Es sind längst nicht nur die fast zu übersehenden Kleinigkeiten wie das Verschwinden der Festnetztelefone aus den Büros, an denen sich die durchs Cloud Computing verursachten Veränderungen ablesen lassen. Inzwischen sind ganze Bürolandschaften dabei, sich aufzulösen. Viele Arbeitnehmer suchen sich einfach irgendwo einen freien Platz, der sich auch im Café oder in einer Bibliothek befinden kann. So flexibel wie die Arbeitszeiten sind die Schreibtisch-Landschaften. Nicht mehr organisatorische Vorgaben, sondern die Bedürfnisse der Unternehmen werden zur Richtschnur des Arbeitsalltags.

Für Andreas Walker, Zukunftsforscher und Strategieberater aus Basel, ist dieser Weg nur konsequent, «wenn auch noch viel zu selten realisiert». Moderne Unternehmen zeichnet eine starke Individualisierung des Arbeitsplatzes aus und sie integrieren Strukturen, die sich an den individuellen Charakteren ihrer Mitarbeiter orientieren, meint er. «Wie beim einstigen Übergang von der Agrar- in die Industriegesellschaft stecken wir heute in einem weiteren gesellschaftlichen Wandel, der sich stark auf die Art und Weise der Produktion auswirkt», sagt Walker.

Mobil und flexibel

«Erste Unternehmen erkennen, dass disziplinierende Vorgaben wie feste Arbeitszeiten und starre Büros die Produktivität ihrer Mitarbeiter hemmen», erklärt Walker. Die oft IT-basierten Hilfsmittel für das «andere Büro» existieren, wie er meint: «Was fehlt, ist der Mut, sie auch einzusetzen: Statt Vertrauenskulturen mit grossen Freiräumen zu schaffen, bevorzugen noch viel zu viele Unternehmen die gewohnte Misstrauenskultur geschlossener Arbeitsmodelle und -strukturen - dies ist aber heute ein Anachronismus aus Zeiten der industriellen Produktion.»

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Eine Einstellung, die er für zutiefst kreativitätsfeindlich hält; es gehe ja nicht darum, den Mitarbeiter für seine Präsenzzeit zu entschädigen, sondern ihn zu Problemlösungen und Zielerreichungen zu motivieren. Wer die neuen Potenziale nutze und auf die heute mögliche Flexibilität und Mobilität setze, der könne auf feste Arbeitsplätze genauso verzichten wie auf starre Arbeitszeiten, ist Walker überzeugt. Über Cloud-basierten Lösungen stehen die Daten und Anwendungen überall zur Verfügung und sind nicht mehr an einzelne Arbeitsgeräte gebunden. Ob ein Laptop, Smartphone oder Tablet-PC genutzt wird, spielt genauso wenig eine Rolle wie spezielle Betriebssysteme oder definierte Vorgaben beim Bildschirmschoner. Kommt hinzu, dass modernen Büromöbeln Monitore integriert sind, an die sich auch die kleinen Alleskönner anschliessen lassen. Selbst die Tischplatten können heute schon Touchscreens sein. Und Mikrofone wie auch Kameras für Telefon- und Videokonferenzen sind öfter an einem der vielen Arbeitsplätze vorinstalliert. Ortsungebundenheit und Mobilität, wesentliche Schwerpunkte des Cloud Computing, werden immer komfortabler. Erste Konsequenzen kann man beispielsweise bei der Swisscom besichtigen. Im letzten Jahr hat man alle Festnetztelefone durch Smartphones ersetzt. Nur in den Call-Centern stehen sie noch im Einsatz, sollen dort aber ebenfalls verschwinden. Um die ständige Erreichbarkeit nicht zur Dauerbelästigung werden zu lassen, ist man dabei, eine intelligente Software auf die Handys zu bringen. Mit ihr lassen sich Profile so voreinstellen, dass beispielsweise wichtige Geschäftsanrufe und private Telefonate oder Büro-Calls sauber getrennt und entsprechend empfangen und beantwortet werden können. Für die elektronische Post sollen in absehbarer Zeit ähnliche Funktionen verfügbar sein.

Mehr als Zukunftsmusik

Das Betriebssystem im Gehäuse eines Rechners unter dem Schreibtisch wird sukzessive abgelöst von Anwendungen, die wie Wasser, Strom und Gas über eine Leitung oder per Mobilnetz aus der Cloud bezogen werden. Ob sie öffentlich zugänglich über ein Public Cloud oder im Unternehmen aus der Private Cloud bezogen werden, tritt in den Hintergrund. Die Verfügbarkeit ist entscheidend. Druckaufträge werden inzwischen auch von unterwegs gestartet und Projektbesprechungen verlangen nicht mehr die persönliche Anwesenheit, sondern finden online statt.

Mehr als 1 Milliarde Menschen weltweit werden 2011 bereits von zu Hause oder unterwegs arbeiten, hat Accenture analysiert. Globale Markttransparenz und kurze Innovationszyklen für neue Produkte werden künftig ohne grenzenlose Kollaboration kaum mehr möglich sein.