Die Depressionstherapien haben sich beispielsweise in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Für die Schweiz fehlen zwar genaue Zahlen, doch dürfte der Zuwachs ähnlich gross sein. Darauf verweisen beispielsweise die Diagnosestatistiken psychiatrischer Kliniken wie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Hier haben sich die Depressionsbehandlungen zwischen 1991 und 2009 vervierfacht. Aufgrund von Untersuchungen wird geschätzt, dass zurzeit in der Schweiz rund 500 000 Menschen wegen Depressionen behandelt werden.

Die enorme Zunahme der Depressionstherapien hat mehrere Gründe. Zum einen ist die Schwelle, psychiatrische Hilfe in Anspruch zu nehmen, gesunken. Dies auch, weil sich die Behandlungsmethoden verbessert haben. So sind in den letzten zwei Jahrzehnten die antidepressiven Medikamente verträglicher und die psychotherapeutischen Massnahmen gezielter und schneller wirksam geworden. Auch das geschickte Marketing von Pharmaindustrie und Psychiatrie dürfte dazu beigetragen haben, dass Menschen vermehrt Hilfe für psychische Probleme suchen.

Ursachen für Depressionen

War die Arbeitssituation vor 50 Jahren noch stark von der Industrialisierung und damit von körperlicher Belastung geprägt, so sind heute über 70% der Menschen in Dienstleistungsbetrieben tätig und dank Computerisierung und Flexibilisierung vor allem psychisch und mental gefordert.

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Konsequenterweise hat die öffentliche Wahrnehmung psychischer Probleme in den letzten Jahren stark zugenommen. Immer mehr Menschen fühlen sich durch die ständig geforderten Umstellungen überfordert. Zudem hat die lokale Verwurzelung vieler Menschen zugunsten einer globalen Orientierung abgenommen und die Vereinzelung bzw. der Verlust an tragenden Beziehungen zugenommen. Dieser Verlust an sozialer Verankerung trägt dazu bei, dass Menschen heute Stressanforderungen mangels zwischenmenschlicher Unterstützung eher schlechter abfedern können. Hinzu kommt, dass sie sich in unserer hoch individualisierten Kultur für Erfolg oder Misserfolg selber verantwortlich halten und ein Scheitern ihrer Ansprüche als persönliches Versagen empfinden.

Da derzeit kein Ende dieser holzschnittartig aufgezeigten Entwicklung abzusehen ist, geht die WHO (Weltgesundheitsorganisation) davon aus, dass in zehn Jahren die Folgen depressiver Erkrankungen psychosozial schwerwiegender sein werden als die Konsequenzen fast aller körperlichen Erkrankungen. Nach diesen Prognosen sollen depressive Episoden im Jahr 2020 nach den Herzerkrankungen am zweithäufigsten zu sozialen Einschränkungen und Arbeitsunfähigkeit führen.

Prophylaxe und Therapie

Diese alarmierende Entwicklung kann nicht dadurch behoben werden, dass man die Probleme und den Leidensdruck vieler Menschen negiert und den Zugang zu nötigen Hilfestellungen erschwert. Auch wenn private und familiäre Unterstützung erste Priorität hat, gilt es doch zu akzeptieren, dass Angehörigen- und Nachbarschaftshilfen nicht immer zur Verfügung stehen und oft zu kurz greifen. Das macht fachliche Hilfe vielfach unumgänglich. Auch wenn es uns schwerfällt, kommen wir wohl nicht darum herum, in Zukunft auch die persönlichen Ressourcen im Umgang mit emotionalen Belastungen durch ein verstärktes fachliches Angebot zu fördern - und dafür auch Forschungsmittel einzusetzen.

Was die Depressionsprophylaxe betrifft, so hat sich in empirischen Studien gezeigt, dass sich ein achtsamer Umgang mit belastenden Gedanken und Gefühlen prognostisch günstig auswirkt. Es konnte nachgewiesen werden, dass eine solche Stressbewältigung auch von verletzlichen und zu Depressionen neigenden Menschen gelernt werden kann.

Ist aber bereits eine Depression eingetreten, so können negative Gedanken nicht mehr einfach gestoppt werden und es erhalten therapeutische Gesichtspunkte Vorrang. Da heute auch Menschen in Kaderfunktionen zunehmend an ihre Belastungsgrenzen stossen, sind entsprechend differenzierte Behandlungsmassnahmen ein Gebot der Stunde. Generell hat eine Depressionstherapie umso nachhaltigeren Erfolg, je mehr es gelingt, der Individualität eines Menschen und dessen Bedürfnissen gerecht zu werden, ohne das Umfeld und die kulturellen Einflüsse zu vernachlässigen.