Instituten steigen.

Das Private Banking wird vermehrt auch von den Kantonalbanken und Raiffeisenbanken angestrebt. Führt das zu einer Konsolidierung?

Geiger: Den Skaleneffekten kommt im Private Banking eine grosse Bedeutung zu. Die Grossen sind deutlich profitabler als die Kleinen. Entsprechend wird in diesem Bereich eine Konsolidierung stattfinden.

Führt die Aufsplitterung der Wertschöpfungskette dazu, dass sich die Bankdienstleistungen vor allem auf die Beratung an der Kundenfront konzentrieren?

Geiger: Das trifft für kleinere Banken sicher zu. Wie im institutionellen Geschäft wird es daneben die Global Custodians geben, also Transaktionsbanken, die industriell arbeiten.

Das Projekt einer nationalen Transaktionsbank ist immer wieder gescheitert. Kommt es mit den neuen standardisierten Softwarelösungen trotzdem zu Gemeinschaftslösungen auch zwischen den einzelnen Bankengruppen?

Geiger: Die bisherigen Anläufe sind vor allem gescheitert, weil die Aktionäre der SIS ihre Kunden nicht an ein Gemeinschaftswerk verlieren wollten. Ähnliches passierte bei den Kreditkarten. Dieses Geschäft lag bei der Telekurs. Als es für die Banken wichtiger wurde, haben sie es der Telekurs abgekauft. Neue Informatiklösungen sind vor allem bei den Kantonal- und Regionalbanken sichtbar. Das führt aber nicht automatisch zu einer Transaktionsbank, weil es dafür eine Banklizenz und nicht nur eine gute Software braucht. In Nischenmärkten, wie etwa der Abwicklung von Vermögensverwaltungsgeschäften, halte ich eine Transaktionsbank für wahrscheinlich. Die InCore Bank der Maerki-Baumann-Gruppe ist dafür ein Beispiel.

Bei den Kantonalbanken legen die ZKB und die BCV ihre IT zusammen. Sind weitere Kooperationen zu erwarten?

Geiger: Die Kantone als mehrheitliche Besitzer haben das bisher immer verhindert. Sie befürchten den Verlust von Einfluss und Arbeitsplätzen. Wenn nun zwei der grössten Kantonalbanken kooperieren, ist das eine Chance. Ökonomisch betrachtet ist dies der richtige Weg.

Auch Nichtbanken mischen sich ins Bankgeschäft ein. So haben etwa die Grossverteiler Migros und Coop eigene Kreditkarten lanciert. Ist das ein genereller Trend?

Geiger: Nein, das dürfte punktuell bleiben. Für Migros und Coop ist die Kreditkarte ein wichtiges Instrument an der Schnittstelle zum Kunden. Das Einbeziehen der eigenen Bank in den Detailhandelskonzern ist immer gescheitert.

Welche Rolle kommt den Spezialisten zu, die sich, wie etwa GE Money, im Konsumkredit eine dominante Stellung erarbeitet haben?

Geiger: Eine Spezialisierung eröffnet neue Möglichkeiten. Die GE Money ist derart gut im konsumnahen Kreditbereich verankert, dass sie laufend mit innovativen Produkten aufwarten kann.

Die Industrialisierung hat sich mit dem Outsourcing und Offshoring intensiviert. Geht das im beschleunigten Tempo weiter?

Geiger: Die Schweizer Uhrenindustrie sollte ihre Uhrwerke nicht in China herstellen. Im gleichen Sinn ist es für die Banken nicht ratsam, die Depots und Kontos in Indien zu produzieren. Das ist ein Qualitätsmerkmal, das zwingend in der Schweiz sein muss. Auch ein Call Center oder eine Buchhaltung im Aus-land steht im Widerspruch zum Bankgeheimnis und zum Persönlichkeitsschutz.

Stösst die Auslagerung an gewisse Grenzen?

Geiger: Absolut. Ich kann mir vorstellen, dass Banken, die nach Asien vorstossen, ihre Beratung in Singapur machen, die Papiere danach aber in Olten in den Tresor legen.

Bankfilialen wurde noch vor wenigen Jahren keine grosse Zukunft vorausgesagt. Jetzt sind die Raiffeisenbanken mit neuen Stützpunkten erfolgreich in die Agglomerationen vorgestossen. Wird das Bankstellennetz wieder dichter?

Geiger: Es wird beide Entwicklungen geben. Viele Kunden suchen die persönliche Beratung. Sie ist aber teuer. Die Bankangestellten gehören zu den bestbezahlten weltweit. Wenn mein Depot statt mit Kosten von 150 Basispunkten nur mit 50 Basispunkten verwaltet wird, ist die Rendite entsprechend höher. Das ist über Internetbanken möglich.

Reine Internetbanken, wie diejenige von Vontobel, haben aber nicht reüssiert. Kamen sie einfach zu früh?

Geiger: Bei Vontobel handelte es sich um ein schwieriges Projekt, das wahrscheinlich zu früh kam und zudem direkt in den Internet-Bubble geriet. Swissquote wächst heute mit einem zukunftsträchtigen Geschäftsmodell erfolgreich.

Werden auch andere Geschäftssparten den Finanzplatz prägen?

Geiger: Die unabhängigen Vermögensverwalter dürften ihren Marktanteil steigern, obwohl sich gleichzeitig die Zahl der Anbieter wegen des Skaleneffektes vermindern wird. Nebst diesen Experten werden auch die Spezialisten ohne Banklizenz wachsen, etwa Hedge-Fonds.

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1967–1970

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