Die Ambitionen sind extrem hoch», sagt Niklaus Blattner, Ex-Präsidiumsmitglied der Schweizer Nationalbank SNB, über das geplante G20-Treffen in London. Am kommenden 2. April soll in einem Tag so etwas wie die Grundlage für ein neues Weltwirtschaftssystem etabliert werden. Das Treffen der Staatschefs soll in seiner Bedeutung der Konferenz von Bretton Woods 1944 ähnlich sein, als der Internationale Währungsfonds IMF und die Weltbank gegründet und das Weltwährungssystem von insgesamt 44 teilnehmenden Staaten innert dreier Wochen neu konzipiert wurde.

«Das Treffen ist weit davon entfernt, etwas Ähnliches wie Bretton Woods zu werden», sagt Niklaus Blattner. Von den Staatschefs, die immerhin 85% der Weltproduk- tion vertreten, sind keine grossen Würfe zu erwarten. Dabei besteht für die Weltwirtschaft sogar ein Risiko. «Oberstes Ziel muss es sein, das Vertrauen wiederherzustellen» bringt SNB-Vizepräsident Thomas Jordan den Hauptzweck des G20-Treffens auf den Punkt. Nur wenn das Vertrauen des Publikums in die bestehenden Institutionen zurückkehrt, kann laut Jordan die Weltwirtschaft wieder aus der Krise finden. Hier droht der Gipfel zu scheitern.

Für ein solches Vertrauen fehlt schon ein Grundkonsens zwischen den Gipfelteilnehmern über die Prioritätenordnung. Die Amerikaner und Briten, unterstützt vom Internationalen Währungsfonds, fordern weitere Konjunkturpakete. Die Europäer - angeführt von den Deutschen - lehnen das ab.

So hat der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück in seiner wenig diplomatischen Art bereits die Konjunkturstimulierung des Briten Gordon Brown als «krassen Keynesianismus» bezeichnet (nach dem Ökonomen John Maynard Keynes). Der US-Ökonom und Nobelpreisträger Paul Krugman hat ihm darauf postwendend vorgeworfen, die Wirkungen der Weltwirtschaftskrise zu verschlimmern. So denkt auch die US-Regierung, deren ökonomischer Chefberater Lawrence Summers alle Länder aufgefordert hat, ihre Fiskalpakete um weitere 2% des eigenen Bruttoinlandprodukts aufzustocken.

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Jeder will etwas anderes

Die Europäer kontern, die im Vergleich zur USA bessere soziale Absicherung in Europa werde in der Krise die Staatshaushalte ohnehin stark belasten und konjunkturstimulierend wirken. Sie setzen vor allem auf eine schärfere Regulierung der Finanzmärkte, während sich die Amerikaner nicht von internationalen Gremien und schon gar nicht von den Europäern in die Regelung ihrer Kapitalmärkte reinschwatzen lassen wollen. Die schärfere Regulierung etwa des Schattenbankensystems - zu dem die als Heuschrecken verschrienen Hedge-Fonds oder Private-Equity-Gesellschaften gehören - ist ein altes Steckenpferd der deutschen Politik, ebenso wie Frankreich Morgenluft dabei wittert, dem angelsächsischen Kapitalismus endlich doch noch den Garaus machen zu können.

«Der einzige gemeinsame Nenner in den ansonsten recht unterschiedlichen Positionen ist der Kampf gegen die Steuerhinterziehung», konstatiert Niklaus Blattner, «ein Thema, das mit der Lösung der akuten Krise herzlich wenig zu tun hat.» Auch daraus erklärt sich der Druck auf das Bankgeheimnis (siehe Artikel rechts). Internationale Behörden wird es aber kaum geben: «Da es keine internationalen Steuerzahler gibt, kann es auch keine internationalen Regulierungsbehörden geben», sagt er, «denn wenn jene versagen, wird stets der Bürger eines Landes zur Kasse gebeten.»

Hintergrundrolle der Schweiz

Dennoch müssen die Aufsichtsbehörden vermehrt internationale Zusammenhänge beachten: «Systemrisiken haben in einer verflochtenen Weltwirtschaft keinen nationalen Charakter», bringt es Niklaus Blattner auf den Punkt.

Das erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Aufsichtsbehörden und Zentralbanken sowie die Ausarbeitung gemeinsamer Standards. Diese Tätigkeit ist weniger publizitätsträchtig, weshalb sich die G20-Teilnehmer kaum damit befassen.

Bei dieser Arbeit hat das Financial Stability Forum der führenden Aufsichtsbehörden und Zentralbanken eine grosse Bedeutung. Im Gegensatz zur G20, wo man die Schweiz nicht dabei haben will, spielt das Land in diesem Gremium bereits eine wichtige Rolle. «Wenn es dann endlich um konkrete, realistische Massnahmen geht, ist Kompetenz wieder gefragt und die Bedeutung des Schweizer Finanzplatzes kann nicht übergangen werden», sagt Niklaus Blattner. Vom G20-Gipfel erwartet er dagegen wenig Materielles.

Noch vor kurzem wollte man die Schweiz wegen des Bankgeheimnisses auch beim Financial Stabi- lity Forum nicht dabei haben.