Boris Collardi, 36, ist ein angenehmer Gesprächspartner. Der seit anderthalb Jahren an der Spitze der Zürcher Privatbank Julius Bär stehende Banker hat ein gewinnendes Auftreten und eine sanfte Stimme mit französischem Timbre.

Collardi ist smart, keine Frage. Ist er auch der Richtige, um die dritte Kraft im Swiss Banking auf Erfolgskurs zu halten? Die Investoren reagierten anfänglich skeptisch, der Aktienkurs dümpelte lange bei 30 Fr. Erst nach dem Halbjahresabschluss 2010 und gut 3 Mrd Neugeldzufluss verteilten die wichtigsten Analysten gute Noten. Für nachhaltigen Erfolg braucht es Antworten auf drei Fragen. Kann Julius Bär das viele EU-Schwarzgeld durch versteuerte Vermögen ersetzen? Zahlt sich die Asien-Expansion aus? Und vor allem: Kommt Swiss Private Banking zu neuer Blüte?

Von Letzterem ist Collardi überzeugt. «Die Schweiz hat oberste Priorität», sagt der Jung-CEO, der bei der Credit Suisse gross geworden ist. «In Genf haben wir 400 Leute, in Lugano 300, wir sind an Orten wie Crans Montana, Verbier, Luzern oder Kreuzlingen, alles in allem an 15 Standorten. Das macht mich extrem ?bullish?, was unseren Kernmarkt Schweiz betrifft.»

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Schweiz bleibt wichtig

Der neue Fokus ist kein Zufall. Die «Financial Times» vermeldete kürzlich Collardis Absicht, in Asien einen Zweithauptsitz zu errichten. Trotz Dementi blieb der Eindruck haften, die Zürcher könnten ihrer Heimat den Rücken kehren. «Unser wichtigster Markt ist und bleibt die Schweiz», sagt Collardi (siehe «Nachgefragt»).

Entscheidend wird das anstehende Deutschland-Abkommen zur Aufarbeitung der Schwarzgeld-Ära. Mit einer Einmalzahlung wollen die Schweizer Banken die von ihren Kunden hinterzogenen Steuern abliefern. Ähnliche Verträge mit weiteren EU-Ländern dürften folgen.

Das «Ablass»-Konzept soll die Kunden-Privatsphäre erhalten. Damit wäre die grenzüberschreitende Vermögensverwaltung von der Schweiz aus weiterhin lukrativ. «Das ist es schliesslich, was wir am liebsten machen und am besten können», sagt Collardi.

Mit der angestrebten Rechtssicherheit würde die Schweiz erneut zum Magneten für ausländische Vermögen, ist Collardi überzeugt. Schon heute würden Neugelder aus Italien auf Schweizer Bär-Konti fliessen, nachdem wegen einer Steueramnestie letztes Jahr viele Vermögen abgeflossen waren.

Aufs richtige Pferd gesetzt?

Bleibt Collardis kostspielige Asien-Strategie. Singapur ist zwar offiziell kein Zweitsitz, doch faktisch betreibt Bär dort eine unabhängige Bank, mit eigener Informatik und Backoffice-Leistungen.

Bisher erfolgreich. «Heute kriegen wir in Asien Top-Leute von HSBC und Goldman Sachs, die es schätzen, zu einer Bank zu wechseln, die einen guten Ruf hat und nicht durch Bürokratie, Abschreiber und häufige Strategieänderungen gelähmt ist», freut sich der Bär-CEO.

Schweizer Qualitätsbewusstsein sei in Fernost ein Asset. «Von den beiden Private-Banking-Schulen - der schweizerischen und der amerikanischen mit ihrem investmentgetriebenen Ansatz - wird sich meiner Meinung nach unser Modell durchsetzen», sagt Collardi. Sollte der Shootingstar recht behalten, kann er sich dereinst rühmen, früher und konsequenter als andere Banken aufs richtige Pferd gesetzt zu haben.

NACHGEFRAGT

«Unsere Bruttorendite liegt in Asien tiefer»

Julius-Bär-Chef Boris Collardi über die Wichtigkeit des Schweizer Marktes und seine Devise, nur versteuerte Gelder anzunehmen.

Julius Bär ist gross in Asien, aber nicht besonders rentabel. Woran liegts?

Boris Collardi: Wir sind in Asien profitabel und finanzieren das Wachstum aus den dortigen Erträgen. Unsere asiatischen Kunden sind im Schnitt jünger als jene aus der Schweiz und Europa, und es ist eine Klientel, die gerne an der Börse handelt, die aktiv ist und Risiken eingeht. Das ist interessant. Andererseits sind die Asiaten preisempfindlicher. Unsere Bruttorendite liegt entsprechend leicht tiefer als in der Schweiz.

Singapur gilt als zweite Heimat für Bär. Zählt für Sie nur noch Asien?

Collardi: Nein. Unser wichtigster Markt ist und bleibt die Schweiz. Wir haben viele vermögende Schweizer als Kunden, hinzu kommen vermögende Ausländer als Pauschalversteuerte oder als Manager von Multis mit Schweizer Ableger. Deshalb und weil Julius Bär gut aufgestellt ist, bin ich sehr optimistisch für unser Kerngeschäft, die Schweizer Vermögensverwaltung.

Dabei liegt «onshore» im Trend. Muss Bär nicht verstärkt im EU-Raum präsent sein?

Collardi: In Deutschland sind wir bereits vor Ort tätig und verfügen über die Freistellung, in Italien agieren wir als Vermögensverwalter. Entscheidend wird das Abkommen der Schweiz mit Deutschland sein, das demnächst abgeschlossen wird. Dann wissen wir, wie wir von der Schweiz aus unser Geschäft betreiben können. Das ist es schliesslich, was wir am liebsten machen und am besten können.

Julius Bär gilt als Bank mit vielen unversteuerten Vermögen. Droht Ihnen ein grosser Abfluss?

Collardi: Seit ich hier bin, gilt die Devise, dass wir nur versteuerte Gelder annehmen. Neben den beiden Grossen sind wir vermutlich die einzige Schweizer Bank, die ein rigoroses Kontrollsystem für die grenzüberschreitende Vermögensverwaltung installiert hat. Bereits heute ist zum Beispiel der grösste Teil unserer verwalteten Deutschland-Kundenvermögen versteuert.