Die Musikbranche steckt in der Krise: Ihre Hoffnung, mit Online-Musikportalen - wo Musik gegen Bezahlung heruntergeladen werden kann - den Abwärtstrend der CD zu kompensieren, hat sich nicht erfüllt. Nach einem Blitzstart des Download-Geschäfts, das in der Schweiz erst 2005 lanciert wurde, resultierte im vergangenen Jahr nur noch ein bescheidenes Wachstum von 13 auf 15,5 Mio Fr. (siehe Tabellen).

2008 haben die Schweizer Mitglieder mit dem Verkauf von Musik insgesamt 178,5 Mio Fr. eingenommen. 2007 waren es noch 188 Mio Fr., 2005 sogar 224 Mio Fr. Verantwortlich für die Misere ist die Flaute bei den physischen Tonträgern. Die Umsätze der Schweizer Mitglieder der Branchenvereinigung Ifpi mit CDs, Singles, LPs und Musikkassetten haben sich zwischen 2000 und 2008 von 312 Mio Fr. auf 163 Mio Fr. halbiert. Symbol für den Niedergang der physischen Tonträger ist die CD, deren Verkäufe in der gleichen Periode von 19,6 auf 10,3 Mio Exemplare zurückgegangen sind.

Grund für die enttäuschende Entwicklung sei das nach wie vor grosse und illegale Angebot für kostenlose Downloads, wie Beat Högger von Ifpi erklärt. «In der Schweiz herrscht nach wie vor der Anspruch, dass man Musik aus dem Netz gratis erhält.» Die diesbezüglich nicht eindeutige Gesetzgebung trage dazu ebenfalls bei.

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Zwar ist für Högger klar, dass sich der Trend der digitalen Musik fortsetzen wird. Doch wie sich das Wachstum entwickeln wird, sei unklar. Zudem dürfte die Rezession das Verhalten der Konsumenten zusätzlich negativ beeinflussen.

Händler: Senken Preise weiter

Solche Prognosen sind keine Musik in den Ohren der traditionellen CD-Händler, die sich jedoch kämpferisch geben. Marktführer Media Markt konnte seine Verkaufszahlen in den letzten beiden Jahren noch halten. Dank einem grossen und umfangreichen Angebot, wie Sprecherin Manuela Tröndle begründet. Im laufenden Jahr droht allerdings ein Rückgang. Bei Manor sind gemäss Sprecherin Elle Steinbrecher weitere Preisreduktionen für CDs in diesem Jahr kaum zu umgehen.

Für Beat Högger von Ifpi ist die Schmerzgrenze mit Tarifen von teilweise deutlich unter 20 Fr. für eine Scheibe im «CD-Tiefpreisland» Schweiz allmählich erreicht. «Wir sind heute schon günstiger als Deutschland, Österreich oder Frankreich.» Er appelliert deshalb an die Händler, stattdessen den Vorteil der besseren Qualität des physischen Tonträgers gegenüber digitaler Musik noch konsequenter auszuspielen. Bei Citydisc wird dieser Ball aufgenommen. «Die intensive Sortimentspflege und der Kundenservice sind für uns die wichtigsten Kriterien, um eine Stabilisierung der Umsätze zu erreichen», sagt Robert Horvath, CEO des Online-Shops Citydisc.ch. Zur Rettung der CD setzt der Anbieter auf qualitativ hochwertige Produktionen und Zugaben wie Booklets. Horvath: «Der Mensch ist grundsätzlich immer noch ein Fan und Sammler und möchte von seinen Stars nicht nur einfach eine Datei auf dem iPod haben.» Voll auf die Qualitätsschiene setzt auch Musik Hug, Spezialist für klassische Musik. «Da der Download in diesem Bereich nicht so relevant ist, sind unsere Verkaufszahlen stabil geblieben», sagt Marketingleiter Marcus Forlin. Musik Hug investiert laufend in kundenfreundliche Verkaufsflächen wie Klassik- oder Opera-Lounges und setzt auf eine hochqualifizierte Fachberatung, was sich offenbar bezahlt macht.

Trotzdem wollen oder können es sich immer mehr CD-Händler nicht mehr leisten, auf das digitale Musikgeschäft zu verzichten. Die Citydisc-Filialen werden heute vom Telekomanbieter Orange betrieben (Orange Citydisc), was eine rasche Entwicklung des Download-Angebots ermöglicht. Ein gutes Beispiel für die rasche Modernisierung der Branche ist auch Ex libris. Der traditionelle Buch- und CD-Händler betreibt heute neben iTunes von Apple einen der erfolgreichsten Musik-DownloadShops in der Schweiz.

