Viele Supermarktbetreiber haben die Zeichen der Zeit nicht ausreichend erkannt», sagt Mirko Waschun, Autor der Studie und Mitglied der Geschäftsleitung von A. T. Kearney. Bis zu 8 Mio Kunden oder 18 Mrd Euro Umsatz könnten danach Supermärkte und Selbstbedienungswarenhäuser in den nächsten Jahren verlieren.

A. T. Kearney geht bei seiner Berechnung von einer Gesamtkundenzahl von 63 Mio aus. Gewinner seien neben grösseren Nachbarschaftsläden auch die bisher kaum lukrativen Onlinedienste für Lebensmittel sowie Luxusmärkte. Für den Schweizer Markt bedeutet dies: Mittelgrosse Geschäfte wie Volg oder die Online-Lebensmittelläden von Coop und Migros kommen noch ganz gross raus.

Convenience-Produkte, also etwa vorgefertigte Menüs oder Salate, sowie lange Öffnungszeiten stünden künftig beim Kunden höher im Kurs als heute. «In anderen Ländern, etwa Grossbritannien, ist diese Entwicklung schon wesentlich weiter», sagt Waschun.

«Kundenwunsch nach Service»

Die Einschätzungen werden auch von einer Studie des Beratungsunternehmens McKinsey gestützt. Der Kunde wolle weniger eine riesige Auswahl als einen schnellen, unkomplizierten Einkauf. Der niedrige Preis verliere an Bedeutung. «Geschäfte, die den Kundenwunsch nach Service befriedigen ? so wie es früher die Tante-Emma-Läden gemacht haben ?, stehen vor einem Comeback», glaubt McKinsey-Partner Peter Breuer.

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Sein Team hat 9000 Konsumenten in Deutschland und vier weiteren europäischen Ländern nach Einkaufsgewohnheiten bei Lebensmitteln gefragt.

A.T.-Kearney- Mann Waschun wundern weniger die Ergebnisse seiner Studie «als eher das Tempo, mit dem diese massiven Umwälzungen passieren». Innerhalb von fünf bis zehn Jahren, spätestens aber 2020, werde sich die Einzelhandelslandschaft grundlegend verändert haben. Die Demografie, die Verstädterung und die Individualisierung der Gesellschaft sieht Waschun als Gründe für die Entwicklung. Die Familien etwa werden immer kleiner, die Zahl der Ein- oder Zweipersonenhaushalte wird immer grösser. Damit schwindet der Bedarf für den Wochengrosseinkauf im Supermarkt auf der grünen Wiese.

Schon jetzt haben Geschäfte dieser Kategorie ? etwa Real, Marktkauf oder Kaufland ? die geringsten Wachstumsraten im Einzelhandel. Wal-Mart hat in Deutschland bereits aufgegeben, Real und Marktkauf haben Probleme. Waschun vergleicht die Tragweite der anstehenden Veränderungen mit der Ausbreitung der Discounter.

Vor 30 Jahren habe niemand damit gerechnet, dass sie im Lebensmittelhandel einmal einen Marktanteil von fast 40% erreichen würden. In den Chefetagen der Handelskonzerne sind die Manager alarmiert. 80% der von A. T. Kearney und der Universität Karlsruhe befragten Führungskräfte nannten die Schnelligkeit und Bequemlichkeit beim Einkauf von Alltagsprodukten als Erfolgsgaranten für die Zukunft.

Diese Anforderungen können die Nachbarschaftsshops erfüllen. Sie sind allerdings viel grösser als die Läden von Tante Emma. Vorbilder sind hier neben der amerikanischen 7-Eleven-Gruppe auch die britische Tesco mit einem überschaubaren Produktangebot und langen Öffnungszeiten. Der Einzelhandelsriese hat mit dem City-Format Tesco Express innerhalb von fünf Jahren in Grossbritannien seinen Umsatz von 314 Mio Euro auf 2,1 Mrd Euro gesteigert. Deutsche Ketten wie Kaisers und Edeka experimentieren mit kleineren Innenstadtformaten. 3 Mio Konsumenten könnten überdies zu den Online-Lebensmittelhändlern wechseln. «Trotz einiger Startschwierigkeiten wird sich das Stück für Stück durchsetzen, vor allem in Ballungsräumen», meint Waschun.

