Für den Verwaltungsratspräsidenten und interimistischen CEO der Bâloise, Rolf Schäuble, ist der Worst Case eingetreten. Nach den geplatzen Fusionsverhandlungen mit dem deutschen Versicherungsverein Gothaer, die unter Verschluss hätten gehalten werden sollen, steigt der Druck auf den Präsidenten. Denn nach der Trennung von seinem CEO Frank Schnewlin im vergangenen Dezember braucht Schäuble einen Erfolg, um zu zeigen, was er unter «mehr Dynamik» versteht.

Und dieser Erfolg ist dem Verwaltungsratspräsidenten vorerst vergönnt geblieben. Was ihn umso mehr ärgert, ist die Tatsache, dass die Gespräche mit der Gothaer durch eine wahrscheinlich gezielte Indiskretion überhaupt publik wurden. «No comment» lautet denn auch der Kommentar der Bâloise. Auch zur Expansionsstrategie und zu den nächsten Schritten will sich der Konzern nicht äussern. Nur so viel: «An der von Schäuble Ende Dezember 2007 angekündigten Stossrichtung hat sich nichts geändert.»

Mehr Dynamik in Deutschland

Das heisst konkret, dass die Bâloise namentlich im Wachstumsmarkt Deutschland nach wie vor nicht dort ist, wo sie sein möchte. Mitkonkurrenten sind Schäubles Meinung nach wesentlich dynamischer und punkto Akquisitionen erfolgreicher unterwegs. Paradebeispiel und Vorbild ist der grösste Schweizer Lebensversicherer Swiss Life, der mit der Akquisition des deutschen Finanzdienstleisters AWD einen Sprung gemacht hat und, sollte die Übernahme gelingen, erhebliches Wachstumspotenzial in Deutschland und in Osteuropa hat. Diesbezüglich war der ehemalige Bâloise-CEO Schnewlin, der primär auf die Qualität des Neugeschäfts und das organische Wachstum achtete, zögerlich.

Anzeige

Die Zusammenführung sämtlicher Deutschland-Aktivitäten von Bâloise und Gothaer unter ein Holding-Dach hätte das Basler Unternehmen in die Top Ten katapultiert. Die Bâloise hätte in Deutschland die kritische Grösse erreicht, was das Unternehmen auch in den anderen Auslandmärkten Belgien, Luxemburg, Österreich, Kroatien und Serbien erreichen will, und wäre zu einem ernsthaften Player geworden. Schäuble ist sich bewusst, dass er in den nächsten Monaten einen Deal in Deutschland machen muss. Denn die grossen Player, allen voran Marktführer Allianz, führen einen zunehmend aggressiven Expansionskurs und prüfen ihrerseits Übernahmeziele genau.

Zudem ist bei den Finanzanalysten, die in den vergangenen Jahren die Wachstumsstory der Bâloise gelobt hatten, mittlerweile Zurückhaltung eingetreten. Mark Effgen von Helvea stellt fest, dass von der Bâloise auf der Basis des bestehenden Geschäftsmodells keine signifikanten Sprünge zu erwarten seien.

Selbstständigkeit als Ziel

Kommt hinzu, dass sich die Bâloise ohne Akquisitionen selber in die Situation eines Übernahmekandidaten manövriert. Denn auch das ist ein Ziel Schäubles, dass der Konzern selbstständig bleibt. Doch auch er weiss: Dazu braucht es die kritische Grösse.