Wer sagt, die UBS sei eine Baustelle, könnte irren. «Ich wäre froh, wenn sie eine wäre», sagt Florian Esterer, Fondsmanager bei Swisscanto, «dann wüsste man wenigstens, dass etwas Neues gebaut wird.» Wie Esterer erwarten viele Investoren, dass endlich klar wird, wie es mit der UBS weitergeht. Sie wünschen sich einen beherzten Schritt.

Bis jetzt hat sich die Grossbank auf kleinere Massnahmen beschränkt. Angaben zur Strategie sind für die ausserordentliche Generalversammlung vom 2. Oktober 2008 angekündigt. Dann sollen zudem vier neue Mitglieder mit Finanz- und Bankerfahrung in den Verwaltungsrat gewählt werden (siehe Zweittext rechts).

Die aktuelle Unsicherheit über die Strategie zeigt sich auch im Aktienkurs. Die UBS-Aktie kostet mittlerweile weniger als 20 Fr., so wenig wie seit zehn Jahren nicht mehr. Die Börse veranschlagt damit die Bank unter dem fairen Wert des Private Banking.

«Für einen Einstieg in die UBS scheint es dennoch etwas zu früh», so Esterer. Denn die schlechten Nachrichten im Zusammenhang mit der Steueraffäre in den USA dürften anhalten. Zudem verlaufe die Restrukturierung harzig.

«Wer keine klare Strategie kommuniziert und keinen überzeugenden Umsetzungsplan vorlegen kann, wird vom Aktienmarkt bestraft und letztlich zum Übernahmekandidaten», sagt Markus Granziol, Finanzexperte und ehemaliger Chef der UBS-Investmentbank (siehe auch «Nachgefragt»). Eine Übernahme sei allerdings im Moment schwer denkbar.

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Mit besseren Konditionen locken

Eine klare Strategie ist auch für das Personal der Grossbank wichtig. «Gute Leute könnten auch heute noch abspringen», sagt Granziol. «Der Schaden, welcher dem Unternehmen auf diese Weise zugefügt wird, kann unkorrigierbar werden.» Dann dränge sich als Lösung eine Übernahme beziehungsweise eine Fusion zumindest im Investment Banking auf. Zu denken ist etwa an ein Joint Venture mit Barclays oder HSBC.

Auch Kunden sind verunsichert. «Es wird noch zwei bis drei Jahre dauern, bis der Ruf der Bank wiederhergestellt ist», sagt Esterer von Swisscanto. Im 2. Quartal musste erneut ein Nettoneugeldabfluss hingenommen werden, nachdem bereits im 1. Quartal mehr Kundengelder abgezogen wurden, als neue zugeflossen sind. Andreas Venditti, Analyst der Zürcher Kantonalbank (ZKB), rechnet im 2. Quartal sowohl im Asset Management als auch im Wealth Management mit einem weiteren Nettoneugeldabfluss.

Er erwartet allerdings, dass der grösste Abfluss von Kundengeldern im Wealth Management bis Ende Jahr gestoppt werden kann. Dies könnte allerdings mit höheren Kosten verbunden sein. «Um Kunden bei der Stange zu halten, dürfte die UBS auch bessere Konditionen bieten.» Zudem würden Kundenberater vermehrt mit finanziellen Anreizen an das Unternehmen gebunden. «Damit werden aber die Kosten weniger flexibel ausfallen, was sich bereits im 2. Quartal zeigen könnte.» Die UBS wird den Quartalsabschluss am 12. August 2008 vorlegen. Dann wird sich zeigen, wie hoch die Risikopositionen in den Büchern noch sind.

Die Bank hat im 2. Quartal nur Abschreibungen auf bereits offen gelegten Engagements vorgenommen. Somit sollte es keine negative Überraschung geben, nachdem die UBS in den vergangenen Quartalen stets mit neuen Schreckensmeldungen aufwarten musste. Selbst wenn sich vereinzelte Risikobestände trotz Abschreibern erhöht haben: «Wegen der Auslagerung an BlackRock dürften sie gesamthaft dennoch gesunken sein», sagt Venditti.


NACHGEFRAGT
Markus Granziol, Finanzmarktexperte und ehemaliger Chef der UBS-Investmentbank


«Die Bank muss wieder ambitiös werden»

Welche Möglichkeiten sehen Sie für das Investment Banking?

Markus Granziol: Die Investment-Banking-Branche hat in den vergangenen Jahren übermässig expandiert. Jetzt muss sie deutlich redimensionieren. Die Anzahl der Mitarbeiter, die weder direkt mit Kunden noch im Handel arbeiten, ist ja geradezu explosiv gewachsen. Hier gibt es bei der UBS tausende, deren Abgang das Kerngeschäft kaum schwächen würde.

Darf die Investmentbank nicht mehr so grosse Risiken eingehen?

Granziol: Nur die Weltspitze der Investmentbanken hat Chancen, finanziell sehr erfolgreich zu sein. Bei der UBS war es nicht der zu grosse Risikoappetit, sondern, dass schlechte Entscheide im falschen Markt und im falschen Moment gefällt wurden. Investment Banking ist wie ein Renngeschäft. Eine interne Tempolimite ist da nicht sehr zweckmässig. Wichtig sind aber gute Piloten.

