Sie sind einer bestbezahlten Schweizer Industriemanager. Sind Sie das viele Geld wert?

Joe Hogan: Ich vergleiche mich nicht nur mit Schweizer Industriemanagern, sondern auch mit ausländischen. Europaweit betrachtet, bewegt sich mein Jahressalär leicht unter dem Durchschnittsniveau - das ist fair, denke ich.

Ihre Antrittsentschädigung bei ABB in der Höhe von 13 Mio Fr. hat die Schweizer Gemüter erregt. Sie wirken überrascht. Warum?

Hogan: Ja, die öffentliche Debatte erstaunt mich. Nicht dass das Thema nicht diskutiert werden soll - im Gegenteil. Aber man sollte nicht den Blick auf das grosse Ganze verlieren: Ich bin im internationalen Vergleich über das Jahr durchschnittlich bezahlt. Den sogenannten Antrittsbonus, der grossenteils aus Aktien besteht, erhalte ich im Wesentlichen erst nach drei beziehungsweise nach fünf Jahren.

ABB gilt seit der Ära Dormann/Kindle als bescheidenes Unternehmen, in dem die CEO mit der S-Bahn zur Arbeit fahren.

Hogan: Ich habe bei General Electric vertragsbedingt mehr Geld zurückgelassen, als ich von ABB bekommen werde. Geld ist also nicht mein Antrieb, war es auch nie. Ich stehe nicht jeden Morgen auf und denke an mein Gehalt. Ich will nicht überdurchschnittlich, aber fair bezahlt werden.

Wenn es nicht das Geld ist - was treibt Sie an?

Hogan: Ich liebe das Geschäft und die Menschen. Ich mag es, ein Unternehmen wachsen zu sehen, wenn neue Produkte erfolgreich an den Markt gebracht werden. Ich mag es, wenn Menschen ihr Wissen und ihre Fähigkeiten einsetzen und damit ein Geschäft entwickeln. Das faszinierte mich schon immer. Und ich habe bereits in jungen Jahren daran gedacht, einmal ein Unternehmen zu führen.

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Warum?

Hogan: Man muss in einem gewissen Sinn eklektisch sein, also diverse Fähigkeiten richtig einsetzen können. Man muss fit bei den Finanzen sein, von Technologie fasziniert sein, und man sollte Menschen mögen. Was mir an ABB so gut gefällt, ist die Internationalität. Egal, wohin ich gehe, immer bin ich von Menschen umgeben, die aus den verschiedensten Ländern stammen.

Wohin führen Sie ABB in den nächsten fünf Jahren?

Hogan: ABB wird noch internationaler sein als heute. Wir werden unsere Position in unseren Kerngeschäften, also der Energie und der Automation, ausbauen und neue Geschäftsbereiche entwickeln. Zentral für ABB werden die Schwellenländer sein, denn hier ist die Nachfrage nach unseren Produkten mit Abstand am grössten.

Also in den BRIC-Staaten, heisst Brasilien, Russland, Indien und China?

Hogan: Ja, aber nicht nur. Starke Wachstumsraten erwarten wir auch in Südostasien oder in Staaten wie Mexiko. Das heisst aber nicht, dass wir in reifen Märkten wie der Schweiz unsere Aktivitäten reduzieren. Wir wollen unsere Präsenz überall ausbauen, allerdings mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Der weltweite Abschwung hat zu dramatischen Verschiebungen im globalen Machtgefüge geführt - westliche Industriestaaten wie die USA, Japan und Deutschland haben mit der Erweiterung der G8 auf G20 auch zugegeben, dass sie in den nächsten 30, 40 Jahren nicht mehr die alleinigen Wachstumsmotoren der Weltwirtschaft sein werden.

Welche durchschnittliche jährliche Wachstumsrate will ABB mittelfristig erreichen?

Hogan: Ich weiss nicht, wann wir aus dieser Rezession kommen. Deshalb ist es schwierig, Wachstumsprognosen zu machen. Unsere Mittelfristziele, die wir 2007 kommuniziert haben und die bis 2011 reichen, sind jedenfalls nach wie vor gültig - mit Ausnahme unseres Robotergeschäfts. Der Bereich wurde vom Abschwung, vor allem durch den Einbruch des Automobilgeschäfts, so hart getroffen, dass wir unsere mittelfristigen Wachstumsziele nach unten korrigieren werden.

Warum trennen Sie sich nicht von diesem Sorgenkind? Die Robotik macht ABB schon seit Jahren Schwierigkeiten, auch in der Hochkonjunktur.

