Seit mehreren Jahren übergeben die Krankenversicherer ihren Versicherten Kundenkarten. Was mit Covercard oder Medicard als Ablösung des Apothekerscheins begonnen hatte, entwickelte sich zur multifunktionalen Kundenkarte im Plastikkartenformat mit Magnetstreifen.

Die nun in der bundesrätlichen Verordnung verlangten neuen gesetzlichen Vorschriften stellen breitere Anforderungen an die Karten. Inhaltlich geht es dabei um die Integration der neuen AHV-Nummer und den Mikroprozessor für die medizinischen Notfalldaten. Zudem soll der Leistungserbringer die Möglichkeit erhalten, die Gültigkeit der vorliegenden Karte im Internet mittels einer «Online-Abfrage KVG» zu prüfen. Die Vision des Bundes für 2015 ist ein vollständig auf der Versichertenkarte basierendes elektronisches Patientendossier.

Teure Chip-Versichertenkarte

Der Bund hat mit seiner E-Health-Strategie die Weichen in Richtung Zukunft gestellt. Die neue Versichertenkarte sei «der Schlüssel für den Zugang zu E-Health», sagt Peter Indra, der Vizedi-rektor des Bundesamtes für Gesundheit. Doch bei den mit der Einführung der neuen Versichertenkarte hauptsächlich beschäftigten Kreisen – namentlich bei den Krankenversicherern und den Ärzten – bleibt die Euphorie aus.

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Wo liegen die Gründe für diese Zurückhaltung? Ein gewichtiger Faktor für die Skepsis der Krankenversicherer sind die hohen Kosten der neuen Karte, denen noch kein entsprechender Nutzen gegenübersteht. Mit Chip kosten die Karten nämlich rund das Zehnfache der bisherigen Karte. Und allein zur effizienteren Abwicklung administrativer Prozesse genügt bereits die jetzige Karte. Dagegen ist noch völlig offen, bei welchen Abläufen in der medizinischen Behandlung beziehungsweise der Verwaltung die Karte zum Einsatz kommen soll. Beobachter sind denn auch der Meinung, dass das Vorhaben für die Einführung der neuen Versichertenkarte neben der Integration der neuen AHV- und Sozialversicherungsnummer in erster Linie von der an den substan-ziellen Aufträgen interessierten Industrie angetrieben wurde.

Ungeachtet der von den Krankenversicherern in der Vernehmlassung eingebrachten Lösungsvorschläge hat sich der Bund schliesslich für die Einführung einer Chipkarte entschieden. Gemäss dem lange Zeit offenen Zeitplan des Bundes ist deren Einführung auf Anfang 2010 vorgesehen. Das Versichertenkarten Center (VeKA Center) von Santésuisse ist bereit, die Adressdaten mit den Behörden zu harmonisieren und den interessierten Krankenversicherern die neue Karte ihrer Versicherten ab dem 1. Januar 2010 zu liefern.

Datenqualität bleibt fraglich

Die neue Versichertenkarte hält ungeachtet der Kritik einige Vorzüge bereit. Die Karte vereinheitlicht, versehen mit der neuen Sozialversicherungsnummer, einer Kennnummer sowie einem Mikrochip zur Datenspeicherung, den Rechnungsstellungsprozess und verbessert die Stammdatenqualität. Doch bereits die aufgrund politischen Widerstandes bloss freiwillige Speicherung medizinischer Daten beeinträchtigt den Nutzen der Karte. Sicherheit und Qualität der Daten hängen davon ab, wer diese in welcher Qualität abspeichert. Von Ärzteseite werden denn auch Zweifel angemeldet, ob ein Arzt diese Informationen, die nicht den Standard einer offiziellen Krankengeschichte erreichen, nutzen kann und soll. Um das auf die Versichertenkarte abgestützte virtuelle Patientendossier realisieren zu können, genügt für Leistungserbringer die freiwillige Datenspeicherung nicht mehr.

Erst eine Hand voll Feldversuche

Die effiziente Ausgestaltung der Prozesse bezüglich medizinischer Daten liegt in der Hand der Leistungserbringer. Für sie wiederum ist die Karte nicht zwingend erforderlich. Greifen doch bereits heute viele Schweizer Ärzte auf elektronisch gespeicherte Patientendaten zu. Laut der Konferenz der Kantonalen Ärztegesellschaften arbeiten aktuell schon rund 12 000 Ärzte mit elektronischem Datenaustausch über E-Mails, E-Rezepten oder elektronischen Fakturen.

Dass der Erfolg der Versichertenkarte auch mit einem hohen Mitteleinsatz nicht erzwungen werden kann, zeigt das Beispiel Deutschland. Nach den über einige Jahre geleisteten Investitionen im Umfang von mehreren 100 Mio Euro sind bei unserem Nachbarn erst eine Hand voll Feldversuche und Testanordnungen am Laufen.

Für die Schweiz muss deshalb offen bleiben, ob angesichts der Rahmenbedingungen, vor allem der nur freiwilligen Speicherung der persönlichen Daten, das vom Bundesamt für Gesundheit für 2015 entworfene Modell des Austauschs medizinischer Daten und des virtuellen Patientendossiers auf der Basis der Versichertenkarte dannzumal bereits Realität sein wird. Es bleibt zu hoffen, dass die federführende Bundesverwaltung die Zeit nun nutzt, um alle von diesem Change-Projekt involvierten Akteure von Betroffenen zu Beteiligten zu machen.