Wo sehen Sie konkrete Probleme?

Granziol: Die Mitarbeiter sind in diesem Geschäft zentral. Im Moment haben viele berechtigte Zweifel, ob der Wille, eine der weltweit führenden Investmentbanken zu sein, auch wirklich beim VR und der Geschäftsleitung vorhanden ist. Es reicht einfach nicht, nur im Aktienhandel und vielleicht im Devisengeschäft zur Weltspitze zu gehören. Die Bank muss wieder ambitiös werden, sonst springen noch weitere Talente ab.

Gibt es Geschäftsbereiche, die man abbauen oder verkaufen könnte?

Granziol: Ja, es ist fraglich, ob es notwendig ist, in Kanada, Brasilien oder Australien so grosse Investment-Banking-Operationen zu betreiben, wie dies die UBS tut. Hier sind Verkäufe denkbar. Ob solche Verkäufe finanziell heute attraktiv wären, ist eine andere Frage. Aber vielleicht benötigt die UBS das Geld.

Sie befürworten doch eine Abspaltung der ganzen Investmentbank?

Granziol: Ja, zwischen Asset Management, Investment Banking und Private Banking gibt es wenige echte Synergien. Längerfristig ist die Aufspaltung die zentrale strategische Frage. Im Moment wäre dies aber nicht machbar. Vorrangig ist die Investmentbank als wertvolle Geschäftseinheit zu bewahren, aus dieser Krise zu führen und erste organisatorische Schritte einzuleiten, dass dann in, sagen wir, zwei Jahren eine Abspaltung möglich wird.

Und das Asset Management?

Granziol: Der Bereich kann jederzeit problemlos abgespalten werden. Es gibt in keiner Weise Synergien. Die Privatkunden wollen heute die besten Produkte auf dem Markt, egal von wem sie angeboten werden.

Ihre Vorstellungen sind ähnlich wie jene von Ex-UBS-CEO Luqman Arnold.

Granziol: Arnold ist auch ein Finanzmarktexperte und macht sich seine eigenen Überlegungen. Ich stehe mit ihm derzeit nicht im Kontakt. Er wird sicher weiter Druck ausüben. Ich denke, der Druck der Aktionäre wird weiter zunehmen, sodass das Management und der Verwaltungsrat jetzt entweder alle diese Fragen angehen oder dann ersetzt werden müssen.

Sind die von der EBK vorgeschlagenen Beschränkungen sinnvoll?
Granziol: Ja, dass sich die UBS in so kurzer Zeit in eine Situation manövrieren konnte, wo sie sogar als gefährdet betrachtet werden konnte, ist bedenklich und aus regulatorischer Sicht unakzeptabel. Eine Verschärfung der Eigenmittelvorschriften und eine Begrenzung des Leverage-Ratios sind naheliegende Schritte. Sie machen das Bankensysten eindeutig sicherer und das ist jetzt vorrangig. Ich denke, die Umsetzung sollte entsprechend zügig erfolgen

Müssen die Banken neues Kapital aufnehmen, um die Vorschriften zu erfüllen?
Granziol: Mit den neuen Eigenmittelvorschriften reicht das Eigenkapital wahrscheinlich nicht.

Lohnt sich der Einstieg bei UBS oder CS?
Granziol: Beide Grossbanken stehen vor Herausforderungen. Die Jahre der satten Gewinne sind vorderhand vorbei, aber hoffentlich auch die der massiven Verluste. Man muss in Rechnung stellen, dass sich durch die Kapitalerhöhung die Anzahl der ausstehenden Aktien bei der UBS massiv erhöht hat. Das allein rechtfertigt schon einen Aktienkurs, der verglichen mit früheren Jahren viel tiefer sein muss. Bei einem Kursniveau von unter 20 Franken scheint mir die UBS Aktie aber trotzdem billig. Der Pessimismus an den Aktienmärkten ist ja kaum mehr zu übertreffen. Das stimmt mich eher “bullish”. Wie haben eine ähnliche Situation in der Versicherungsbranche anfangs dieses Jahrzehnts schon miterlebt: Massiver Kurszerfall, grosse Verluste und dann über Jahre eine bestenfalls bescheidene Erholung. So sehe ich die Kursentwicklung auch bei den Grossbanken.

Befürchten Sie, dass sich die Kreditkrise noch ausweitet?
Granziol: Neben der Kreditkrise ist die Weltwirtschaft zusätzlich mit dem Phänomen eines hohen Erdölpreises und stark angestiegener Preise für Grundnahrungsmittel konfrontiert. Die realwirtschaftlichen Folgen sind schwer einschätzbar. Das Schicksal der Finanzbranche ist natürlich mit der Entwicklung der Realwirtschaft eng verbunden. So gesehen hat sich die letzten Monate die Situation nicht verbessert. Auch haben sich die Immobilienpreise in den USA noch nicht stabilisiert, und die Immobilienpreise in Spanien und Grossbritannien haben beachtlichen Spielraum nach unten. Aber die Exzesse im Finanzierungsbereich waren doch vor allem in den USA. Deshalb vermute ich, dass wir das Schlimmste schon hinter uns haben.