Wer im Maisfeld von Damian Colucci steht und seinen Blick zu den Füssen senkt, auf den wartete das Leben. Da wachsen Disteln und Kresse ineinander, Gras und Wegerich umgarnen die Maisstämme und hie und da sind auch ein paar verlorengegangener Cayotes zu sehen, eine Art Kürbis, dessen Samen den Weg auf das Feld von Colucci gefunden haben und dort irgendwann sprossen.

Es geht ein leichter Wind an diesem herrlichen Nachmittag in Tandil, einer Stadt so gross wie Bern, knapp 400 Kilometer südlich von Buenos Aires. Damian Colucci ist mit seinem Jeep vorgefahren und hat die Jutesäcke an seine Besucher verteilt. Die Schönsten und Grössten brauchen wir, sagt Damian und ritzt einen der Maiskolben auf. «Erntet nur jene Kolben, die nicht angefressen und deren Stämme nicht umgeknickt sind.» Gepflückt werden heute die Samen für die Aussaat im Frühling. Sie sind Damians Lebensversicherung oder besser: Damians Leben.

Das Lernen in Japan

Ende 90er-Jahre, Damian war gerade sechzehn, schenkte ihm sein Onkel das Buch «Der grosse Weg hat kein Tor» von Masanobu Fukuoka. «Ziel dieses Buches», schreibt der Bauer und Philosoph aus Japan im Prolog, «ist es den Menschen bei der Rückkehr zu helfen – der Rückkehr zu Gott, zur Natur, zu sich selber.» Die Lektüre reichte Damian, um japanisch zu lernen, einen Flug nach Japan zu buchen und dort neun Monate mit dem inzwischen verstorbenen Mann aus Iyo zu lernen. Was Damian lernte, war mehr als bauern. Er lernte leben.

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Er kehrte zurück nach Buenos Aires, um von dort wo er aufgewachsen ist, seinen eigenen Weg zu gehen, den Weg al campo – aufs Land. Sein Vater kaufte ihm hundert Hektaren in der argentinischen Pampa, dem fruchtbarsten Teil des Landes und während Argentinien 2001 in die Staatspleite schlitterte, säte Damian mit seinen Pferden die ersten Samen. Die Nachbarn rund um Tandil verstanden die Welt nicht mehr.

Zur Strafe aufs Land?

Eben hatten sich die multinationalen Firmen mit ihren gentechnisch verändertem Soja und Mais im darniederliegenden Argentinien installiert und die Basis für eine noch nicht absehbare Umweltkatastrophe gelegt, und der Jungspund aus der Stadt reitet seine Hektaren ab, ohne dabei grosses Geld zu machen.

Der hat bestimmt etwas verbrochen und wurde zur Strafe von seinem Vater aufs Land versetzt, tuschelte es in der Gegend. Zu unglaublich war es für die Tandiler, das da jemand auf alte Schule setzt. Alte Schule unter neuen Vorzeichen. Denn so wie während Jahrtausenden kultiviert wurde – nämlich biologisch, also ohne synthetische Zusatzprodukte wie Kunst-Dünger oder Insektengifte – wird heute in der argentinischen Pampa nur noch selten angebaut. Damian Colucci ist einer dieser wenigen. Frühling für Frühling sät er mit seinen Pferden die Felder seines Monte Callados (Schweigsamer Hügel) und ist damit der lebende Beweis, dass Agrarwirtschaft im 21. Jahrhundert auch ohne Industrie auskommt.

Woher nehmen Sie die Energie, hundert Hektaren alleine und biologisch zu bewirtschaften?
Damian Colucci: Ich habe schon immer davon geträumt, Land zu bewirtschaften und wenn jemand seine Träume lebt, dann tut er dies mit viel Lust. Natürlich gibt es Tage, an denen ich aufstehe und weiss, dass es ein langer und harter Tag wird. Aber ich weiss auch, das dies meine Aufgabe ist.
 
Das klingt nach einer Mission.
Ja, das ist es auch.

Sie lernten Ende 90er-Jahre mit Masanobu Fukuoka in Japan. Hat er Ihnen beigebracht, an Ihre Träume zu glauben?
Das weiss ich nicht. Was ich hingegen weiss, ist, dass mir jede Person, die ich kennengelernt habe und die ähnlich war wie Fukuoka, mir besagte Mission rübergegeben hat. Nicht in gesprochener Sprache und ohne Absicht. Eher so wie ein Vater der seinen Kindern etwas rübergibt, ohne gross Worte zu verlieren.

