ZEIT-GESCHICHTEN. Bringen Sie etwa zwei Stunden Zeit mit, wenn Sie unsere neue Heritage Gallery in Le Sentier besuchen wollen», kündigt Sebastian Vivas, Kurator und Spezialist für das Vergangene bei Jaeger-LeCoultre, an. Nach dem Durchwandern von rund 350 m2 Ausstellungsfläche mit mehr als 500 Exponaten unterschiedlichster Natur waren aus den avisierten zwei fast vier Stunden geworden.

Schuld daran trug hauptsächlich eine gewaltige, 5,4 m lange und 4,7 m hohe Glasvitrine. Aus der Ferne betrachtet ist ihr kleinteiliger Inhalt nicht sonderlich spektakulär. Doch nach der Annäherung stellt sich beim Uhrenliebhaber ein Aha-Erlebnis ein. Über zwei Etagen hinweg sind hinter der wie ein Uhrenglas gebogenen Scheibe etwa 300 Uhrwerke ausgestellt. Das in seiner Art einmalige Who ist Who ist irgendwie auch tragende Säule des Traditionsunternehmens; die Ausstellung erschliesst auch diejenige der Uhrmacherei von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Im Grunde genommen gibt es nichts, was der Rohwerkespezialist auf dem Gebiet der tickenden Mikrokosmen ausgelassen hätte. Das Spektrum reicht vom schlichten Handaufzugswerk bis hin zur grossen Komplikation, vom Grosskaliber für Taschenuhren bis zum Winzling mit der Bezeichnung 101, der weniger als 1 g wiegt. Hier lebt die ganze Geschichte der 1833 gegründeten Manufaktur anhand unterschiedlichster Dokumente, der genialen Messinstrumente und Maschinen des Firmengründers Antoine LeCoultre und natürlich jeder Menge Uhren, ohne die Jaeger-LeCoultre nicht das wäre, was die Richemont-Tochter heute im Orchester der Luxusuhrenindustrie ist. Insgesamt acht Schaukästen präsentieren die interessantesten Modelle der Firmengeschichte in chronologischer Abfolge: Duoplan, Reverso, Atmos-Pendule, Futurematic und Memovox, um nur einige zu nennen. Ganz generell hat Jaeger-LeCoultre seine Heritage Gallery, die mehr sein möchte als ein reines Firmenmuseum, in drei unterschiedliche Bereiche unterteilt. Neben der grossen permanenten Sammlung gibt es regelmässig wechselnde Ausstellungen zu sehen. Die aktuelle zeigt faszinierende Dokumente zu den Anfängen, zur Genealogie der Gründerfamilie und historischen Entwicklung des abgeschiedenen Vallée de Joux. Platz zum Entspannen und Betrachten der neuen Kollektion bietet schliesslich der «Espace Collectionneurs», eine komfortabel eingerichtete Lounge. Am Ende fällt der Abschied schwer, denn es gibt in der Tat ungemein viel zu entdecken und zu lernen bei Jaeger-LeCoultre.

