Den Erstkontakt mit den Schweizer Journalisten gestaltete Joe Hogan im informellen Rahmen: Wenige Tage vor Weihnachten lud der neue ABB-Chef ausgewählte Medienvertreter in den Fifa-Club am Zürichberg zum Kamingespräch. Gestützt von seiner rechten Hand, Finanzchef und Ex-CEO ad interim Michel Demaré, und weiteren Konzernleitungsmitgliedern tastete sich der 51-jährige Amerikaner an seine Beobachter heran.

Die meisten Fragen stellte an jenem Abend Hogan selbst. Er liess sich die Schweizer Medienlandschaft erklären, erörterte die politischen Befindlichkeiten seiner Gäste, fragte dazwischen nach persönlichen Interessen, testete dabei das Wissen einzelner Anwesender. Eine Stunde vor Mitternacht verabschiedete er sich - ohne zu kommentieren, was er gesehen und gehört hatte.

Hogan kam, sah und hörte

Solche Erkundungstouren unternahm Hogan auch im eigenen Konzern. Der Amerikaner besuchte seit seinem Amtsantritt im vergangenen September nahezu jeden Ort auf dieser Welt, an dem sich ein ABB-Logo finden liess. Er kam, sah und hörte. Bilanz wird er erst später ziehen, am 12. Februar, wenn er die Konzernergebnisse 2008 vor Anlegern, Analysten und Journalisten präsentiert.

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Hogans Vorsicht ist verständlich, waren für das vergangene Jahr doch gleich drei CEO verantwortlich: Im Mai 2008 räumte Fred Kindle nach Differenzen mit ABB-Präsident Hubertus von Grünberg seinen Schreibtisch. Finanzchef Michel Demaré übernahm das Zepter ad interim und reichte es Anfang September an Hogan weiter. Obwohl der ehemalige General-Electric-Manager nur das 4. Quartal verantwortet, wird er im Februar auch für Entscheidungen seiner Vorgänger in die Pflicht genommen - kein Wunder, dass er zuerst an der Basis den Puls fühlt.

Dort schlägt ihm immer häufiger Verunsicherung entgegen. Wie schlimm ist die Weltwirtschaftskrise wirklich? Wie heftig wird ABB getroffen werden? Wie sicher sind die Jobs?

Noch sind die Auftragsbücher gefüllt, in den meisten Geschäftsbereichen fährt ABB Überstunden. Doch seit auch absatzstarke Länder wie China mit sinkenden Zuwachsraten kämpfen, fragen sich immer mehr Führungskräfte, wann die Party für den 30-Mrd-Dollar-Konzern zu Ende ist.

Dankbar nimmt Hogan jetzt den Rat von seinem Finanzchef Demaré an - der 52-jährige Belgier ist bereits seit 2005 auf seinem Posten und glänzt mit profunden Kenntnissen des komplex strukturierten Konzerns. Er war es, der das Sparprogramm für den Konzern erarbeitete und von Hogan absegnen liess. In den kommenden 12 bis 18 Monaten soll ABB 1 Mrd Dollar einsparen.

Wie lange hält die Ehe?

Gleichzeitig beobachtet Hogan sorgfältig die Schritte seiner wichtigsten Bezugsperson bei ABB. Demaré, der bei der CEO-Suche im vergangenen Sommer übergangen wurde, liess seinen Job vom ABB-Verwaltungsrat aufwerten. Neu amtet Demaré nicht nur als Finanzchef, sondern nimmt auch die Berichte der ingesamt acht Regionalchefs entgegen. An Hogan rapportieren die fünf Divisionschefs.

Diese Aufgabenteilung gilt bei einem Konzern dieser Grössenordnung als einzigartig - klappt die Zusammenarbeit zwischen Demaré und Hogan, kann viel daraus wachsen. Wenn nicht, wird sich Demaré, der sich von seiner neuen Aufgabe mehr operative Erfahrung verspricht, nach geeigneten CEO-Jobangeboten umsehen.

Beim Kamingespräch am Zürichberg wirkte das Duo noch sehr gelöst. Wie lange diese Ehe hält, wird das Krisenjahr 2009 zeigen.