Hogan: Das kommt nicht in Frage. Die Robotik ist ein ausgezeichneter Bereich mit hervorragenden Produkten und einem guten Vertrieb.

Warum so optimistisch?

Hogan: Sicher nicht, weil ich einfach darauf warte, bis das Automobilgeschäft zurückkommt. Roboter werden immer häufiger in der allgemeinen Industrie eingesetzt, weil sich die Technologie laufend verbessert. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Brezel-Produktion in der Schweiz.

ABB-Roboter sollen Brezel backen?

Hogan: Schwer zu glauben, ich weiss (lacht). Aber das ist einer von vielen neuen, attraktiven Nischenmärkten. Bis vor einigen Jahren konnten Roboter nur grobe Arbeiten verrichten. Heute hat sich die Präzision ihrer Bewegungen massiv erhöht. Zudem können Roboter deutlich sachter Produkte anfassen und bewegen - damit kommen sie heute auch für sehr sensible, zerbrechliche Produkte in Frage. Darum bin ich so zuversichtlich.

Nicht nur ABB hat diese Nischen im Visier, sondern auch Ihre Konkurrenz.

Hogan: Das stimmt, aber wir befinden uns in der komfortablen Lage, den Bereich in Ruhe restrukturieren zu können. Andere Unternehmen können das nicht, weil sie vielleicht in finanziellen Schwierigkeiten sind. Ich bin überzeugt, dass unsere Robotik in fünf Jahren besser aufgestellt sein wird als heute.

Die ABB Robotik setzt im internationalen Vergleich eher wenig um - die kritische Grösse fehlt.

Hogan: Es mag sein, dass die Robotik ABB-intern auf Stufe Umsatz ein kleiner Player ist. Aber wissen Sie was? Es kümmert mich nicht. Es macht Sinn, den Bereich als eigenständigen Geschäftsbereich zu führen, und das soll auch so bleiben, so lange die Perspektiven so gut bleiben, wie sie heute sind.

Sie erwähnten es bereits: Manche Ihrer Mitbewerber sind geschwächt, zum Beispiel Kuka. Sind das attraktive Übernahmekandidaten für ABB?

Hogan: Wir beobachten den Markt genau, doch es gibt keine Pläne, die ich an dieser Stelle mit Ihnen teilen würde.

Manche haben erwartet, dass ABB schon kurz nach Ihrem Amtsantritt erste grössere Akquisitionen verkünden würde. Doch passiert ist nichts. Warum?

Hogan: Es wäre sehr unvernünftig von mir gewesen, wenn ich schon nach wenigen Monaten unnötigerweise grosse Zukäufe getätigt hätte. ABB hat keine Lücke im Portfolio, die dringend geschlossen werden müsste. Das heisst nicht, dass wir grösseren Akquisitionen gegenüber abgeneigt wären. Doch wir unternehmen nichts, was ABB keinen Mehrwert bringt.

In welchen Bereichen würden Zukäufe Mehrwert schaffen?

Hogan: Energie und Automation (lacht).

Nun gut, das ist das ganze Portfolio von ABB. Anders gefragt: Gibt es Märkte, auf denen der Konzern noch überdurchschnittlich zulegen kann und soll?

Hogan: Nun, es gibt noch geografische Lücken, die wir schliessen könnten. So ist ABB bisher unterdurchschnittlich in Nord- und Südamerika und in Japan vertreten. Hier können wir eindeutig noch zulegen. Primär wollen wir hier aber organisch wachsen.

Welche Inputs kommen von Ihrem VR-Präsidenten Hubertus von Grünberg?

Hogan: Ich weiss mittlerweile, dass er - zumindest in der Schweiz - manchmal als kontroverse Persönlichkeit wahrgenommen wird (lacht). Aber ich kann Sie beruhigen: Er drängt mich in keinerlei Richtungen und zu keinen Zukäufen, vertritt aber eine klare Meinung. Er ist eine sehr grosse Unterstützung für mich, und ich bin froh, mit ihm zusammenarbeiten zu können. Er kennt sich auf den nordamerikanischen und europäischen Märkten sehr gut aus und verfügt über jahrzehntelange Erfahrungen in der Industrie.

Wie viel kann ABB theoretisch für Zukäufe ausgeben?

Hogan: Das hängt vom Verschuldungsgrad ab, mit dem wir leben wollen. Auf jeden Fall denken wir nicht darüber nach, wie viel Geld wir ausgeben sollen, sondern welche Schritte für unser Unternehmen Sinn machen. Ich arbeite nicht mit Wasserstandsmeldungen zum Verschuldungsgrad von ABB.

