Es hätte schlimmer kommen können, heisst es hinter vorgehaltener Hand: «Stephen ist nicht Amerikaner, er ist Kanadier.» Kein Satz war in Nokias Konzernzentrale im finnischen Espoo zuletzt häufiger zu hören. Die Manager des weltgrössten Handyherstellers sprachen sich so Mut zu. Denn zum ersten Mal in Nokias Firmengeschichte übernimmt ein Ausländer den Chefposten. Stephen Elop, ein Nordamerikaner.

Nokia ist in Finnland nicht irgendein Unternehmen. Es bestreitet einen grossen Teil des Exports und steht für einen noch grösseren Teil des Nationalstolzes. Nokia ist in Finnland ein wenig das, was in Deutschland einmal Siemens war. Stephen Elop weiss das. Die Unterschiede zwischen Kanada und Finnland seien gar nicht so gross, sagt er deswegen. Mit der Leidenschaft für Eishockey habe man sogar gemeinsame Interessen. Bei seinem ersten Auftritt vor Journalisten mühte sich Elop sichtlich, die Distanz schrumpfen zu lassen. Zur Beruhigung seiner künftigen Nokia-Kollegen schiebt er einen Satz hinterher, der beim Chefwechsel inzwischen zum Standard gehört: «Ich werde erst einmal zuhören.»

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Mit dem Rücken zur Wand

Viel Zeit hat der 46-Jährige dafür nicht, nachdem er den Platz auf dem Chefsessel in der Nokia-Zentrale diese Woche bereits eingenommen hat. Denn Nokia ist in Schieflage geraten. Zweimal schon in diesem Jahr musste der glücklose Ex-Chef Olli-Pekka Kallasvuo eine Gewinnwarnung verkünden. Die Finnen verlieren Marktanteile, ihre Profitmargen schmelzen. Vor allem bei den internetfähigen Smartphones steht Nokia mit dem Rücken zur Wand, während Apple, Google und der BlackBerry-Hersteller Research In Motion (RIM) von Erfolg zu Erfolg eilen.

Seit der Einführung des iPhones 2007 ist der Nokia-Aktienkurs um zwei Drittel eingebrochen, ein Wertverlust von fast 50 Mrd Euro. Die Geduld der Investoren - das zeigt der Rauswurf von Kallasvuo - ist am Ende. Seit Mai suchte Nokia einen neuen Chef. Berichten zufolge sagte ein Kandidat ab, weil er nicht ins kalte und dunkle Finnland ziehen wollte. «Ich werde in Helsinki wohnen», war einer der ersten Sätze, die Elop öffentlich von sich gab.

Im Grunde bringt Elop genau das mit, was Nokia dringend braucht: Erfahrung aus der Softwarebranche und Kenntnisse des nordamerikanischen Markts. Elop leitete zuletzt bei Microsoft die Geschäftskundensparte und war dort verantwortlich für das Bürosoftwarepaket Office. Auf diesem Posten fädelte er eine strategische Partnerschaft mit Nokia ein, die im letzten Jahr bekannt gegeben wurde. Nokia will in Zukunft Office-Funktionen in seine Mobiltelefone einbauen. Offenbar hat es bei diesen Gesprächen gefunkt. Dabei ist der finnische Hersteller in den USA kaum präsent. Die Innovationen der Branche sind heute mehr von der Software als von den Geräten getrieben. Dieser Wechsel stellt Nokia auf den Kopf. Statt wie in der Vergangenheit Handys zu bauen, um dann die Programme anzupassen, müssen die Finnen künftig passende Geräte für neue Systeme produzieren.

Elop war vor seiner Zeit bei Microsoft beim Netzausrüster Juniper Networks und den Softwareunternehmen Adobe System und Macromedia tätig. Angefangen hat er jedoch deutlich kleiner: Er kümmerte sich um die Computer bei der Fast-Food-Kette Boston Chicken, die inzwischen Boston Market heisst.

Der neue Nokia-Chef, der seinen Abschluss in Computerwissenschaften und Management an der McMaster University im kanadischen Hamilton Mitte der 80er-Jahre machte, wird von Wegbegleitern als ehrgeizig und gut organisiert beschrieben. Bei Macromedia habe er den Spitznamen «Der General» getragen, berichtet ein früherer Kollege. Er habe Dinge zur richtigen Zeit angestossen. Einer seiner Lieblingssätze lautet: «Wenn etwas heiss ist, musst du Benzin drauf kippen.»

Hartnäckig auch im Privatleben

Dass Elop nicht lockerlässt, zeigt die Hartnäckigkeit bei der Adoption seiner heute 14-jährigen Tochter. Er lebte damals mit seiner ebenfalls kanadischen Frau Nancy in den USA, beide wollten ein Kind aus China adoptieren. Die drei Länder waren sich einig, dass dies nicht gehe, berichtete Elop später. Acht Monate lang liess er nicht locker, telefonierte mit US-Senatoren, Mitgliedern des kanadischen Parlaments und der chinesischen Regierung. Am Ende konnte er sich durchsetzen.

Elop wirft in Finnland seine Schatten voraus. Die Nokia-Belegschaft hatte sich noch nicht vom Schreck des plötzlichen Chefwechsels erholt, da folgte schon die nächste Überraschung: Mit Anssi Vanjoki verlässt auch die Nummer zwei und zugleich ein Hoffnungsträger den Handybauer. Vanjoki war bereits zum zweiten Mal übergangen worden. Unter einem Amerikaner wollte er wohl dann doch nicht arbeiten. Pardon, Kanadier.