Was hat Ihnen Fukuoka rübergebracht?
Die Erde anders zu bewirtschaften, als dies heute getan wird und das Leben aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Inwiefern?
In Verbindung mit der Natur. Ja man könnte fast sagen, das Gegenteil dessen, was heute in den westlichen Gesellschaften gelebt wird.

An öffentlichen Veranstaltungen sprechen Sie von einer Gesellschaft von Automaten. Wie lässt sich diese Situation durchbrechen?
Um diese Frage zu beantworten bräuchten wir Tage und Monate. Als erstes muss der Mensch zur Natur zurückkehren, sie ist die Quelle des Lebens. Und dann sollte er sein eigenes Denken entwickeln. Heutzutage gibt es kaum Menschen mit eigenem Denken. Man denkt heute in Massen. Millionen von Menschen leben wie andere Millionen von Menschen und glauben, das zur Arbeit gehen die einzige Lebensform ist – Arbeit, die möglicherweise nicht einmal Sinn macht. Der Mensch sollte sich wieder mit den essenziellen Dingen des Lebens verbinden. Diese gehen in der Stadt verloren. Durch den fehlenden Kontakt, beginnt der Mensch unnatürlich zu denken und zu handeln. Um zu einer anderen Vision des Lebens zu kommen, hilft es sicherlich, auf dem Land zu leben und mit den Grundelementen in Kontakt zu sein.

Worauf beziehen Sie sich?
Nahrungsmittel, ein Rückzugsgebiet, ein Daheim: Es sind wenige Dinge und alle findet man problemlos in einer intakten Natur. Allerdings kann man nicht einfach aufs Land ziehen und plötzlich ist man im Paradies. Das Paradies, von dem Fukuoka sprach, ist zerstört. Nun gilt es der Natur zu helfen, sich wieder zu erholen. Das ist zwar ein langer Weg, aber er ist gehbar. Bei mir auf dem Land habe ich zwar noch kein Paradies, aber ich bin es am Aufbauen. Und nach zwölf Jahren Arbeit leben wir hier bereits in einem unglaublichen Überfluss. Wir haben von allen Nahrungsmitteln viel zu viel. Dabei gabs hier vor zwölf Jahren noch überhaupt nichts.

Ihre Felder sind umgeben von mit Chemikalien behandeltem Gensoja. Wie gehen Sie damit um, das rund um Ihr kleines Paradies die Natur zerstört wird?
Ich werde immer seltener wütend, aber natürlich spüre ich eine grosse Hilflosigkeit. Man zerstört die Natur und das schmerzt. Ich denke, die beste Form, dieser Zerstörung zu begegnen, ist, das ich etwas ändere. Zuerst muss ich mein eigenes Paradies aufbauen, damit die Leute sehen, das man problemlos ohne Agrarchemikalien Land bewirtschaften und problemlos davon leben kann. Das ist meine Aufgabe. Ich habe kein Interesse, mich mit jemandem zu streiten. Vielleicht ist es nötig, aber es gibt genügend andere Menschen, die das bereits tun. Ich brauche meine Zeit fürs Felder bewirtschaften und für Vorträge. Bei denen verdiene ich zwar nichts, aber sie sind eine gute Erfahrung. Denn hier in der Gegend gibt es niemanden, der anbaut wie ich. Es liegt an mir, die Dinge auszuprobieren und zu beweisen, dass sie funktionieren. 

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Das klingt nach viel Arbeit.
Für mich ist das ein Vergnügen, vielleicht auch deshalb, weil ich eine andere Vorstellung des Lebens und des Wirtschaftens habe. Ich betrachte mein Land nicht als Geldanlage. Der Mais zum Beispiel ist dieses Jahr an vielen Stellen umgeknickt, aber das ist für mich nicht weiter schlimm. Wir ernten dieses Jahr zwar ein bisschen weniger Mais dafür viel Weizen…

…was zeigt, dass Ihnen die Erde genügend zu Essen gibt.
Natürlich, das ist das wichtigste. Aber die Leute haben das Gefühl, sie seien Besitzer des Landes und müssten so viel Geld wie möglich rausholen. Das ist ein Fehler, dessen Basis auf dem europäischen Denken basiert, wonach man Land besitzen kann. Auch ist es die Basis von dem, was heute auf der Welt geschieht. Dabei gehört die Erde nicht uns und wir sollten sie so gut als möglich hinterlassen.

Für unsere Kinder und Enkelkinder?
Ja, allerdings nicht nur für die Menschen, sondern für das Leben als solches. Wenn die Menschen eine andere Vision des Lebens hätten, hätten wir mehr Bäume auf dem Land und wir würden weniger kultivieren – ganz einfach weil wir weniger bräuchten.