Die traditionelle Jahres­tagung des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse, grossspurig als «Tag der Wirtschaft» apostrophiert, ist üblicherweise eine ernste und trockene Veranstaltung. An der letzten Versammlung, die am 30. August 2013 im Lausanner Kongresszentrum Palais de Beaulieu über die Bühne ging, herrschte dagegen eine entspannte Stimmung. Ja es wurde sogar viel gelacht und gescherzt, man sah fast überall strahlende Gesichter.

Die Erleichterung unter den gut 400 in die Westschweiz angereisten Unternehmern, Managern und Politikern war fast mit Händen greifbar. Die Erleichterung darüber, dass Economiesuisse nach dem abrupten Abgang des langjährigen Geschäftsführers Pascal Gentinetta und dem vorzeitigen Rückzug des farb- und kraftlosen Präsidenten Rudolf Wehrli wieder einen starken Mann an der Spitze hat: Heinz Karrer, den ehemaligen Spitzen-Handballspieler im Schweizer Nationalteam, nach Managerstationen bei Intersport, Ringier und Swisscom elf Jahre oberster Stromer beim Energiedienstleister Axpo. Dass der 54-Jährige das präsidiale Amt mit dem 50-Prozent-Pensum erst nach etwelchem Zögern angenommen hatte, spielte beim Publikum keine Rolle mehr.

Sichtlich erleichtert war auch Rudolf Wehrli. Sein Referat schloss er mit den Worten: «Meinem Nachfolger wünsche ich von Herzen alles Gute und einen sicheren Tritt in diesen turbulenten Zeiten.» Heinz Karrer richtete sich in seiner Antrittsrede direkt an den Vorstand: «Sie können sich auf mich verlassen.» Dieses Versprechen liess die Economiesuisse-Oberen in der Gewissheit aus Lausanne abreisen, dass mit Karrer als frischem Zugpferd der imagemässig angeschlagene Wirtschaftsverband wieder in ruhigere Gewässer gesteuert werden kann. Der Auftrag an den einstimmig gekürten Präsidenten war klar: Verloren gegangenes Vertrauen neu aufbauen, für Beständigkeit sorgen, Sympathien im Volk zurückholen, mehr Bescheidenheit an den Tag legen.

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Mit dem Zweihänder

Der Start gelang perfekt. Laut Insidern war es Karrer zuzuschreiben, dass der rebellierende, mit Austritt aus der Economiesuisse drohende Uhrenverband letztlich im Mutterschiff geblieben ist. Doch Wochen ­später machte sich im Dachverband Ernüchterung breit. Hielt sich der Präsident, der bis Ende Januar parallel noch die Axpo coacht, in seinen ersten Interviews spürbar zurück, häuften sich mit der Zeit überhastete, ja ungeschickte Aussagen, holte er vereinzelt sogar den Zweihänder heraus. In einem Interview mit der «NZZ am Sonntag» im Vorfeld der 1:12-Initiative bezeichnete er die Jung­sozialisten als Initianten indirekt als arbeitsscheu: «So etwas erfinden nur Leute, die sich nie in einem Arbeitsumfeld bewegt haben.» Da war sie wieder, die altbekannte Arroganz des Wirtschaftsdachverbands.

Erstaunlich unsensibel agiert der leidenschaftliche Bergsteiger auch bei der Debatte um die am 9. Februar zur Abstimmung kommende Masseneinwanderungs-Initiative der SVP, bei der Economiesuisse als Gegner auftritt. Die SVP stört sich vor allem daran, dass Economiesuisse im Abstimmungskampf nicht mehr primär auf Inhalte und damit auf die Initiative eingeht, sondern auf die Partei und ihre Exponenten schiesst. Karrer spricht nicht mehr von der Masseneinwanderungs-Initiative, sondern von der SVP-Abschottung der Schweiz. Die Parteispitze intervenierte bei Economiesuisse, Karrer versprach Besserung. Ein paar Tage später sprach der Präsident an einem Podium erneut von der SVP-Abschottungsinitiative; dieses Schlagwort prangt auf rotem Grund auch auf der Homepage des Verbands.

In der Auslegung von Fakten zeigt man sich bei Economiesuisse ebenfalls grosszügig. «Für einen Studienplatz in Europa brauchte ich eine Matura und die Bilateralen», meint ein Student auf einem Plakat des Verbands. Der Schönheitsfehler: Der Bildungsvertrag der Schweiz mit der EU ist gar nicht Teil der Bilateralen. Lau die Entgegnung von Economie­suisse, wonach man mit dieser Aussage gar nicht das Studentenaustauschprogramm, sondern die Personenfreizügigkeit gemeint habe. Wohlgemerkt, auch die SVP nimmt es mit der Wahrheit nicht immer genau; von Economiesuisse war man das bislang jedoch nicht gewohnt.

