Wie haben Sie den Tag des Brexit erlebt?
Paul Donovan*: Ich kam abends um 10 Uhr aus Genf nach London zurück. Nachts um 1 Uhr sah ich die ersten Resultate und ging schlafen. Um 2 Uhr habe ich realisiert, dass ich wieder an die Arbeit muss, was ich dann um 3 Uhr auch getan habe. Es folgten einige Stunden, in denen wir Berichte verfasst haben. Danach ging es für ein Referat nach Oxford, später nochmals ins Büro.

Wie tief sitzt der Schock in der City?
Tief. Insgesamt waren 52 Prozent für den Brexit. In London waren 60 Prozent dagegen, in Basildon im ländlichen Essex 69 Prozent dafür. Die Abstimmung hat Gräben offenbart – nach Geografie, Alter und Bildung. Viele, die in der Finanzindustrie arbeiten, sind jung und gut ausgebildet. Sie kennen persönlich niemanden, der für den Brexit gestimmt hat.

War die Überraschung deshalb so gross?
Viele haben sich von den Wettquoten täuschen lassen, die eine 75-Prozent-Chance für ein Nein voraussagten. Aber Wett­quoten sind eine plutokratische Statistik. Sie funktionieren nach dem Prinzip «1 Pfund, eine Stimme», nicht «eine Person, eine Stimme». Hätte man statt auf das Geld auf die Anzahl der Wetten geschaut, wären die Prognosen genau umgekehrt gelaufen.

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Was lernen wir aus dem Brexit?
In diesem Ereignis drückt sich eine Entwicklung aus, die viele Industrieländer betrifft: Die Tatsache, dass eine ganze Generation von der Wirtschaft zurückgelassen wurde. Viele Leute haben den Aufschwung nicht mitgekriegt. Sie haben ihren Job verloren oder seit acht Jahren keine Lohn­erhöhung mehr erhalten. Und verfallen nun in eine Art von Sündenbock-Ökonomie.

Was bedeutet das?
Die Ursachen des Trends sind ab­strakt: Weltfinanzkrise, Strukturwandel, sinkende Bildungsprämien. Man kann nicht mit dem Finger auf diese Konzepte zeigen. Sichtbar sind dagegen die Minderheiten, denen nun die Schuld an der Misere zugeschoben wird: Zugewanderten Arbeitskräften aus anderen Ländern.

Verursacht die Migration keine Probleme?
Ökonomisch sind diese Schuldzuweisungen völliger Unsinn. Zugewanderte Arbeitskräfte sind nicht der Grund für die Probleme. Wenn die Bürger von Grossbritannien glauben, dass alles besser wird, wenn man diese Gruppen nur loswird, ist das eine Illusion.

Die Zuwanderung von Osteuropäern trifft manche Einheimische stärker als andere.
Grossbritanniens Zuwanderer haben im Durchschnitt eine höhere Qualifikation als die Gesamtbevölkerung. Sie sind auch fürs Wirtschaftswachstum und die Staatsfinanzen netto ein Plus. Wirtschaftlich ist die Zuwanderung ein positiver Faktor, das steht ökonomisch absolut ausser Frage. Es gibt in der Geschichte übrigens auch kein einziges Beispiel, in dem Zuwanderer einer Volkswirtschaft mittelfristig geschadet hätten. Zudem sind die meisten Zuwanderer hoch motiviert. Sie schaffen Diversität, was in der heutigen globalen Wirtschaft immer wichtiger wird. Gerade für Firmen wie die UBS ist Vielfalt ein entscheidender Produktivitäts- und Wachstumsfaktor.

Das klingt nachvollziehbar – für die UBS. Aber in der britischen Peripherie?
Gerade an diesen Orten ist die Zuwanderung nicht hoch, sondern niedrig – nicht so wie in den Städten, die überwiegend für «Remain» gestimmt haben. Es ergibt doch keinen Sinn, die Zuwanderung auf dem Land als Übel anzusehen, obwohl sie dort praktisch nicht existiert.

Trotzdem gibt es viele Unzufriedene. ­Warum gehen sie gerade jetzt auf die ­Barrikaden?
Eigentlich steigen die Einkommensunterschiede schon seit Jahrzehnten. Bis zur Finanzkrise wurde dies aber mit billigem Kredit übertüncht. Die Menschen gaben Geld aus, das sie nicht hatten – für Dinge, die sie nicht brauchten. So gab es Gleichheit beim Konsum. Ein Nachbar leistete sich das Auto mit dem eigenen Geld, der andere kaufte es mit geborgtem Geld.

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Dann kam die Krise ...
... und die Konsumungleichheit sprang nach oben. Der Kreditfluss versiegte. Hinzu kam die vierte industrielle Revolution, also die Digitalisierung der Arbeitswelt. Sie trifft besonders die Älteren. Wer heute als qualifiziert gilt, kann bereits morgen zum alten Eisen gehören. Wir stehen vor grossen sozialen Herausforderungen.

Ist die Lage wirklich so gravierend?
In den USA sind 30 Prozent der Leute funktionale Analphabeten: Menschen, die nicht in der Lage sind, eine Zeitung zu ­lesen oder Rechnungen auszuführen. Sie fühlen sich wirtschaftlich entkoppelt und politisch ausgegrenzt. Die Demografie der Anti-Establishment-Parteien ist auch in Europa dieselbe. Massive ökonomische Veränderungen pflügen die Politik um.