Mitte 2008 sagte Ihr Finanzchef Michel Demaré, ABB könne theoretisch 15 Mrd Dollar für Zukäufe ausgeben.

Hogan: Wir können 20 Mrd Dollar ausgeben oder auch nur 3 Mrd Dollar. Die Frage dabei ist, ob wir das auch wollen. Macht es Sinn, mitten in der Rezession die gesamte Feuerkraft zu nutzen? Ich denke nicht.

Werden wir mittelfristig also eher kleinere Zukäufe sehen?

Hogan: Es gibt keine Pläne, die ich Ihnen mitteilen könnte. Statistisch gesehen haben Sie recht: ABB wird eher kleinere Akquisitionen tätigen als grosse. Seit meinem Antritt hat ABB eine Handvoll kleine bis mittlere Zukäufe umgesetzt.

ABB wird 2 Mrd Dollar für ein Kostensenkungsprogramm ausgeben. Reicht das?

Hogan: Vom heutigen Standpunkt aus gesehen sind die Massnahmen ausreichend. Bis Ende Jahr werden wir 1 Mrd Dollar ausgegeben haben. Ob weiterführende Schritte nötig sind, müssen wir von Quartal zu Quartal beurteilen.

ABB hat als mittelfristiges Ebit-Margenziel ein Spektrum von 11 bis 16% genannt. Im 2. Quartal 2009 lag die Ebit-Marge bei 13,2%. Werden wir 2010 tiefere Renditen sehen?

Hogan: Die Margen können sinken oder steigen, in der aktuellen Situation ist das nicht vorauszusagen.

Ihr Zielband ist sehr konservativ.

Hogan: Die Wettbewerbsbedingungen werden in naher Zukunft sicher härter werden. Insofern ist es bereits ein recht ambitioniertes Ziel, Ergebnisse innerhalb dieses Spektrums zu liefern.

Wie lautet die Preisstrategie von ABB?

Hogan: Ich kann Ihnen keine genaue Antwort geben, denn wir führen 45 Geschäftseinheiten in 120 Ländern - in manchen Ländern werden wir unser Pricing durchsetzen, in anderen möglicherweise nicht. Wenn auf gewissen Märkten die Nachfrage sinkt und die Kapazitäten wachsen, wird der Konkurrenzkampf härter. Unser Ziel ist, nirgendwo als Preisdrücker aufzutreten. Wir investieren in diesem Jahr 1,3 Mrd Dollar in die Forschung und Produktentwicklung - wenn wir sicher sein wollen, dass sich diese Investitionen auszahlen, müssen wir möglichst an unserer Preisstrategie festhalten. Natürlich wollen wir wettbewerbsfähig bleiben, aber wir wollen nicht zum Tiefpreiszulieferer werden. Wir werden versuchen, unsere Preise so lange wie möglich zu halten.

ABB schlägt sich in der Rezession bisher ganz gut. Wo sehen Sie Risiken für das 2. Halbjahr 2009 und für 2010?

Hogan: Unsere Automationsgeschäfte leiden stärker als der Energiebereich und werden noch weiter unter Druck geraten. Bis sich dieser Trend verändert, dürfte es Mitte bis Ende 2010 werden.

Gibt es Ausnahmen?

Hogan: Ja, das Öl- und Gasgeschäft im Automationsbereich läuft ganz ausgezeichnet, eine negative Trendwende ist bisher nicht erkennbar.

Was erwarten Sie für den Energiebereich?

Hogan: Der Klimawandel und die Debatte um erneuerbare Energien helfen uns. Wir spielen weltweit eine bedeutende Rolle, weil wir Staaten und Unternehmen dabei unterstützen, ihre Treibhausgasemissionen zu senken. 2010 wird dabei die Nachfrage auf der Seite der Energieversorger nach wie vor höher sein als auf der Industrieseite. Auch wenn Ökonomen bereits davon reden, dass die Talsohle erreicht sei und die Märkte sich erholen - ich kann für ABB noch keine Signale einer deutlichen Erholung sehen.

Kommt nach einer kurzen Erholung der nächste Abschwung?

Hogan: Die Frage ist vielmehr, wie steil die Wachstumskurve sein wird, wenn wir aus dieser Rezession wieder herauskommen. Ich persönlich denke, dass die Zuwachsraten während langer Zeit eher flach sein werden. Zumindest sehe ich dieses Szenario für ABB.

