Houston im September 1998. Die einflussreichen Delegierten des Weltenergierats treffen sich zu ihrem grossen Kongress, der alle drei Jahre irgendwo auf der Welt durchgeführt wird. Eingeladen hat der Verband der globalen Energieindustrie dieses Mal auch einen kaum dreissigjährigen Schweizer. Der nationalen Sektion war der junge Mann als hoffnungsvolles Talent aufgefallen.

Doch Christoph Freis erster Kontakt mit der Organisation ist ernüchternd. An der Tagung in der texanischen Metropole wird er «eher als Tourist» behandelt, wie Frei heute rückblickend sagt. Während die Chefs von Ölfirmen und Stromwerken mit Ministern hinter dicken Türen brennende Energiefragen beraten, muss der ambitionierte Schweizer Besichtigungstouren im Space Center der NASA erdulden.

Der Besuch beim Direktor

Frei lässt sich nicht beirren. Noch während des Kongresses verschafft er sich einen Termin beim damaligen Generalsekretär, gemeinsam mit ein paar jungen Kollegen. «Ich war einer der Rädelsführer», sagt er lachend. Frei und seine Verbündeten schaffen es, dass die eingeladenen Nachwuchsleute ganz offiziell am Programm teilnehmen dürfen.

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13 Jahre später sitzt der heute 41-jährige Frei selber auf dem Stuhl des Generalsekretärs des Weltenergierats. Seine Haare sind inzwischen grau meliert. Aber den jungenhaften Charme bewahrte er, mit dem er wohl schon seinen Vorgänger zu umgarnen vermochte. Frei ist drahtig und scheint von einem inneren Kraftwerk angetrieben, wenn er über die Energieversorgung der Welt spricht. So sehr beschäftigt ihn das Thema, dass sich die Sätze im Gespräch manchmal überschlagen und die Argumente aus ihm herauspurzeln wie Münzen aus einem geknackten Spielautomaten.

Die Getriebenheit ist verständlich, denn Frei und seine Organisation stehen vor einem gigantischen, vielleicht unlösbaren Dilemma. Die Welt hungert nach Energie - doch stillt sie diesen Hunger mit fossilen Energieträgern, droht eine fatale Erwärmung des Weltklimas. Zwar ruhen viele Hoffnungen auf der Alternativenergie, auf Sonne, Wind, Biogas, Geothermie und anderen neuen Technologien.

Doch auch wenn Frei die Anwendungen unterstützt: Der letzte Kongress seines Weltenergierats brachte auch unangenehme Erkenntnisse zutage. «Nicht nur China und Indien, sondern auch die USA werden weiter Kohle benutzen. Zu einer Abkehr von diesem Energieträger wird es schlicht nicht kommen», warnt er.

Ein Grund für diese Entwicklung: Die aufstrebenden Länder versuchen ein Problem zu lösen, das Frei ebenfalls sehr am Herzen liegt - die Energiearmut. Vielerorts auf der Welt fehlt breiten Bevölkerungsschichten ein Zugang zu konstanter Stromversorgung. Auch die Folgen dieser Armut sind simpel und brutal: Wer keinen Strom zuhause hat, lebt schlechter und stirbt früher, das lässt sich statistisch belegen.

Im Kampf gegen die Energiearmut setzen die Entwicklungsländer auf Kohlekraftwerke, ob man das nun gut finde oder nicht, so Frei. Nur wenn man sich dieser unangenehmen Einsicht stelle, könne man nach Lösungen suchen. Weil Kohlekraftwerke die schlimmsten CO?-Schleudern überhaupt sind, ist die Entwicklung der Technik CO?-Abscheidung zentral. Damit lässt sich das Klimagas herausfiltern und tief unter der Erde lagern. «Hier kann der Weltenergierat wertvolle Arbeit leisten», sagt Frei. Umfragen bei den Mitgliedern hätten gezeigt: Ihnen geht die Entwicklung dieser Technologie viel zu langsam voran.

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Frei ist alles andere als ein abgebrühter Insider der Energieindustrie. An der ETH Zürich zum Elektroingenieur ausgebildet, spezialisierte er sich unter anderem auf ethische Fragen. Vor seiner Zusage beim World Energy Council machte er es zur Bedingung, dass er auch unbequeme Positionen vertreten darf. Als Privatmann bringt er sogar der Offroader-Initiative der Grünen Sympathien entgegen. «Meine Freiheit darf so weit gehen, bis sie die von anderen einschränkt», erklärt er. Wenn die energiefressenden Autos nötig seien, um Grundbedürfnisse zu decken, sei das in Ordnung. «Ich sehe allerdings wenig Offroader in der Stadt, welche die Grundbedürfnisse decken», fügt er trocken an.