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Online-Verkauf startet durch

Wieder ist Tesco Vorbild, das den Online-Umsatz innerhalb von zwei Jahren auf 1,5 Mrd Euro verdreifachte. In Deutschland gibt es erst wenige Anbieter. «Das Interesse, Lebensmittel online zu bestellen, steigt deutlich», bestätigt Florian Koch vom Bundesverband Informationswirtschaft. So hätten 2006 bereits 3 Mio Kunden Nahrungsmittel über das Internet bestellt ? doppelt so viele wie 2005. Ein ähnlicher Trend lässt sich mit den stark wachsenden Online-Angeboten von Coop und Migros feststellen.

Eine Gefahrenquelle für verschlafene Supermärkte sind die Hightech-Geschäfte, die nach der Studie etwa 1,5 Mio Kunden abwerben könnten. Ähnlich wie im hochtechnisierten Future Store der Metro-Gruppe können Kunden hier etwa ihre Menüwünsche in den Computer eingeben: Die Maschine verrät ihnen, welche Zutaten sie dafür brauchen und in welchem Regal sie zu finden sind. Damit es schneller geht, kann der Kunde auf Wunsch an Self-Scanning-Kassen selber kassieren. Aber unter den Augen eines Mitarbeiters. Denn nichts ärgert den Kunden so sehr wie das Schlangestehen vor der Ladenkasse.

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Massive Vorwürfe gegen Lidl wegen Arbeitsbedingungen in Europa

Discounter haben bei Gewerkschaften ein negatives Image. Beispiel Lidl: Die deutsche Arbeitnehmervereinigung Ver.di erhebt schwere Vorwürfe gegen das Unternehmen. Lidl habe das Prinzip Ausbeutung einfach ins Ausland exportiert, nachdem der Druck in Deutschland gewachsen sei.

In einem sogenannten «Europäischen Schwarzbuch Lidl» hat die Gewerkschaft Berichte von Lidl-Mitarbeitern zusammengetragen. Sie sollen von den schlechten Arbeitsbedingungen zeugen, die der Discounter seinen Beschäftigten jenseits der deutschen Grenzen zumutet. Erniedrigung, Einschüchterung und ein vulgärer Umgangston mit den Beschäftigten gehören den Befragten zufolge bei Lidl zum Alltag. In Polen etwa, einem der grössten Wachstumsmärkte des Discounters, spricht Ver.di von einem «System der Angst». In einem Grossteil der Filialen gebe es zudem Verstösse gegen die gesetzlich vorgeschriebene Ruhezeit. Überstunden würden oft nicht bezahlt, keine Zuschläge für Nachtarbeit geleistet.

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Dabei ist das europäische Ausland längst zum wichtigsten Wachstumsfeld der Gruppe geworden. Seitdem Unternehmensgründer Dieter Schwarz 1973 erstmals zum Angriff auf Branchenprimus Aldi blies, expandiert er so stark wie kein anderer Konkurrent: Mit heute über 6600 Filialen, 150000 Mitarbeitern und 28,5 Mrd Euro Umsatz hat sich Lidl inzwischen an die Fersen des Marktführers Aldi geheftet. Schon heute erwirtschaftet der Discounter Schätzungen zufolge 70% des Umsatzes im Ausland.

Pressesprecher Oberle will zu Ver.dis Kritik keine Stellung nehmen, man kenne die Vorwürfe noch nicht. «Fakt ist aber, dass Lidl sehr viel für ein gutes Betriebsklima tut», sagt er. «Wir bezahlen die Mitarbeiter korrekt, wir halten die Arbeitszeiten ein, und wir reden offen über Probleme oder Kritik.» Zwar konzentriert Ver.di auf der Suche nach maximaler Aufmerksamkeit ihre Kritik allein auf Lidl. Aber der Discounter aus Neckarsulm ist nur ein Vertreter einer Branche, die ihre Mitarbeiter nicht gerade auf Rosen bettet. «Der Handel kämpft seit Jahren mit rückläufigen Umsätzen, die Margen sind niedrig», sagt Sirko Siemssen, Handelsexperte bei der Unternehmensberatung Mercer. «Da ist das Personal die naheliegendste Stelle zum Sparen.» Generell sei den meisten Vollsortimentern eher ein Vorwurf zu machen, da sich Discounter qua Definition über Preise und nicht über Service positionieren. Auch Ver.di räumt ein, dass die Arbeitsbedingungen bei der Konkurrenz, etwa Aldi, oft ebenfalls schlecht seien. Ileana Grabitz

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