Verwaltungsrat X. von der Firma Y. gibt zwar bereitwillig Auskunft, möchte aber nicht namentlich erwähnt werden. Er hat im vergangenen Jahr seine Entschädigung in Form eines Aktienpakets mit zweijähriger Sperrfrist erhalten. Die Papiere hatten bei der Zuteilung einen Wert von 50000 Fr., wiegen aber jetzt wegen des Kurszerfalls nur noch 20000 Fr.

Mit fast so viel Geld musste X. bei der Zuteilung die Aktien auch versteuern, nämlich mit 17600 Fr. Dieser Betrag ergibt sich aus dem Zuteilungswert abzüglich eines Diskonts von rund 6% pro Jahr, in dem die Sperrfrist läuft, und einer Steuerbelastung von rund 40%.

Ärgerliche Entwicklung

Verglichen mit dem aktuellen Wert des Aktienpakets entspräche die Steuerbelastung jedoch 88%. X. bleibt nichts anderes übrig, als dies zu akzeptieren, denn im Steuergesetz steht: «Sowohl die frei verfügbaren wie auch die gesperrten Mitarbeiteraktien werden im Zeitpunkt des Erwerbs besteuert.»

Steuerexperte Giulio Vitarelli, Geschäftsleiter Zürich des VZ Vermögenszentrums, erklärt dazu: «Im Extremfall kann sich der Kurs einer gesperrten Aktie derart negativ entwickeln, dass der Wert des Papiers nach Ablauf der Sperrfrist kleiner ist als die Steuern, welche bei der Zuteilung zu bezahlen waren.» Für die Betroffenen ist eine solche Entwicklung ärgerlich. Dies umso mehr, als ihr Schicksal in der Öffentlichkeit kaum Mitleid, sondern im Gegenteil Schadenfreude auslösen dürfte.

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Prinzip Hoffnung

Natürlich gibt jetzt kein Verwaltungsrat oder Geschäftsleitungsmitglied selber gerne darüber Auskunft, was ihm steuerlich widerfährt. Doch aus den Geschäfts-, Finanz- und Entschädigungsberichten der einzelnen Unternehmen lässt sich doch einiges ablesen und annähernd ausrechnen, so am Beispiel Rieter: Die Verwaltungsräte Jakob Baer, Rainer Hahn und Peter Wirth erhielten 2007 als Teil ihrer Entschädigung je 145 Aktien mit dreijähriger Sperrfrist. Deren Steuerwert lag (nach Abzug des Diskonts für die Haltefrist) bei 76 995 Fr. Davon dürften schätzungsweise 40% oder rund 30 000 Fr. an den Fiskus gegangen sein.

Nun ist seit der Zuteilung der Entschädigung im März 2007 die Rieter-Aktie von 633 auf 165 Fr. gefallen. Die erwähnten Aktienpakete der Verwaltungsräte sind also inzwischen einige tausend Franken weniger wert als der dafür bereits entrichtete Steuerbetrag. Da bleibt den Betroffenen im Moment nur das Prinzip Hoffnung auf eine markante Kurserholung.

Aussichtslos wäre hingegen laut Steuerexperten ein Antrag auf eine Steuerrevision mit nachträglicher Rückstufung des Aktienwertes. «Das fände vor den Behörden kein Gehör», sagt Vitarelli. Jedem, der nun mit dem Schicksal hadern und von Ungerechtigkeit sprechen möchte, ruft der Steuerexperte in Erinnerung, dass er ja von der gleichen Regelung, solange die Kurse der Aktien in die Höhe gingen, in Form von steuerfreien Kursgewinnen profitieren konnte.

Optionen als schwacher Trost

Die Rieter-Verwaltungsräte –um auf unser Beispiel zurückzukommen – erhielten jedoch für ihre Tätigkeit nicht nur Aktien als Entschädigung. Diese umfasste neben den Aktien auch Bares, je 75000 Fr. pro Verwaltungsrat sowie je 145 Optionen. Letztere dürften allerdings gegenwärtig auch keine Freude machen. Denn der vereinbarte Ausübungspreis von 654 Fr. pro Rieter-Aktie liegt um das Vierfache über dem aktuellen Kurs.

Die Gefahr besteht, dass der Aktienkurs den Ausübungspreis innert nützlicher Frist nicht mehr erreicht und die Option verfällt. Deren Laufzeit beträgt fünf Jahre, und die Ausübung beginnt nach Ablauf des zweiten Jahres nach Zuteilung.

Einen schwachen Trost für die Betroffenen gäbe es immerhin bei Verfall der Optionen: Das allenfalls im Sand verlaufende Geschäft ist nicht schon mit Steuern belastet. Denn der Steuervogt tritt bei Optionen erst dann in Aktion, wenn sie gewandelt und tatsächlich ein Gewinn erzielt wird. No money also, aber auch no taxes!

Krasse Einzelfälle

Das Beispiel Rieter ist mehr zufällig herausgepickt. Die negative Entwicklung der Aktienkurse bekommen jetzt viele Führungskräfte zu spüren, und es liessen sich sogar krassere Einzelfälle finden.

Das lässt sich am Beispiel von ABB-Verwaltungsrat Hans Ulrich Märki zeigen: Er macht als einziger Verwaltungsrat von der vom Konzern offerierten Möglichkeit Gebrauch, seine Entschädigung in der Höhe von 400000 Fr. vollständig in Aktien zu beziehen. Dafür erhielt er in diesem Jahr in zwei Tranchen 16403 ABB-Titel, deren Wert sich aber seit der Zuteilung bereits auf rund 200000 Fr. halbiert hat. Dem steht eine Besteuerung in der geschätzten Höhe von rund 130000 Fr. gegenüber. Netto und zum aktuellen Kurs gerechnet kommt Märki also noch auf ein VR-Honorar von 70000 Fr. Mit weiteren VR-Mandaten bei IBM Europa, Mettler-Toledo und Swiss Re ist Märki breit abgestützt, weshalb er die ABB-Einbusse verkraften dürfte. Seit längerem ist er auch grösserer ABB-Aktionär. Bereits per Ende 2007 besass er laut Geschäftsbericht 304000 ABB-Aktien, die allerdings seither zwei Drittel ihres damaligen Gesamtwertes von rund 10 Mio Fr. eingebüsst haben.