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Peinlich war auch Karrers verbands­interne Reaktion nach der Absage von Jean-Marc Hensch. Dann werde man halt schauen, «ob die Nummern zwei und drei der letzten Auswahlrunde zum Zug kommen», berichtete die «SonntagsZeitung». Solche Äusserungen sind bei der Suche nach einem neuen Direktor wenig hilfreich, ja schrecken potenzielle Interessenten ab. Niemand will unter einem Präsidenten arbeiten, der seinen Geschäftsführer als zweite Wahl abtut.

Unmutsäusserungen

Gegen aussen wird Zufriedenheit demonstriert. «Ich bin begeistert von unserem neuen Präsidenten. Er hat sich sehr schnell in die vielen Dossiers eingearbeitet», lobt Hans Hess, ­Vizepräsident von Economiesuisse und Präsident von Swissmem. Andere Vorstandsmitglieder dagegen sind mit der Leistung des Präsidenten gar nicht zufrieden. Es kam zu Einzelgesprächen, manch einer artikulierte gegenüber dem Präsidenten seinen Unmut. «Viele aus dem Vorstand sind enttäuscht über Karrers bisherige Auftritte und seine Aussagen», sagt ein Aussenstehender mit besten Kontakten in die Vorstandsspitze.

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Die Zurückhaltenden unter den Vorstandsmitgliedern sprechen milde von «Anfängerfehlern». Einer der Schrittmacher bei Economiesuisse wird deutlicher: «Gewisse Aussagen hätte er in dieser Position nicht mehr machen dürfen.» Ein anderer argwöhnt, dass Karrer «an Selbstüberschätzung leidet». Und einer meinte kurz und bündig: «Karrer ist der Ogi der Economiesuisse.» Was man auch als Kompliment auffassen könnte. Nur war der Spruch nicht so gemeint.

Angeschossen wird Economiesuisse und damit Karrer seitens der SVP. Hat man jahrzehntelang zusammengespannt, fliegen inzwischen die Fetzen. «Der derzeitige Stil der Wirtschaftsverbände erinnert mich an die Jusos, die gehen mit der Wahrheit ähnlich locker um», giftelt Thomas Matter, Bankier und bei der SVP der Mann fürs Grobe. Sauer stösst Matter vor allem auf, dass der Dachverband bei seinen Allianzen nicht wählerisch ist: «Es ist schon gewöhnungsbedürftig, dass sich Economie­suisse mit den Sozialisten und linken Parteien ins selbe Boot setzt. Das ist eine unheilige Allianz.»

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Haltung zeigen

Ein Vorwurf, den Hans Hess nicht auf Economiesuisse sitzen lassen will: «Kaum je eine andere Partei ist derart viele unheilige Allianzen eingegangen wie die SVP.» Werner Hug, Mitglied im Vorstandsausschuss, beurteilt die Angelegenheit nüchterner. «Als Economiesuisse müssen wir eine klare Haltung signalisieren und können keine Rücksicht nehmen auf alte Seilschaften», sagt der Guetslibäcker aus Malters. Es sieht ganz danach aus, als ob zwischen den beiden Streithähnen, die schon manche Abstimmung gemeinsam durchgeboxt haben, viel Porzellan zerschlagen worden sei.

Dabei müssen sich Economiesuisse und SVP mit Blick auf die Mitte Mai zur Abstimmung anstehende Mindestlohn-Initiative schon bald wieder zusammenraufen. Heinz Karrer stimmt denn auch wieder versöhnliche Töne an: «Wir sind nicht auf Konfrontationskurs mit der SVP. Im Gegenteil, wir pflegen seit langem eine gute Partnerschaft mit dieser Partei.» Es sieht danach aus, als ob der Vorstand von Economiesuisse seinen Präsidenten zurückgepfiffen und an die Kette gelegt hätte.

