Vor einem Jahr kaufte die chinesische Sinopec die in Genf domizilierte Addax Petroleum. Diese Erdölhandelsfirma hatte der milliardenschwere Waadtländer Investor Jean Claude Gandur in den letzten 15 Jahren aufgebaut.

Schweiz ist attraktiv

Der Deal passt in die Strategie der chinesischen Regierung, sich über Staatsfonds und private Akteure weltweit den Zugang zu strategischen Reserven zu sichern. «Würde die Schweiz selbst über reiche Rohstoffe verfügen, so wäre sie wohl noch viel stärker in den Fokus der mit prallen Kriegskassen ausgestatteten chinesischen Aufkäufer gerückt», erklärt Marco Superina, Leiter M&A Investment Banking bei der Credit Suisse.

Aber auch ohne Öl, Gas und wertvolle Erze wird die Schweiz für die chinesische Wirtschaft zusehends attraktiv. Besonders interessieren sich die Chinesen für die Bereiche Informatik, Maschinen, Handel, Pharma, Chemie und Bildung. Dies offenbart jedenfalls eine von der Osec und der Handelskammer Schweiz-China (SCCC) gemeinsam erstellte Karte. Diese zeigt für 2009 rund 30 namhafte chinesische Firmen mit Sitz in der Schweiz. Heute, nur ein Jahr später, ist die Karte bereits veraltet. Laut Osec dürften bereits mehr als 50 Firmen aus China einen Sitz in der Schweiz haben. Das Wachstumstempo ist beeindruckend: Vor sechs Jahren waren es erst ein halbes Dutzend. «Die Fühler chinesischer Unternehmen und Investoren strecken sich nach Europa und damit auch in die Schweiz aus», bestätigt Esther Poertig den Trend. Sie ist Projektleiterin der SCCC und hilft interessierten Chinesen bei der Ansiedlung.

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Nebst Sinopec finden sich heute viele weitere illustre Logos chinesischer Firmen auf der Schweizer Karte. Dazu gehören zum Beispiel Lenovo und China Tobacco, die über Joint Ventures in der Schweiz sind. Ihre Head Quarters für Europa hierzulande installiert haben der Verpackungskonzern Tralin Pak (in Winterthur), der Solarriese Suntech (in Schaffhausen) und der Informatikdienstleister Neusoft. Letzter hat dafür in Appenzell rund 20 Mio Franken investiert. Die Firma Pixcir entwickelt in Zürich und Yverdon Chips für Touchscreens. Bereits 2008, mitten in der Finanzkrise, hat die Bank of China in Genf eine Privatbank gegründet. Noch länger in der Schweiz sind Computerbauer Acer und Internethändler Alibaba.

Die Beispiele beweisen, dass die «Chinawelle» nicht mehr an der Schweiz vorbeirollt. Noch vor Kurzem kam in einer Strategiestudie von McKinsey die Furcht zum Ausdruck, die Schweiz würde ihre Chancen beim Wettrennen um die Gunst der chinesischen Investoren verpassen. «Die Schweiz steht in den Augen der Asiaten weniger für Business-Standort, als vielmehr für politische Stabilität, Bildung und tiefe Steuern», so die Diagnose des Imageproblems. Zudem mangle es an massgeschneiderten, den Ansiedlungsprozess erleichternden Lösungen.

Der Chinatown-Effekt

Doch die jüngsten Ansiedlungserfolge - etwa im Falle der Neusoft nur zwei Monate nach dem ersten Kontakt - lassen vermuten, dass die Wirtschaftsförderer schnell dazugelernt haben. Als hilfreich erweist sich dabei der sogenannte Chinatown-Effekt: Chinesen lassen sich am liebsten dort nieder, wo es bereits andere Firmen aus China gibt. Das belegen die regionalen China-Cluster um Genf und Zürich sowie im Tessin.

Ein richtiggehender Ansturm chinesischer Firmen in naher Zukunft ist nicht auszuschliessen. Die erwähnte Strategiestudie von McKinsey jedenfalls rechnet damit, dass in den nächsten 10 bis 15 Jahren 120 bis - im günstigsten Fall - 260 Firmen aus dem Fernen Osten sowie Indien die Schweiz für ihren Europasitz auswählen dürften. Dabei könnten 55000 bis 120000 Arbeitsplätze entstehen.

Noch ist allerdings dieses Szenario weit von der Realität entfernt. Sowohl auf chinesischer als auch auf Schweizer Seite sind noch einige kulturelle Hürden zu überbrücken. Berater Stefan Schmid von PricewaterhouseCoopers, der ansiedlungsinteressierte Chinesen in der Schweiz berät, erinnert daran, dass sich dies besonders bei Akquisitionen zeigt. «Chinesische Gruppen haben eine Tendenz, ohne umfassende Strategieanalysen Gesellschaften oder Firmenteile zu kaufen, welche aufgrund finanzieller Schwierigkeiten, fehlender Nachfolge oder anderer Gründe veräussert werden», beobachtet er immer wieder. Die Kehrseite dieses «opportunistischen» Akquisitionsverhaltens: Die Integration der gekauften Firmen in die chinesische Firmenkultur erweist sich oft als schwierig. «Es führt immer wieder dazu, dass die Wissensträger der übernommenen Gesellschaft kündigen und so wertvolles Know-how verloren geht», so Schmid.