«Das Verfahren von Anecova baut eigentlich auf der klassischen In-vitro-Fertilisation (IVF) auf», erklärt CEO Martin Velasco. «Aber wir verlagern die mittlere und wohl entscheidendste Phase wieder zurück vom Labor in die natürliche Umgebung.» Dafür hat er einen kleinen Behälter aus Silikon entwickelt. Dieser wird mit Spermien und Eizellen der künftigen Eltern gefüllt und sofort in den Mutterleib eingeführt.

Der Behälter (eigentlich ein dünnes Stäbchen von 10 mm Länge), ist mit 360 Löchern durchsetzt. Die Porösität macht ihn durchlässig, und die Zellen können sich darin im Kontakt mit natürlichen Körpersekreten di-rekt im Mutterleib verschmelzen und vermehren. Befruchtung und das erste Stadium der embryonalen Entwicklung finden also nicht mehr im Reagenzglas und im Brutschrank statt. Nach ein bis fünf Tagen wird das Stäbchen wieder herausgenommen. Dann wird wie bei der IVF der vitals- te Embryo für die Schwangerschaft ausgewählt und eingepflanzt.

Verkauf ab Herbst 2008

Dieses neue Verfahren liefert –dies belegen die klinischen Tests – deutlich mehr vitale Embryonen als die klassische IVF. Dort liegt die Erfolgsrate nur bei 30%. Im Schnitt braucht es drei bis vier Versuche, bis eine künstliche Schwangerschaft mittels IVF klappt. «Unser neues Verfahren hat auch psychologische und praktische Vorteile für die zukünftige Mutter, denn sie kann nach dem Transfer des Stäbchens durch den Gynäkologen sofort wieder nach Hause», so Velasco.

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Im März 2007 erhielt Anecova die Marktzulassung für den EU-Raum. In den USA ist das Verfahren angemeldet. Die ersten Anecova-Stäbchen sollen im Herbst 2008 an Spitäler und Kliniken verkauft werden. «Die Ergebnisse der klinischen Tests sind sehr ermutigend», zieht Martin Velasco eine vorläufige Bilanz. Das Unternehmen hat nun trotzdem, obwohl es den Markteintritt bereits in der Tasche hat, selber noch eine weitere Testphase angeordnet: Der optimale Einsatz des Produktes soll noch präziser evaluiert werden. In den nächsten Monaten soll die neue Methode der Öffentlichkeit in mehreren Fachzeitschriften vorgestellt werden.

Schon jetzt hat das Jungunternehmen grosse Vorschusslorbeeren erhalten. Es ist auch eine von weltweit 39 Firmen, die für 2008 vom World Economic Forum (WEF) mit dem Titel eines «Technology Pioneer» ausgezeichnet worden sind. Die Auszeichnung ist aber nicht nur eine Einladung, an den WEF-Gipfeln in Davos und Tianjin (China) teilzunehmen. Die Experten, die ihn verleihen, bescheinigen den ausgewählten Unternehmen nämlich auch eine echte Innovationsleistung mit einem Produkt, das den Markt und die Gesellschaft nachhaltig zu verändern vermag.

Grosses Potenzial

Vieles deutet darauf hin, dass Anecova auch kommerziell eine Erfolgsgeschichte werden könnte. Das Marktpotenzial jedenfalls ist riesig, denn allein in den westlichen Industrieländern werden jährlich hunderttausende von IVF durchgeführt. Jedes zehnte Paar benötigt solche ärztliche Unterstützung, um sich den Kinderwunsch zu erfüllen. CEO Velasco rechnet damit, dass die Gynäkologen und Embryologen künftig mehrheitlich von der klassischen IVF auf die neue Anecova-Methode umstellen werden. Spätestens in drei Jahren soll Anecova Gewinne abwerfen – wobei Velasco auch für diesen Fall bereits vorgesorgt hat: 10% des Ertrags werden in eine Stiftung fliessen, die Projekte in der Reproduktionsforschung unterstützen wird.

Erste Babys sind geboren

Der Gynäkologe Pascal Mock trug die Idee mit der künstlichen Befruchtung in der natürlichen Umgebung schon länger in seinem Kopf herum. Wurzeln schlagen konnte diese erst, als er sie am 19. September 2003 dem Unternehmer Velasco präsentieren konnte. Der gebürtige Baske bildete sich an der EPF Lausanne zum Elektroingenieur aus und baute anschliessend mehrere Firmen auf.

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Seine Rolle beschränkt sich dabei nicht einfach auf diejenige des Investors. Vielmehr sieht er seine Herausforderung darin, sein ganzes organisatorisches Können und seine Erfahrungen als Manager und Berater, die er unter anderem bei McKinsey gewinnen konnte, in die Waagschale zu werfen. Mit Erfolg: Die Anecova-Methode funktioniert. Bereits sind auch die ersten Babys, die von Versuchseltern mit diesem Verfahren gezeugt worden sind, geboren worden.

35 Angestellte bis 2011

Nun ist Velasco, der mit Hilfe von privaten Investoren mehrere Mio Fr. investiert hat und die Fäden noch immer von seinem privaten Büro aus in Genf zieht, damit beschäftigt, das schlanke Unternehmen mit seinen zehn Angestellten für den Markteintritt fit zu trimmen. Die Aktivitäten des Unternehmens in Genf und Lausanne sollen am neuen Sitz in Ecublens VD konzentriert werden. Bis in drei Jahren rechnet Martin Velasco mit rund 35 Beschäftigten.

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