Die Lehrzeit sei beendet, befand der Meister, und war zufrieden mit dem Lehrling. Zehn Jahre fast hatte sie gedauert, zehn Jahre, in denen John Elkann, Enkel des Fiat-Patriarchen Gianni Agnelli, das Reden anderen überliess. In denen er Entscheidungen mittrug, aber nicht selbst verkündete. Zehn Jahre, eine lange Zeit, wäre nicht auch die Aufgabe eine grosse: Mit dem 32-jährigen John Elkann will die Gründerfamilie des Automobil-Imperiums wieder ihren angestammten Platz einnehmen, in Turin und ganz Italien.

«John Elkann ist mehr als bereit», befand Gian Luigi Gabetti, 83 Jahre alt, Vertrauter des 2003 verstorbenen alten Agnelli und Mentor des Jungen. Gabetti ist einer derer, die Elkanns Lehrzeit überwachen und ihm den Rücken freihalten sollten. Fiats Präsident Luca di Montezemolo ist ein anderer. Mit Gabetti machte nun der erste von beiden Platz an der Spitze. Elkann ist seit dieser Woche Präsident der Vermögensverwaltungs-Holding Ifil – und damit einer der einflussreichsten Männer in Italiens Wirtschaft.

Weit verzweigte Beteiligungen

Über Ifil – die Holding ist mit einem 30%-Anteil Fiats grösster Aktionär – kontrolliert die Familie den letzten grossen Autohersteller des Landes und mit ihm die Marken Fiat, Alfa Romeo, Lancia und Ferrari. In der Familienschatulle befinden sich Anteile am Reiseveranstalter Alpitour, die Mehrheit am Fussballklub Juventus Turin, Beteiligungen an Banken und Versicherungen. Das verzweigte Netz reicht bis weit in die Unternehmens- und Finanzlandschaft hinein.

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Als Elkann seine Rolle als Kronprinz antrat, als ihm der Grossvater seine eigenen Anteile am Familienvermögen überschrieb, stand es schlecht um Fiat. Der alte Agnelli war krank, das Unternehmen war es auch. Sinkende Verkäufe, jahrelanger Schlendrian und ein Kommen und Gehen im Management hatten den Konzern mehrmals an den Rand des Ruins geführt.

Bei der Suche nach dem Nachfolger musste der Patriarch eine Generation überspringen: Den einzigen Sohn, Edoardo, fand man Ende 2000 tot unter einer Brücke, sein Auto hatte das Geländer durchbrochen. Selbstmord oder Unfall, das wurde nie endgültig geklärt. Agnellis Neffe Giovannino war mit 33 Jahren an Krebs gestorben. 2003 verschied der «Avvocato» selbst, sein Bruder Umberto ein Jahr darauf. Italien ist abergläubisch: Schon sprach man vom «Agnelli-Fluch». Bis John Elkann kam. Er ist der älteste Sohn der Agnelli-Tochter Margherita und des Schriftstellers Alain Elkann. Geboren in New York, aufgewachsen in England, Brasilien und Frank reich, hatte er für zwei Jahre für General Electric gearbeitet, bis ihn die Familie 2002 heimholte.

Johns kleiner Bruder Lapo (29) tobte sich in Fiats Marketing- und Designabteilung aus und auch sonst im Leben, bis ihn eine Überdosis aus der Bahn warf. 2007 verliess er den Fiat-Konzern und gründete die eigene Designmarke «Italia Independent». Viele glaubten zunächst eher an eine Laune. Zumal es zunächst nur um Sonnenbrillen ging. Mittlerweile aber hat Lapo expandiert und weist respektable Ergebnisse vor.

Konservativer Erbe

John kleidet sich in dunkle Anzüge und einfarbige Krawatten, meidet den Jet-Set und die Frauengeschichten, für die Grossvater Gianni berüchtigt war. Vor vier Jahren heiratete er, standesgemäss. Die Familie seiner Frau Lavinia Borromeo, ältester Mailänder Adel, hat eine Reihe Kardinäle hervorgebracht.

Für Ifil hat Elkann grosse Pläne, will international zukaufen. Auch bei Fiat läuft es wieder besser – so gut, dass der Prinz vielleicht auch hier bald die Spitze des Verwaltungsrates übernehmen wird.

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