Namhafte Ökonomen sprechen davon, die Lage an den Finanzmärkten bleibe äusserst instabil und könnte sich nochmals verschlechtern. Wird da zu schwarz gemalt oder entspricht es der Realität?

Urs Roth: Es gibt notorische Schwarzmaler, aber auch namhafte Experten, die ein weniger düsteres Bild malen. Wir alle kennen letztlich die Realität nicht. Kurzfristig zeichnet sich an den Finanzmärkten jedoch keine Verbesserung ab.

In den Halbjahresausweisen der Banken sind die Spuren der Finanzkrise sichtbar. Die Handelserträge vermindern sich. Wird nun auf die Kostenbremse getreten?

Roth: Generell kann man das nicht sagen. Der Schweizer Markt kann sich von den globalen Finanzmärkten nicht abkoppeln. Die Börsenkurse sind gesunken. Das wirkt sich unmittelbar auf die Depotwerte und die Ertragssituation in der Vermögensverwaltung aus. Andererseits verzeichnen die Banken weiterhin einen Neugeldzufluss. Es gibt eine Verlangsamung des Wachstums. Natürlich müssen die Verantwortlichen in den Banken ihre Ausgaben im Griff behalten. Das heisst aber nicht, dass wir nun über die gesamte Branche hinweg einen Tritt auf die Kostenbremse beobachten.

Vor Jahresfrist vertraten Sie die Ansicht, das Bankgeschäft werde sich trotz Turbulenzen an den Kapitalmärkten «mittelfristig weiter gut entwickeln». Ist das weiterhin gültig?

Roth: Ja, ich bleibe bei dieser Beurteilung. Das Bankgeschäft ist zyklisch und entsprechend vollzieht sich das Wachstum nicht linear. Auf mittlere Frist wird der Schweizer Finanzplatz weiter wachsen. Das gilt speziell für die Entwicklung im globalen Vermögensverwaltungsgeschäft.

Im laufenden Jahr dürften die Gewinnergebnisse aber deutlich rückläufig sein?

Roth: Wir gehen davon aus, dass die Rekordresultate von 2007 nicht erreicht werden können.

Zahlreiche Geldinstitute haben einen Stellenabbau angekündigt. Stehen schon bald deutlich weniger Arbeitsplätze im Bankgewerbe zur Verfügung?

Roth: Für das laufende Jahr gehen wir von einer stabilen Arbeitsmarktsituation aus.

Dann wirkt sich die Finanzkrise erst 2009 aus?

Roth: Momentan ist die Prognoseunsicherheit sehr hoch. Wir denken aber, dass im Verlaufe des Jahres 2009 eine gesamtwirtschaftliche Erholung einsetzen könnte.

In der Bankbranche sind deutlich über 100000 Leute beschäftigt. Erwarten Sie einen Rückgang unter diese Marke?

Roth: Nein, überhaupt nicht. In den letzten Jahren hatten wir bei den Arbeitsplätzen jeweils einen Zuwachs von rund 3%. Im laufenden Jahr erwarten wir im besten Fall ein Nullwachstum, aber keinen Stellenabbau.

Vor kurzer Zeit wurde noch über einen Mangel an Bankspezialisten geklagt. Ist das jetzt Vergangenheit?

Roth: Nein. So ist der Neugeldzufluss in der Vermögensverwaltung weiterhin erfreulich. Das erfordert auch zusätzliche Berater. Gleichzeitig bleibt das Arbeitskräftereservoir beschränkt.

Bilden wir zu wenige Fachkräfte aus?

Roth: Das war ein Grund, dass wir vor zwei Jahren die Initiative Swiss Finance Institute (SFI) gestartet haben. In dieser Bildungs- und Forschungsinitiative gibt es zwei Teile. Dazu zählt ein auf höchstem akademischem Niveau angesiedeltes Programm für Doktoranden, das mittlerweile als grösstes derartiges Ausbildungsangebot für Finanzspezialisten weltweit gilt. Auf einer anderen Ebene haben wir im SFI die sogenannte Executive Education weiter ausgebaut. Demnächst startet ein anspruchsvolles Mastersprogramm in Verbindung mit einer renommierten internationalen Universität.

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Man hat sich mit dem SFI ambitiöse Ziele gesetzt und will global eine Spitzenposition erreichen. Sind Sie auf Kurs?

Roth: Ja, absolut. Wir haben uns die London Business School als Benchmark genommen. Entsprechend wurden die Zielsetzungen und die finanziellen Mittel an dieser Hochschule ausgerichtet. Mit der Anstellung von neuen Professoren sind wir im Plan. Die Schweizer Partneruniversitäten sind attraktiv. Es gelingt ihnen, die internationalen Spitzenleute anzuziehen.

Geht nebst dieser Eliteausbildung nicht der Praktiker vergessen?

Roth: Die Executive-Ausbildung zielt auf diese Praktiker ab. Daneben konzentriert sich die Bankiervereinigung schwergewichtig auf die Grundausbildung im kaufmännischen Bereich. Die Fachlehre wurde weiter professionalisiert. Das wird ergänzt durch eine Weiterbildungsstufe Bank und Finanz. Die Bankkader werden von uns also auf jeder Stufe sehr stark gefördert.

Die Personenfreizügigkeit innerhalb der EU hat den Zugang von Talenten aus diesem Raum erleichtert. Funktioniert die Immigrationspolitik auch für Nicht-EU-Länder?