Labels: Bitten Stars zur Kasse

Ihren einstigen Widerstand gegen den Download-Markt haben inzwischen auch die grossen Musikproduzenten aufgegeben. Als erstes Label hatte EMI ihr ganzes Platten- und CD-Sortiment auf den Portalen von Apple, Amazon und Youtube zum legalen Herunterladen freigeschaltet. Der globale Marktführer Universal Music sowie die Nummer zwei, BMG Sony, hatten umgehend nachgezogen.Als Heilmittel gegen die Krise im Musikmarkt genügt die Verlagerung auf den digitalen Markt indes nicht, wie das Beispiel von Sony Music Schweiz belegt. «Unsere Verluste mit physischen Tonträgern können auch von den Zuwächsen im digitalen Download-Geschäft nicht kompensiert werden», räumt General Manager Julie Born ein. Um die schrumpfenden Einnahmen zu kompensieren, sollen jetzt die bei Sony Music unter Vertrag stehenden Stars zur Kasse gebeten werden. «Wir möchten uns bei künftigen Engagements mit jungen Künstlern vertraglich eine höhere Beteiligung an deren Einnahmen aus Verkauf, Konzerten, Merchandising und Sponsoring sichern», verrät Born. Diese Massnahme sei nicht unfair gegenüber den Künstlern. «Schliesslich sind wir Produzenten diejenigen, welche als erste namhaft in ihre Musikkarrieren investieren.»

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Für Peter Bühler, Geschäftsführer des Winterthurer Onlinehändlers Cede.ch, können solche Massnahmen auch kontraproduktiv sein. «Zu viele Einsparungen und Restrukturierungen dürften sich negativ auf das Künstlerportfolio der Produzenten auswirken.»

Geschäft mit DVD: Rasche Verbreitung des Breitband-Internets bedrängt die Filmindustrie

Das Breitband-Internet verbreitet sich in Windeseile - eine wachsende Zahl von Benutzern hat so die Möglichkeit, grosse Datenmengen wie Filme ohne lange Wartezeit aus dem Internet herunterzuladen. Das machen sich Betreiber von illegalen Webseiten zunutze, die auf ihren Portalen sogar noch unveröffentlichte Kinofilme anbieten - zum Download oder zum sofortigen Konsum dank Streaming-Technologie. Darunter leidet die DVD-Industrie. «Parallel zum Wachstum der Breitband-Anschlüsse gingen die Verkäufe von DVD in den vergangenen Jahren zurück», sagt Adriano Viganò, Rechtsanwalt und Berater der Schweizerischen Vereinigung zur Bekämpfung der Piraterie (Safe). 2008 lag der Schweizer Erlös mit DVD-Verkäufen bei 310 Mio Fr. Zwei Jahre zuvor waren es noch 360 Mio Fr. Safe will gegen die Anbieter von illegalen Download-Portalen vorgehen, was eine internationale Vernetzung erfordert. Konsumenten von heruntergeladenen Filmen können eruiert und nach einer Verwarnung belangt werden. «Gewisse Erfolge haben wir bereits erzielt», so Viganò.

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Es gibt auch Stimmen, die der globalen Filmbranche trotz Internet-Piraterie eine rosige Zukunft voraussagen. Die internationale Studie «Global Entertainment and Media Outlook: 2007-2011» von PricewaterhouseCoopers (PwC) etwa geht davon aus, dass das Zusammenwachsen von Fernsehen, Computer, Internet und Mobilkommunikation für die gesamte Medienindustrie langfristig neue Umsatzchancen ermöglicht. PwC glaubt, dass die weltweite Filmbranche bis 2011 dank der Einführung hochauflösender DVD und neuer, digitaler Projektionstechnik in den Kinos um jährlich rund 5% auf insgesamt 103 Mrd Dollar wachsen wird.

«Oft stellen sich solche Studien im Nachhinein als falsch heraus, da die Annahmen an der Realität vorbeigehen», entgegnet Adriano Viganò. Das gelte auch für den Musikmarkt, dem die PwC-Studie satte Wachstumsraten voraussagte. Fakt ist, dass die CD-Industrie nicht nur in der Schweiz seit Jahren unter den illegalen Downloads leidet und stagniert. (row)