Opel hat mit dem «Insignia» das Auto des Jahres 2009 gebaut – aber wen kümmerts? Niemand. Vielleicht gibts Opel im nächsten Jahr nicht mehr. Was unwahrscheinlich klingt, ist trotzdem möglich. Wer hätte gedacht, dass der grösste Automobilhersteller und die Opel-Mutter General Motors (GM) vor der Pleite steht? Keiner. Auch unter den Schweizer Zulieferern galt ein Zusammenbruch eines solchen Riesen bis vor kurzem als unvorstellbar. Heute wissen alle mehr.

Zu lange haben die führenden drei US-Hersteller – GM, Ford und Chrysler – ihr Heil darin gesehen, möglichst grosse Autos, etwa bullige Pick-up-Trucks, in Massen zu produzieren. Zweistellige Milliardenverluste haben sie mit dieser Strategie angehäuft. Nun droht die Pleite.

Grosse regionale Abhängigkeiten

Während sich die internationale Politik in Sondersitzungen um die Rettung der Autoindustrie bemüht, versuchen die Schweizer Zulieferer – eine Branche mit 35000 Angestellten und 16 Mrd Fr. Umsatz –, das Chaos zu überblicken. Viele weisen grosse regionale Abhängigkeiten auf: Rieter, Anbieter von Hitzeschutz- und Akustiklösungen, erzielt gut 20% des Umsatzes im Automobilgeschäft mit den drei US-Herstellern. Der Komponentenhersteller Feintool macht laut Vontobel-Analyst Fabian Häcki mit den Big Three sogar geschätzte 50% des Umsatzes. Und Georg Fischer, Produzent von Gussteilen, erzielt 40% des Umsatzes mit deutschen Autobauern. Wie die Kundenstruktur 2009 aussehen wird, weiss keiner – arbeiten müssen die Firmen trotzdem.

Auf Anfrage bei Rieter, mit 2,3 Mrd Fr. 2007 einer der umsatzstärksten Schweizer Autozulieferer, ist CEO Hartmut Reuter nicht zu sprechen. Der Chef nimmt «kurzfristig aufgegleiste Kundenbesu-che wahr», lässt Sprecher Peter Grädel ausrichten. Auf die Krise angesprochen, ergänzt er: «Natürlich haben wir keinen berauschenden Ausblick. Wenn die Automobilhersteller ihre Produktion kürzen, trifft das auch die Zulieferer.» Die Produktionsrückgänge bei den Autoherstellern könnten indes nicht eins zu eins auf die Zulieferer übertragen werden, betont Grädel, «denn die Konsequenzen hängen immer stark davon ab, bei welchen Modellen man als Zulieferer überhaupt vertreten ist.»

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Zulieferer vor Übernahmewelle

Allerdings ist schon jetzt klar, dass sich die Modellpaletten vor allem der US-Konzerne dramatisch verändern werden: Sie dürften insgesamt kleiner werden und mehr verbrauchsärmere Typen umfassen. Das wird den Wettbewerbsdruck unter Zulieferern weiter verstärken. Martin Schwarzer, Leiter Fusionen und Übernahmen bei der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers, erwartet «heftige Verwerfungen». Schwierig könne es für solche Lieferanten werden mit einem Umsatz zwischen 20 und 50 Mio Euro, die Standardprodukte herstellten. Gleichzeitig werde die Zahl der Übernahmen steigen.

Deutschlands Autobauer stehen im internationalen Vergleich sehr gut da. BMW, Daimler, Volkswagen und Porsche haben in den vergangenen Jahren bereits tausende Stellen abgebaut, die Produktion verschlankt, Prozesse beschleunigt und so die Kosten gesenkt. Gleichzeitig ist die deutsche Automobilindustrie – sowohl auf der Seite der Hersteller wie auch bei den Zulieferern wie Bosch, Continental, ZF oder Mahle – gut positioniert und technologisch in vielen wichtigen Bereichen führend. Ein Lichtblick also für viele Schweizer Zulieferer, die stark nach Deutschland ausgerichtet sind. «Die deutsche Autoindustrie wird stärker aus der Krise hervorgehen», glaubt auch CS-Analyst Arndt Ellinghorst.

Wichtig ist nun, dass konkursite Hersteller in die Spezialinsolvenz gehen – dann kann das Geschäft weitergeführt werden. Auch könnte mit Devestitionen frisches Kapital beschafft werden: GM hat am Montag für 180 Mio Euro seine 3,2%-Beteiligung am japanischen Hersteller Suzuki veräussert. Und Ford beabsichtigt, für 538 Mio Euro das 20%-Paket an Mazda zu verkaufen. Und es dürfte noch mehr Tafelsilber veräussert werden. An der GM-Tochter Opel sei der indische Tata-Konzern interessiert, wird spekuliert.