Dem Schweizer Detailhandel geht es schlecht wie schon lange nicht mehr. 2015 wird als Annus horribilis in die Jahrbücher eingehen: Ende Jahr schliesst die Modekette Bernie's alle Filialen. Auch Jeans & Co hat alle zwölf Filialen dichtgemacht und 100 Kündigungen ausgesprochen. Companys hat Insolvenz angemeldet und zwölf Filialen geschlossen sowie neun weitere an einen dänischen Konkurrenten verscherbelt. Paul Kehl mit seinen drei Häusern ist nicht mehr.

Jamarico gab nach 30 Jahren beide Modeläden auf, Möbel Hubacher musste sich an Konkurrent Pfister verkaufen, Thomas Herbert und Stefan Portmann gaben die Lizenz für ihre 22 Calzedonia-Shops zurück: «Das ist nicht lukrativ. Da schaut im besten Fall eine schwarze Null raus», sagt Herbert. Selbst grosse Player lassen Federn: Die Schuhkette Bata schliesst fünf Läden, Rivale Pasito sogar vierzehn, die Billiganbieter Tally Weijl und Chicorée je zehn Geschäfte, PKZ vier. «Die Mehrheit der Retailer strafft ihr Filialnetz», sagt Stefan Gross, CEO des Einkaufszentrums Glatt.

Konkurrenzkampf mit aggressiven Online-Anbietern

Verschiedene Umstände addieren sich derzeit für den stationären Schweizer Detailhandel zum perfekten Sturm. Neben Frankenstärke und Käuferstreik nimmt unter anderem auch der Konkurrenzkampf mit aggressiv kalkulierenden Online-Anbietern vielen Händlern jeglichen Spielraum. Doch kampflos geben die Warenhäuser, Modeketten und Grossverteiler hierzulande nicht auf. «Der Schweizer Detailhandel ist erwacht», sagt Globus-Chef Herbert. Und er will aus dem, was andere als Schwäche sehen, eine Stärke machen: «Die Verknüpfung von Online und Offline ist ein gros­ser Vorteil. Jeder Händler, der nur eines bedient, kann nicht das volle Potenzial ausschöpfen», sagt BCG-Berater Hofer. Clicks and Mortar (Mörtel) nennt sich die Strategie.

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Genauso verschränken die etablierten Player zunehmend On- und Offline. PKZ-Inhaber Burger etwa baut das 134 Jahre alte Familienunternehmen mit grossem Eifer um. Diesen Herbst hat er die PKZ-Website aufgehübscht, genauso wie die App fürs Smartphone. Lounges mit Tablets, auf denen der eigene Online-Shop als Homescreen erscheint, verzahnen beide Einkaufswelten. «Viele Kunden informieren sich online, suchen aber die Produkte zum Testen im Geschäft. So bringt das Web mehr Leute in die Läden», sagt Burger. Netter Nebeneffekt: Sie nehmen dort eher spontan etwas mit.

Elektronische Spiegel

Andere Ketten – in der Schweiz beispielsweise Schild – setzen auf elektronische Spiegel, die aufzeichnen, was man gerade anprobiert. Freund oder Partner können das Kleidungsstück live via Facetime sehen und kommentieren, auch auf Facebook ist die Anprobe mit einem Knopfdruck gepostet. Vor allem zeigt das Display, wie das gleiche Kleidungsstück am eigenen Körper in einer anderen Farbe oder mit einem anderen Muster aussehen würde. «Noch ist das eine Spielerei, weil Auflösung und Farbechtheit zu schlecht sind», sagt Globus-Chef Thomas Herbert. «Aber in fünf Jahren hängt so ein Display in jeder Umkleidekabine.»

Doch wird das reichen, um die E-Shopper zurück in die Läden zu bekommen? Schliesslich rüsten auch die Online-Shops auf - und drängen ihrerseits in die Ladenzeilen.

Frankenstärke, Online-Konkurrenz, Käuferstreik - der Schweizer Detailhandel steckt in der Krise. Wie er sich neu erfindet, welche Ideen sich international führende Modekonzerne einfallen lassen und was von der Online-Konkurrenz künftig zu erwarten ist, lesen Sie in der neuen «Bilanz», ab Freitag am Kiosk oder mit Abo jeweils bequem im Briefkasten.