Die EGL hat in ganz Europa mehr als 20 Tochtergesellschaften. Angesichts der Entwicklung der europäischen Wirtschaft und des Euro muss Sie ja das Grauen packen.

Hans Schulz: Nein. Auch wenn der Euro unter Druck steht, ist der Energiebedarf ungebrochen - und wird wieder steigen. Zudem sehen wir, dass sich die Liquidität und die Handelsaktivitäten auf den Märkten mit der zunehmenden Liberalisierung erhöhen. Das Einzige, was uns an der aktuellen Entwicklung wirklich stört, ist die Entwicklung des Wechselkurses des Schweizer Frankens zum Euro. Wenn der Euro sich gegenüber dem Franken weiter abschwächt, wird das unser Finanzergebnis belasten.

Die europäische Industrie kommt nicht so recht in die Gänge. Wie stehen die Chancen, dass die europäische Gas- und Stromnachfrage wieder deutlich wächst?

Schulz: Wir gehen davon aus, dass die Energienachfrage mittelfristig wieder ansteigen wird. Für uns ist aber nicht nur der Gesamtenergieverbrauch entscheidend. Zentral ist für uns, welche Volumina über die Handelsplätze gehen.

Kann die EGL von der Liberalisierung des europäischen Strommarktes noch profitieren?

Schulz: Auf jeden Fall. Die EGL lebt davon, Energie zu kaufen und zu verkaufen. In Europa dürfte der Energieverbrauch rund 1% pro Jahr wachsen. Die gehandelte Strommenge könnte jährlich aber um 3 bis 5% steigen.

Warum?

Schulz: In den nordischen Ländern wird rund das Siebenfache des physischen Stromverbrauchs gehandelt. In Ländern wie Italien und Rumänien liegt dieser Quotient aber noch unter 1. Es ist also grosses Wachstumspotenzial vorhanden.

Mit der Trans-Adriatic Pipeline, kurz TAP, wollen Sie künftig Gas nach Europa transportieren. In der Ostsee ist aber soeben eine Pipeline für russisches Gas in Bau gegangen. Braucht es die TAP noch?

Schulz: Die TAP bezieht Gas aus dem Kaspischen Raum, die Ostseepipeline transportiert Gas aus Sibirien. Die Frage ist darum eher, was mit dem Gastransit durch die Ukraine passiert, wenn die Nordsee-Pipeline fertiggestellt ist.

Wie steht es mit den Durchleitungsrechten durch die Türkei für das EGL-Gas, das in der TAP transportiert werden soll?

Schulz: Die Verhandlungen laufen. Derzeit liegt ein Memorandum of Understanding mit der türkischen Netzgesellschaft Botas zur Prüfung beim türkischen Energieministerium.

Im Juli nimmt das EGL-Gaskombikraftwerk SE Ferrara in Italien den Betrieb auf. Neue Werke von Konkurrenten stehen wegen fehlender Nachfrage derzeit aber meist still. Mit wie viel Betriebsstunden rechnen Sie?

Schulz: Das ist schwierig einzuschätzen. Unsere Kraftwerke im Süden Italiens laufen rund 4000 Stunden pro Jahr, was relativ viel ist. Die Stundenzahl des im Norden Italiens gelegenen SE Ferrara wird auch davon abhängen, wie viele Systemdienstleistungen dort nachgefragt werden und wie aktiv sich das Werk an diesem Markt beteiligen kann. Zudem muss das Werk konstant Dampf an naheliegende Industriefirmen liefern. Wir werden darum immer eine eher hohe Betriebsstundenzahl sehen.

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Besteht nicht die Gefahr, dass Sie zu schlechten Preisen Strom produzieren müssen, weil Sie die Pflicht haben, das Nebenprodukt Dampf zu liefern?

Schulz: Das könnte passieren. Das ist eine Mischrechnung, die man bei einem derartigen Kraftwerk machen muss.

Das Projekt für das italienische Gaskombikraftwerk Energy Plus wollten Sie verkaufen. Doch das ist im heutigen Markt chancenlos.

Schulz: Das ist auch unsere Sicht. Weil zudem die behördlichen Auflagen einen bestimmten Termin für den Baubeginn festlegen, beenden wir das Projekt.

Welche Ausstiegskosten zieht das nach sich?

Schulz: Rund 50 Mio Fr.

Bleibt Ihre Strategie auf Europa ausgerichtet?

Schulz: Ja. Wir bleiben dort, wo das europäische Stromnetz verläuft. Darum engagieren wir uns auch in der Türkei, weil das Land in den nächsten Monaten an das europäische Netz angeschlossen werden wird.