Roth: Wir müssen unsere Spezialisten auch ausserhalb der EU rekrutieren können. Derzeit reichen die Kontingente für solche Fachkräfte noch aus. Der von uns verfolgte Masterplan für den Finanzplatz Schweiz verlangt jedoch nach zusätzlichen aussereuropäischen Spezialisten. Wir haben die entsprechenden Gespräche mit den Behörden aufgenommen.

In neueren Geschäftsfeldern, wie etwa der Single-Hedge-Fonds-Industrie, verbaut sich die Schweiz mit den geltenden fiskalischen Regelungen ein beträchtliches Expansionspotenzial.

Roth: Ja, deshalb streben wir im Rahmen des Masterplanes Finanzplatz Schweiz auch eine international wettbewerbsfähige Besteuerung der Single-Hedge-Fonds-Manager an. Wir sind sehr zufrieden, dass wir nun mit der Eidg. Steuerverwaltung eine wettbewerbsfähige Lösung gefunden haben, welche die nötige Rechtssicherheit für die Steuerplanung gibt.

Wie viel Geschäft können Sie mit dieser Massnahmen in die Schweiz bringen?

Roth: Mit dieser Massnahme haben wir eine mit anderen Zentren vergleichbare Besteuerung. Da sie auf bestehenden Gesetzen beruht, kann sie auch rasch umgesetzt werden.

Welche Rolle spielen in unserem föderalistischen Steuersystem die Kantone?

Roth: Wir setzen auf den Steuerwettbewerb.

Ist die Abschaffung der Stempelsteuer ein Thema?

Roth: Die Eliminierung der Stempelsteuer, also der Umsatzabgabe, des Versicherungsstempels und der Emissionsabgabe gehört zu unseren Prioritäten. Diese Steuer gibt es an keinem anderen wichtigen Finanzplatz. Und die EU hat sich ebenfalls zum Ziel gesetzt, dieses Relikt aus früheren Zeiten abzuschaffen. Wir verlangen keine sofortige Abschaffung, aber mit einem mehrjährigen graduellen Zurückfahren auf null dürften die Steuerausfälle durch Mehrgeschäft neutralisiert werden.

Die Bankenkommission will die Eigenkapital-Vorschriften verschärfen und ein Leverage Ratio einführen. Drohen den Schweizer Banken damit einschneidernde Regulierungen als sie an anderen Finanzplätzen gelten?

Roth: Eine starke Kapitalbasis ist wichtig, aber es muss risikoadäquat geschehen. Die Schweiz darf nicht einen wesentlich anderen Kurs fahren als die übrigen globalen Mitspieler.

Die USA wenden die Leverage Ratio an.

Roth: Die amerikanischen Banken haben aber auch die grössten Verluste in der Finanzkrise eingefahren. Mit einer Leverage Ratio werden die Risikogeschäfte einfach ausserhalb der Bilanz geführt. Diese Verhältniszahl aus einer früheren Zeit ist nicht risikobasiert und liegt deshalb quer zu Basel II.

Die Grossbanken UBS und CS haben dem Finanzplatz mit ihren Milliardenabschreibern einen Reputationsverlust zugefügt. Was braucht es zur Image-Korrektur?

Roth: Nachhaltige Gewinne. Überdies muss mit einer vertieften Risikokontrolle das Vertrauen wieder aufgebaut werden.

Die USA verfolgen die Steuerflucht wesentlich konsequenter als früher. Im Zuge der Steueraffäre mit der UBS hat die Grossbank angekündigt, sie werde auf das Offshore-Geschäft mit Bürgern aus den USA verzichten. Geraten jetzt auch andere Banken unter Druck?

Roth: Nein, wir haben keine Hinweise auf eine solche Entwicklung. Im Fall der UBS wurden Rechts- respektive Amtshilfebegehren gestellt, wie sie im bestehen- den Doppelbesteuerungsabkommen zwischen der Schweiz und den USA vorgesehen sind. Es handelt sich um einen Einzelfall. Die UBS hat, basierend auf ihrem Geschäftsmodell, eine Entscheidung gefällt. Die Situation gestaltet sich für andere Banken ganz anders.

Mit der EU gibt es ein Zinsbesteuerungsabkommen, das äusserst löchrig ist. Deutschland und andere Länder möchten in Steuersachen eine institutionalisierte Auskunftspflicht. Zeichnen sich da Neuverhandlungen ab?

Roth: In der EU stellt sich die Frage, ob sie allenfalls ihre intern geltende Zinsrichtlinie ändern will. Die zuständige Kommission wird einen Bericht erstatten. Das Zinsbesteuerungsabkommen zwischen der Schweiz und der EU ist ein Vertrag, der materiell erst nach 2013 neu verhandelbar ist.

Der liechtensteinische Erbprinz Alois hat seine Bereitschaft zur Kooperation bei Steuerflucht signalisiert. Was heisst das für die Schweiz?

Roth: Die liechtensteinische Situation kann mit der Schweiz nicht verglichen werden. Wir haben ein dichtes Netz von internationalen Abkommen und Verträgen, insbesondere auch mit EU-Mitgliedern, die Rechts- und Amtshilfe in Steuersachen regeln. Liechtenstein hat nichts dergleichen.

Von den rund 270 Mrd Fr. verwalteten Vermögen in Liechtenstein stammt die Hälfte aus der Schweiz. Die beiden Finanzplätze sind eng miteinander verbandelt.

Roth: Das würde ich nicht sagen. Wir sind Konkurrenten.