Was sollen wir tun? Die Bildung fördern?
Unbedingt. Doch es genügt nicht, einfach die obligatorische Schulbildung zu verlängern. Diese Strategie hat man in Grossbritannien seit den 1970er-Jahren versucht, als die Schulzeit von 14 auf 16 Jahre verlängert wurde. Es zählt nicht die Dauer, sondern die Qualität der Bildung. Menschen müssen die Fähigkeit erlernen, sich auch selbst weiterzuentwickeln.

Der Ökonom Nouriel Roubini sagt: Die Gewinner der Globalisierung müssen die Verlierer entschädigen – indem sie einen grösseren Teil ihres Einkommens für ­öffentliche Güter wie Bildung oder ­Gesundheitsdienste zur Verfügung stellen.
Es braucht immer beides: Anreize, dass sich die Menschen anstrengen, und Mechanismen, um die Chancengleichheit wiederherzustellen. Dazu gehören auch Entschädigungen oder öffentliche Leistungen für die Unterprivilegierten. Die eigene Herkunft darf nicht darüber bestimmen, was man im Leben erreichen kann. Sonst herrschen plutokratische Verhältnisse.

Sind die USA eine Plutokratie?
Natürlich spielt Geld in Amerika eine gros­se Rolle bei Wahlkämpfen. Viele Spenden werden aber auch bei armen Haushalten eingesammelt. Politisch würde ich die USA nicht als Plutokratie bezeichnen.

Und im wirtschaftlichen Sinn?
Man muss als Ökonom stets auf der Hut sein. Viele neutrale Wirtschaftsdaten tragen eigentlich plutokratische Züge. Zum Beispiel die Inflation: Sie unterscheidet sich je nach sozialer Schicht. Arme Haushalte sind systematisch mit höheren Teuerungsraten konfrontiert, weil ihre Kon­sum­ausgaben anders strukturiert sind. In der Gesamtstatistik geht dies unter, weil dort die reichen Haushalte stärker gewichtet werden. Ähnlich wie die Wettmärkte funktionieren Inflationszahlen also nicht nach dem Prinzip «eine Person, eine Stimme». Auch ältere Menschen waren in den letzten 20 Jahren übrigens stets mit einer höheren Inflation konfrontiert.

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Der Brexit-Befürworter Michael Gove ­sagte: «Wir haben genug von den Experten.» Fühlen Sie sich angesprochen?
Anti-Intellektualismus gehört ja in Grossbritannien etwas zum guten Ton. Akademiker werden gern als «Oberschlaue» abgekanzelt. Trotzdem – oder gerade weil es in den letzten Jahren immer schwieriger geworden ist – müssen Ökonomen lernen, ihre Einsichten besser herüberzubringen.

Warum ist dies schwieriger geworden?
Die mediale Aufmerksamkeit reicht kaum mehr über 30 Sekunden hinaus. Was sich in dieser Zeit nicht erklären lässt, interessiert die Business-TV-Kanäle nicht. Dabei ist es so ziemlich unmöglich, Dinge wie die neuen US-Arbeitsmarktzahlen in 30 Sekunden sinnvoll zusammenzufassen. Der Arbeitsmarkt hat verschiedene Segmente. Die Welt ist kompliziert!

Müssen Ökonomen nicht einfach lernen, weniger umständlich zu formulieren?
Ökonomen verkleiden ihre Argumente gern in Gleichungen und verstecken sich hinter dem Fachjargon. Das muss sich ändern. Aber nochmals: Es ist nicht leicht, gegen die Flut von oberflächlichen Dateninterpretationen anzukämpfen.

Sie nehmen die Journalisten in die Pflicht?
Man muss sich die Mühe machen, Daten seriös zu analysieren, und dabei zwischen Scheinkorrelationen und echten Kausalzusammenhängen zu unterscheiden. Wissenschafter setzen sich nicht umsonst in 20-seitigen Papieren mit solchen Fragen auseinander. Allerdings werden diese heute nicht mehr gelesen. Vor 20 Jahren verschickten wir Forschungsdokumente jeweils per Fax an die Redaktionen. Journalisten riefen dann an und sagten: «Ihr Argument auf Seite 10 finde ich diskutabel.» Das war fruchtbar.

Gerade Finanzökonomen ignorieren aber auch die wirklich wichtigen Themen. Sie kommentieren stündliche Dow-Jones-­Bewegungen statt soziale Zeitbomben wie die Ungleichheit und den Populismus.
Ein Zentralbanker hat mir einmal erzählt, er würde nur einmal pro Tag auf sein Terminal schauen – um fünf Uhr, wenn die Märkte schliessen. Im Grunde genommen ist das richtig so. Wir sollten uns mehr Gedanken über die langfristigen und wirklich wichtigen Entwicklungen machen.

* Paul Donovan wird ab August Globaler Chefökonom bei der UBS. Der 44-Jährige hat in Oxford Philosophie, Politik und Ökonomie studiert und an der University of London den Master in Financial Economics absolviert. Als Praktikant war Donovan 1992 im Fixed-Income-Bereich bei Philipps & Drew, einer Tochter der SGB, tätig. Zuletzt war er Co-Head of Economics bei der UBS Investment Bank.

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