Beim Vortrieb des 2007 eröffneten längsten Eisenbahntunnels Europas zwischen dem Berner Oberland und dem Wallis stiessen die Schweizer Bauingenieure auf ein Phänomen, mit dem sie nicht gerechnet hatten: Warmes Quellwasser. Was andernorts segensreich sein mag, wurde hier zu einem echten Problem.

Auf der Nordseite des fast 35 km langen Lötschberg-Basistunnels treten pro Sekunde über 100 l 20 Grad warmes Wasser aus dem Fels. Ungekühlt abgeleitet würde es die Bestände der einheimischen Forellen gefährden, die zum Laichen vom Thunersee in die kalten Bergbäche aufsteigen.

Einer der leitenden Techniker, ein leidenschaftlicher Fischer und mit einer Russin verheiratet, hatte die ungewöhnliche Idee: Eine Störzucht verbunden mit dem Anbau exotischer Früchte und eigener Gastronomie, die kürzlich in Frutigen BE am Fuss der Kandertaler Alpen eröffnet wurde (siehe Kasten).

In der Hälfte der Zeit zum Rogen

Die Störe benötigen für gutes Wachstum 15 bis 20 Grad warmes Wasser. Kommt es auch noch kristallklar und von Bakterien oder Viren unbelastet direkt aus dem Berg, umso besser. Im Tropenhaus Frutigen ist für die tägliche Runderneuerung des gesamten Fliesswassers und durch seine Abkühlung über eine Wärmepumpe kostenlos für zusätzliche Energiegewinnung gesorgt.

Der überwiegend im Süsswasser lebende, bis zu 5 m lange Knorpelfisch aus der Urzeit mit seinem wohlschmeckenden, fast grätenlosen Fleisch wächst unter solchen optimalen Voraussetzungen wesentlich schneller auf als in freier Wildbahn. Eingesetzt wird der Sibirische Stör. Der Rogen der weiblichen Tiere soll in der Hälfte der sonst notwendigen Zeit bis zur Geschlechtsreife schon nach sechs Jahren gewonnen werden.

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30 Millionen Franken investiert

Kaviar ist knapp und teuer. Die traditionellen Störfanggebiete in Russland und im Iran sind überfischt oder von Wilderern ausgeplündert. Das war die Chance für eine ökonomisch sowie ökologisch sinnvoll angelegte Aquakultur. Ein zukunftsweisendes Vorhaben, um mit Wärmegewinnung aus der Erdkruste CO2-neutral nachhaltig Lebensmittel in einer Kreislaufanlage mit Energieerzeugung aus einer erneuerbaren Quelle zu produzieren.

Die Hauptlast des Investitionsvolumens für das Tropenhaus Frutigen, das von anfangs 5 Mio Fr. auf heute rund 30 Mio Fr. angestiegen ist, wird gemeinsam vom landesweit zweitgrössten Detailhändler Coop und der Nummer drei unter den Schweizer Energiekonzernen, BKW, gestemmt.