Helfen die Stimulus-Programme in den USA?

Hogan: Die US-Konjunkturprogramme sind mehr Schein als Sein.

Das müssen Sie uns genauer erklären.

Hogan: Das hängt mit der föderalistischen Struktur der USA zusammen. Jeder Bundesstaat hat eigene Wünsche eingebracht - so ist ein sehr heterogenes Programm entstanden, in dem «nur» 15 bis 20 Mrd Dollar auf unsere Aufgabenbereiche entfallen. Ganz anders in China: Der Staat investiert rund 250 Mrd Dollar in Sektoren, die für uns interessant sind, also in den Ausbau von Infrastruktur. Auch Indien geht in diese Richtung.

Die US-Förderprogramme in erneuerbare Energien klingen doch aber interessant.

Hogan: Ja, aber ich vertraue nicht auf solche Konjunkturprogramme. Manchmal kommen sie sehr spät, manchmal gar nicht mehr oder in einer anderen Form.

Ist China wirklich so stabil, wie es den Anschein hat?

Hogan: Politisch ist China meiner Meinung nach stabil, und auch ökonomisch. China hat für 2010 BIP-Wachstumsraten von 7 und 9% prognostiziert, während man anderswo mit höchstens 1 bis 2% rechnet.

China wächst aber auf deutlich tieferer Basis als etwa Westeuropa.

Hogan: Ja, da aber China über lange Zeit jedes Jahr bis zu 10% gewachsen ist, zählt es schon jetzt zu den grössten Volkswirtschaften der Erde. Und nichts deutet darauf hin, dass sich etwas daran ändert. Die aktuelle Verfassung des Landes zeigt, dass die Binnennachfrage viel stabiler ist als manche dachten. Viele gingen davon aus, dass die chinesische Volkswirtschaft insbesondere von den US-Konsumenten abhängt. Nun zeigt sich, dass es nicht so ist.

Werfen wir nochmals einen Blick auf die erneuerbaren Energien. Ihre Auftragseingänge für Windkraftprodukte haben im vergangenen Jahr 1 Mrd Dollar erreicht. Wie wird sich das Solargeschäft entwickeln?

Hogan: Mittelfristig wird unser Solargeschäft so gross werden wie das in der Windenergie. Langfristig gesehen bin ich sehr optimistisch für die Solarenergie. Projekte wie Desertec zeigen, welche Potenziale dieser Markt für ABB birgt.

Wie soll sich ABB positionieren?

Hogan: Als Systemintegrator, als führender Zulieferer.

Ihr Kerngeschäft sind Solarparks. Was ist mit dem Wohnbaumarkt?Hogan: Wir wollen auch bei kleinen Solaranlagen, etwa auf Hausdächern, zulegen. Aber wir wollen keine Solarpanels herstellen.

ABB-Konzernleitungsmitglied Peter Leupp sagte kürzlich, für ABB wäre der Einstieg in die Solarzellenproduktion denkbar.

Hogan: Er hat es nicht kategorisch ausgeschlossen. Auf Sicht wollen wir jedoch keine Solarmodule produzieren. Wir verkaufen Roboter und Systeme an diese Industrie. Die Modulhersteller leiden derzeit unter massiven Überkapazitäten. Es würde für ABB wirklich keinen Sinn machen, in diesen Markt einzusteigen.

Sie könnten einen unterbewerteten Hersteller kaufen - davon gibt es jetzt zuhauf.

Hogan: Ja, es gibt viele, die kein Geld mehr verdienen (lacht). Nein, das interessiert mich nicht. Hier sind wir keine Experten, also lassen wir lieber die Finger davon.

Der Markt für Atomenergie erlebt derzeit ein Revival. War es rückblickend ein Fehler, dass ABB vor Jahren diesen Geschäftsbereich veräussert hat?

Hogan: ABB befand sich damals in massiven Schwierigkeiten. Betrachtet man das Unternehmen heute, so hat die damalige ABB offensichtlich eine richtige Entscheidung gefällt. Wir sind nach wie vor als Zulieferer für Nuklearprojekte im grossen Stil aktiv, aber wir bauen eben keine kompletten Reaktoren mehr. Wir werden hier schöne Wachstumsraten sehen, getrieben von China und Indien. Insofern bin ich mit unserer Marktposition ganz zufrieden.

Kommt ein Wiedereinstieg in Frage?

Hogan: Nein. ABB ist aus diesem Bereich raus - wie übrigens auch aus dem Turbinengeschäft. Das ist definitiv vorbei.