Freis Rolle lässt sich auch als die eines Desillusionisten beschreiben - eines Mannes, der mit Illusionen aufräumt, egal, welche Seite sie hegt. So etwa beim Thema Energieeffizienz. Wie ein Mantra ist seit Jahren zu hören, dass die Förderung der Energieeffizienz der schnellste Weg sei, um die Energie- und Klimaprobleme der Welt zu entschärfen. «Doch wenn es so einfach wäre, wie viele denken, wäre die Effizienz unseres Energiesystems schon längst deutlich höher», mahnt Frei. Aus technischen Gründen sowie wegen der Schwierigkeiten bei der Setzung von Effizienzstandards sei die Erreichung dieser Ziele alles andere als einfach, wie gemäss Frei breit angelegte Erhebungen des Weltenergierats zeigen. Diese Hürden müssten die Staaten abbauen.

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Für viele gar der Schuldige

Viele Kritiker orten das Problem allerdings anderswo, nämlich ausgerechnet in Personen wie Christoph Frei. Der Weg zu einer effizienteren, lokal verankerten und grünen Energieinfrastruktur werde nur aus einem Grund nicht eingeschlagen, meinen sie: Weil die grossen Strom- und Energiekonzerne und ihre Fürsprecher kein Interesse an dezentralen Systemen haben. Denn mit deren Entwicklung schaffen sie sich selber ab. «Das stimmt natürlich nicht», verteidigt sich Frei. Erst wenn es dereinst ganz billige Speichersysteme für Energie geben werde, könne man von einem wahrhaft dezentralen System reden. Diese Technik liege aber noch in weiter Ferne. Das Energiesystem werde auch in Zukunft stark vernetzt sein, selbst wenn die Stromproduktion dezentral erfolgt. «Und da ist die Rolle des Koordinators enorm wichtig, denn er baut Reservekapazitäten auf und steuert das System.»

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Fehlendes Profil

Sein Handwerk lernte Frei beim World Economic Forum (WEF), bei dem er sich zwischen 2001 und 2009 um das Thema Energie kümmerte und wo er Mitglied des Exekutivkomitees war. Beim Weltenergierat ist Frei auch angetreten, um das Profil des Verbandes zu schärfen. Dieser gilt als solide, aber etwas langweilig. Nicht er ist heute die Referenz, wenn es um globale Energiethemen geht, sondern die in Paris beheimatete Internationale Energieagentur (IEA) - eine OECD-Organisation, deren Chefökonom Fatih Birol als Starredner von Konferenz zu Konferenz jettet.

Frei will seinen World Energy Council nicht als Konkurrenz zur IEA sehen. «Wir haben eine ganz andere Rolle.» Als OECD-Organisation sei die Energieagentur «regierungsgetrieben». Das gelte für den Weltenergierat nicht. Vor allem aber: «Bei uns spielen die Schwellen- und Entwicklungsländer eine aktive Rolle.» Das ist ein Vorteil: Zum einen war es der fehlende Dialog zwischen Süden und Norden, der die Klimakonferenz in Kopenhagen zum Scheitern brachte. Zum anderen werden die Schwellenländer die Zukunft der Energie- und Klimafrage bestimmen, insbesondere Indien und China.

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Nach mehrmaligem Nachfragen räumt Frei ein: Der Ressourcenhunger Chinas löst bei manchen Mitgliedern seiner Organisation Ängste aus, etwa weil «die Volksrepublik keine Berührungsängste mit Ländern hat, von denen viele andere unserer Mitglieder die Finger lassen», so Frei. Doch schon kramt er ein Bild hervor, das ihn auf Besuch beim chinesischen Energieminister zeigt, der beim Weltenergierat auch im Direktorium sitzt. «Wenn man jemandem nicht vorwerfen kann, dass sie die Ohren verschliessen, dann den Chinesen.» Und wenn die Chinesen erkennen, dass sie besser machen können, seien sie die Ersten, die es umsetzen, glaubt Frei. «Wenn man an einem Ort sicher sein kann, dass in Sachen Energieeffizienz etwas passiert, dann ist es in China.»

Es gibt also viel zu tun für den Schweizer Weltreisenden in Sachen Energie, der seit seinem Amtsantritt in Dutzenden Ländern seinen Besuch gemacht hat und nach unserem Gespräch seine sieben Sachen wieder in einem kleinen Köfferchen verstaut. Immerhin: Eine Sorge hat Frei nicht mehr. Nach dem ersten unter seiner Ägide durchgeführten Weltenergiekongress vom letzten Jahr zeigten sich die nach Montréal eingeladenen Nachwuchskräfte zufrieden. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger musste Generalsekretär Frei keine Delegation von enttäuschten Jungtalenten empfangen.

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