IWCs Gentlemen’s Club

Staunen ist auch am nächsten Ort der Museumstour angesagt. Vor allem dann, wenn man jene Räumlichkeiten, welche die Schaffhauser IWC ihrer illustren Historie widmet, noch aus früheren Zeiten kennt. Es handelt sich um den Eingangsbereich zum denkmalgeschützten IWC-Stammhaus und um ehemalige Ateliers im Erdgeschoss, die Josef Smolenicky völlig neu gestaltet hat. Daher bleibt der mit dem Ehemaligen vertraute Besucher verblüfft und überrascht zugleich stehen. Die visuelle Enge des alten Foyers ist einer luftigen, befreienden Atmosphäre gewichen. Verchromter und polierter Stahl, ein industrielles Material, fällt dem Ankommenden auf. Der Auftrag zur Umgestaltung stellte den 47-jährigen Smolenicky vor eine besondere Herausforderung. «Das gesamte Projekt war zugleich Eingangsbereich der Firmenzentrale, damit ihre Visitenkarte.» Daran hat sich auch nichts geändert. Wer das Museum besichtigen möchte, besucht gleichzeitig die IWC. Nach dem Entrichten eines Obulus von 6 Fr. steht die kleine, aber feine Welt der alten Nordostschweizer Uhrenmarke mit amerikanischen Wurzeln offen. Zu diesem Zweck müssen sich die Gäste zunächst in den westlichen Flügel des Museums begeben, wo IWC die ersten 100 Jahre ihrer Geschichte zur Schau stellt. «Da beide Museumsräume ursprünglich mal Werkstätten waren, fiel zu viel Licht ein, das wir filtern mussten», erläutert der Zürcher Architekt. Jetzt werden die Räume erhellt durch Lichter in den Vitrinen, in denen die Uhren ausliegen. Deckenlampen sucht man vergebens, hingegen schirmen Vorhänge das Tageslicht ab. Auf diese Weise hat Smolenicky eine intime Atmosphäre geschaffen. Der Gestalter, dem nichts an Stararchitektur liegt, wollte eine Art moderner Gentlemen’s Club schaffen, dessen Design mit der englischen Tradition bricht und auch Frauen jederzeit offen steht: «Unsere Professionalität besteht darin, sich auf verschiedene Welten einzulassen. So schaffen wir eine Lösung, die dem Kunden hilft und nicht nur dem Ego des Architekten.» Dem kann IWC-CEO Georges Kern nur zustimmen: «Die Präsentation unserer langen Geschichte und Tradition vollzieht sich in einem Umfeld, das die nicht minder faszinierende Gegenwart in vollem Umfang einbezieht.» Die ausladenden Vitrinen hat Smolenicky ebenfalls aus Chromstahl und Glas herstellen lassen. Im Verbund mit edlem Makassar-Holz verkörpern sie einen perfekten Rahmen für das, was Generationen von Uhrmachern im Laufe von demnächst 140 Jahren geschaffen haben. Die ausstellungsarchitektonische Grosszügigkeit äussert sich unter anderem darin, dass IWC sparsam umgeht mit seinen Exponaten. Überfülle und lange Textlegenden würden ablenken. Nach dem Motto «Weniger ist mehr» herrscht hier ein quantitativer Minimalismus. Dafür ist das Gezeigte von signifikanter Qualität. Im Zentrum des Raumes findet sich das, was in vielen Museen schlichtweg fehlt: Bequeme Sitzmöglichkeiten. Sie laden ein zum Verweilen und Studieren der Multimedia-Show, welche in der zentralen Vitrine beständig ihre Kreise zieht. Das akustische Beiwerk liefern kleine Handlautsprecher in sieben wählbaren Sprachen frei Ohr. Der Ostflügel des Museums verkörpert das Pendant für die nicht minder wichtige Neuzeit, von der IWC nun einmal lebt und Projekte wie diese finanziert. «Ich betrachte das Museum auch als einen multifunktionalen Ort der Kommunikation», bekennt Smolenicky, «auch als Plattform für die Präsentation neuer Uhren, für gesellschaftliche Events mit IWC-Liebhabern und für Vernissagen.» Kurzum: «Ein Museum», wie es Georges Kern vorschwebte, «soll keine statische Angelegenheit sein. Es muss leben wie die Uhren, die wir seit 1868 fertigen.»

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Longines 175 Jahre in Saint-Imier

Dritter im Museumsbunde ist Longines, die ihren Geschäften seit nunmehr 175 Jahren in Saint-Imier nachgeht. Anlässlich der ungemein langen Präsenz im Jura-Dorf hat die Swatch-Tochter ihr Firmenmuseum um zwei neue Säle erweitert. Gestalterisch fügen sie sich in das Gesamtkonzept der Ausstellung, die Besuchern nach Voranmeldung offen steht. Einer der beiden neuen Räume ist 100 Zeitmessern aus der Epoche von 1957 bis 2005 gewidmet. Gleichzeitig leben beim Rundgang aber auch 50 Jahre Uhrendesign mit seinen vielfältigen Facetten auf: Admiral, Flagship, L990, Feuille d’Or, DolceVita und auch Evidenza. Nach heutigem Geschmack ist selbstverständlich nicht alles schön, auf jeden Fall aber hoch interessant.Gleiches gilt für den Saal nebenan, in dem Longines die Entwicklung seiner werblichen Aktivitäten anhand von Plakaten dokumentiert. Das führt zu einem Spaziergang durch die Kulturgeschichte, denn die Bandbreite dessen, mit dem sich Longines regelmässig ins Licht der Öffentlichkeit rückte, reicht vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. 50 Tafeln bezeugen die Geschichte der Werbung, angefangen bei ersten Stichen mit Darstellungen der Fabrikgebäude und gewonnener Medaillen von Ausstellungen. Hinter etlichen der Poster stehen Schweizer Grafiker, die als gestalterische Pioniere des frühen 20. Jahrhunderts gelten. Nicht jedermann zugänglich, aber ein Monument stellen die 800 «Livres d’établissage» dar. Sie bergen alle Geheimnisse jener 15 Mio Uhren, die Longines vor der Einführung der Informatik fertigte. Auf Wunsch liefern sie Auskunft über den Uhrmacher, der das Erbstück aus dem Jahre 1882 regulierte und kontrollierte.

Ratschlag