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Bei den gut fünf Dutzend Beschäftigten von Economiesuisse findet der Knatsch zwischen ihrem Arbeitgeber und der SVP kaum Beachtung. Dafür sorgen Interna für Verwirrung. Mitte ­Dezember wurde bekannt, dass der frisch gewählte Direktor Jean-Marc Hensch (54), der ab März 2014 die Geschäfte beim Verband hätte übernehmen sollen, wegen einer schweren Herz-Kreislauf-Erkrankung das Handtuch werfen musste. Damit musste erneut die mühsame Suche nach einem Geschäftsführer gestartet werden. Bereits nach dem Aus von Pascal Gentinetta dauerte es geschlagene fünf Monate, bis der neue Direktor präsentiert werden konnte – eben Hensch. Dieser wird übrigens weiterhin den Verband Swico leiten, wenn auch bis auf weiteres mit reduziertem Pensum.

Seit vier Wochen wird unter dem Kommando von Rolf Soiron, Vorstandsmitglied Economiesuisse und im echten Wirtschaftsleben Präsident von Holcim, mit Volldampf der neue Mann gesucht. Kein leichtes Unterfangen. Einmal steht es um das Image des Wirtschaftsdachverbandes nicht zum Besten, profilierte Manager scheuen den Schleudersitz. Zudem dulde Heinz Karrer «keine starke Person neben sich», wie ein Vorstandsmitglied nüchtern meint. Auch die Entlöhnung ist nicht gerade üppig. Soiron macht sich denn auch nichts vor: «Der Posten als Direktor von Economiesuisse ist nun mal nicht der grösste Traumjob, den die Schweizer Wirtschaft derzeit zu bieten hat.»

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Heinz Karrer will von Rekrutierungsproblemen nichts wissen. «Das Image von Economiesuisse ist gut, sonst würden wir nicht ein derart grosses Interesse am Job des Geschäftsführers feststellen.» Und es stimme auch nicht, «dass eine Vielzahl von Kandidaten abgesagt hat». Angeblich befindet sich in der engeren Auswahl für den Direktorenposten keine Frau. Was nicht wirklich zu erstaunen vermag; im kürzlich auf 70 Mitglieder aufgestockten Vorstand sind gerade mal drei Frauen zu finden, was einem Anteil von 4,3 Prozent entspricht.

Der Interimschef kommt an

Wenigstens kann sich Economiesuisse Zeit nehmen bei der Suche. Denn der interimistische Direktor Rudolf Minsch erledigt die laufenden Geschäfte sehr gut, wie ihm von allen Seiten bescheinigt wird. Seine Mitarbeiter halten ausgesprochen viel vom 47-Jährigen, sie würden ihn gerne als festen Chef sehen.

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Im Vorstand dagegen geniesst Minsch weniger Rückhalt; zwar wird der Chefökonom von Economiesuisse als tüchtig geschätzt, doch ihm werden weder Charisma noch Führungsqualitäten bescheinigt. Minsch selbst will, so heisst es von Geschäftsleitungsmitgliedern, ebenfalls nichts wissen vom Direktorenposten. Darauf angesprochen, meint er verklausuliert: «Die Rolle des Chefökonomen ist nicht nur sehr herausfordernd und spannend, sondern für den Verband von ­grosser Bedeutung.» Was wohl einem Nein gleichkommt.

Für Unmut unter den Mitarbeitern gesorgt hat das unerwartete Ausscheiden des Geschäftsleitungsmitglieds Ursula Fraefel. Nach vierjähriger Tätigkeit als Leiterin Kommunikation und Kampagnen hat sie Ende 2013 die Segel gestrichen. Die Medienmitteilung, nur wenige Tage vorher veröffentlicht, war Economiesuisse ganze vier Sätze wert. «Im Bereich Kommunikation und Kampagnenleitung ist unter der neuen Führung ein Neuanfang sinnvoll», kommentiert Frae­fel ihren plötzlichen Abgang. Das tönt nach Kapitulation. Unter ihrer Leitung wurden fünf Abstimmungen gewonnen, der wichtige Wahlgang um Thomas Minders Abzocker-Initiative aber ging verloren. Endgültig zur Persona non grata wurde Fraefel, als sie bis zuletzt Pascal Gentinetta den Rücken zu stärken versuchte. Das hat ihr zwar bei den Mitarbeitern grosse Sympathien eingetragen, für die Vizepräsidenten aber wurde sie suspekt.

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Bedeutungsvoller als die Einwechslung eines neuen Direktors ist die Abstimmung um die Masseneinwanderungs-Initiative. Würde die SVP obenaus schwingen, wäre dies der Super-GAU für Economiesuisse. Der einst so mächtige Wirtschaftsverband würde durchgeschüttelt wie vor einem Jahr nach der Abstimmung zur Abzocker-Initiative. Das würde bedeuten: zurück auf Feld 1.