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Der Irrflug von Air Berlin ist noch nicht zu Ende

Air Berlin hebt letztmals ab – doch viele Mitarbeiter zittern weiter
Air Berlin: Die letzte Maschine ist in der Luft. Getty

Heute fliegt Air Berlin zum letzten Mal. Mit dem Ende des Flugbetriebs sind aber längst nicht alle Probleme der gescheiterten Airline gelöst. Noch ist der Scherbenhaufen nicht aufgeräumt.

Von Gerhard Hegmann («Die Welt»)
2017-10-27

Der erste Flug ging 1979 von Berlin nach Mallorca. 39 Jahre später endet für Air Berlin jetzt die Ära als zweitgrösste deutsche Fluggesellschaft mit der Verbindung München-Berlin. Der letzte Flug AB6210 ist mit 178 Passagieren zwar restlos ausgebucht, aber das hilft nichts mehr. Im Schnitt machte Air Berlin seit dem Börsengang 2006 jeden Monat rechnerisch 25 Millionen Euro Verluste und häufte so eine Gesamtsumme von rund drei Milliarden Euro an, teilte die Fluggesellschaft jetzt selbst noch zum Ende mit.

Das hoch verschuldete Unternehmen steht vor einem Scherbenhaufen – bei dem selbst die Insolvenz etwas holprig verläuft. So stellt die Airline zwar jetzt den eigenen Flugbetrieb ein. Dennoch heben bei den Tochterfirmen Luftfahrtgesellschaft Walther sowie dem Ferienflieger Niki weiter Flugzeuge ab.

Lufthansa ist neue Besitzerin

Die beiden Tochterfirmen mit 1700 Beschäftigten hat die Lufthansa samt 81 Flugzeugen für 210 Millionen Euro von Air Berlin gekauft, darf sie aber noch nicht nutzen. Zuvor müssen die EU-Kartellbehörden zustimmen, dass die führende deutsche Airline Schlüsselkapazitäten des gescheiterten Wettbewerbers übernimmt.

Ausserdem ist noch nicht geklärt, wer neben der Lufthansa weitere Air-Berlin-Flugrechte, Flugzeuge und Beschäftigte zu welchem Preis kauft. Die Lufthansa übernimmt jetzt schon die ihrer Ansicht nach maximal mögliche Anzahl an Flugzeugen samt Start- und Landerechten von Air Berlin und kratzt damit an einer Monopolstellung auf manchen Strecken. Weil bei ersten Exklusivverhandlungen mit der britischen Billigfluglinie Easyjet keine Einigung erzielt wurde, wird inzwischen auch mit der Thomas-Cook-Tochter Condor verhandelt. Intern ist von einem «Kopf-an-Kopf-Rennen» die Rede, wer neben der Lufthansa den Zuschlag für Routen und Flugzeuge von Air Berlin erhält.

Bis zu 80 Prozent der Jobs bleiben erhalten

Der Air Berlin-Generalbevollmächtigte Frank Kebekus sagt im ZDF-Morgenmagazin, er gehe davon aus, dass innerhalb der nächsten Tage Vollzug gemeldet werden könne. Dies führe dazu, «dass wir da möglicherweise weitere 1000 Arbeitsplätze anbieten können». Kebekus bekräftigte die Position der Konzernspitze der Airline, dass die Zukunft für einen Grossteil der ehemals 8000 Air-Berlin-Beschäftigten gesichert sei. «Wir gehen nach wie vor davon aus, dass wir am Ende des Tages 70 bis 80 Prozent der Arbeitsplätze erhalten beziehungsweise neu überleiten können.» Allein 3000 Beschäftigte will die Lufthansa übernehmen. Angeblich haben bereits 700 Beschäftigte selbst einen neuen Arbeitsplatz gefunden.

Allerdings kam keine grosse Lösung für eine Transfergesellschaftfür 4000 Beschäftigte zustande, die etwa 50 Millionen Euro gekostet hätte. In der nun vereinbarten kleinen Lösung für eine Transfergesellschaft sollen zumindest rund 1200 Beschäftigte des Bodenpersonals mit finanzieller Unterstützung des deutschen Bundeslandes Berlin und des Gläubigerausschusses ein halbes Jahr weiterqualifiziert werden. Diese Lösung kostet angeblich 15 Millionen Euro.

Genehmigung für Flüge wird verfallen

Derzeit befindet sich die Dachgesellschaft Air Berlin noch in einer Insolvenz in Eigenverwaltung – ab Anfang November dürfte das reguläre Insolvenzverfahren eröffnet werden. Dann können alle Gläubiger ihre Forderungen anmelden und die Genehmigung für den Flugbetrieb durch das deutsche Luftfahrtbundesamt wird wohl erlöschen.

In einem Rückblick auf die knapp 40 Jahre Flugbetrieb schreibt die Air Berlin, dass das Flugerlebnis mit der Airline wohl nichts so sehr prägte wie das rote Schokoladenherz mit einer Auflage von 15 Millionen Stück pro Jahr. In einer Mitteilung bedankt sich die Fluggesellschaft «an diesem traurigen Tag bei allen Mitarbeitern, Partnern und Passagieren, die uns über die vielen Jahre ihr Herz und ihre Treue geschenkt haben».

Emotionaler Abschied

Überschrieben ist die Nachricht in Anspielung auf die knapp 40 Jahre Firmengeschichte mit dem Titel: «Forever 39: Eine rot-weisse Ära geht zu Ende». Dies sei ein emotionaler Abschied für die Passagiere und Mitarbeiter, heisst es. Die Airline habe seit dem Erstflug über eine halbe Milliarde Fluggäste befördert. Air Berlin wünsche am Ende nun: «Allzeit ‹Happy Landings!›» und sagt im Namen aller Mitarbeiter «Macht et jut!», teilt die insolvente Firma mit.

Dieser Artikel erschien zuerst bei der «Welt» mit dem Titel «Selbst nach dem letzten Flug kommt Air Berlin nicht zur Ruhe».

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