Jetzt war er plötzlich Chef einer trudelnden Airline. Und verdiente allein so viel, wie fünfzig Stewardessen zusammen. Dabei kann er keinen Airbus fliegen, kann keinen Überseekoffer in eine MD 11 wuchten, kann keinen Frachtbrief ausfüllen und könnte wahrscheinlich nicht einmal den Kaffee in der Economy sauber servieren.» Das sind nicht etwa böse Sätze über Walter Bosch, sondern ein Text von Bosch selber in einer Kolumne über den glücklosen Swissair-Boss Mario Corti. Darauf angesprochen, meint Bosch entwaffnend: «Meine damalige Beschreibung trifft auf viele zu - auch auf mich. Aber ich bin nicht CEO, sondern nur einer von neun Verwaltungsräten der Swiss.» Und fügt kämpferisch hinzu: «Und weshalb soll ein Ex-Journalist nicht Verwaltungsrat werden? Schliesslich bringe ich sehr viel Marketing- und Kommunikationswissen mit, was den meisten Verwaltungsräten sonst fehlt.»

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In der Tat: Wie manch andere Swiss-Verwaltungsräte etwa Urs Rohner oder André Kudelski hat auch Bosch wenig Ahnung von den Mechanismen der Airline-Branche. Dafür weiss er bestens Bescheid, wie man die Maschinerie der Medien- und Kommunikationsbranche nutzen kann: Seit Anfang Mai sitzt er im Verwaltungsrat der nationalen Fluggesellschaft. Und seit diesem Zeitpunkt hat sich auch das Swiss-Image markant verbessert. Das Loser-Image hat ausgedient, heute steht die Airline als gefragte Braut von British Airways oder Lufthansa da. Bis Ende August soll sie sich für den Bräutigam entscheiden. «Ich habe deswegen aber nie Journalisten angerufen oder telefonieren lassen», beteuert Bosch. Aber Auskunft gibt er gerne wenn man ihm die richtigen Fragen stellt.

kann gut zuhören

Lustvoll hat er sich in die Umstrukturierung der trudelnden Airline gestürzt und beispielsweise auch die Verhandlungen mit Vertretern der Piloten geführt. Dabei hat ihm sein bescheidenes und trotzdem dezidiertes Auftreten geholfen. Der Mann kann gut zuhören und sieht im dunklen Anzug mit seinen schlanken 1,87 Meter selbst aus wie ein Muster-Pilot. Als Marketingprofi hat er am neuen Businesskonzept mitgearbeitet. Das Konzept, das Bundesrat Leuenberger als «vorne Champagner und hinten Durst» bezeichnete, soll ab dem 28.8. umgesetzt werden. Dass solche operativen Tätigkeiten die Aufgaben eines Verwaltungsrats sprengen, lässt Bosch gelten. «Mein Mandat hat sich zeitweise zum Vollzeitjob entwickelt.»

Trotzdem lässt er es sich nicht nehmen, einmal in der Woche im Zürcher Fussballklub «Frischauf Seefeld» als rechter Stürmer vorzupreschen. Dort kickt er seit 35 Jahren jede Woche mit Agentur- und Medienchefs. Ein exklusiver Männerklub, der nach dem Spiel in Boschs Lieblingsrestaurant «Kronenhalle» diniert. Frauen sind ausgeschlossen, denn Bosch ist gegen gemischte Teams. Doch das bezieht sich nur auf das Fussballspiel: «Ich habe physische Hemmungen, Frauen anzurempeln, ich nehme instinktiv Rücksicht», sagt der Gentleman. «Doch geistig setze ich mich gerne mit Frauen auseinander.» Schliesslich wohnt er in einem reinen Frauenhaushalt. Dass er ausgerechnet am rechten Flügel spielt, habe keinen politischen Hintergrund.

Freunde im Bundesrat

Sein umfangreiches Beziehungsnetz reicht weit über die Medienbranche hinaus bis zu den Schalthebeln der politischen Macht. Beste Freunde sitzen auch im Bundesrat. «Ich möchte mich aber nicht mit Namen brüsten», sagt er. Er weiss, dass solche Freundschaften auch zu gefährlichen Rückschlüssen führen könnten. Doch nicht alle Medienbosse gehören zu seinen Freunden. Dass er mit Ringiers Chefideologen Frank A. Meyer das Heu nicht auf der gleichen Bühne hat, ist kein Geheimnis. Obwohl ein langes Stück seiner Karriereleiter durch das Medienhaus Ringier führte: Bosch war erfolgreicher Chefredaktor des «Blicks» und der «Schweizer Illustrierten», später der Chef aller Chefredaktoren. Dabei erst noch beliebt. Doch stand der Kommunikator gerne auch im Solde anderer Medienhäuser. Für die «Weltwoche» des Jean-Frey-Verlags entwickelte er ein neues Konzept, als Besitzer der Werbeagentur Bosch&Butz betrieb er im Auftrag der Tamedia Werbung für die «SonntagsZeitung».

Investor für Start-ups

Seit er seine Werbeagentur verkauft hat, ist er vorwiegend als Unternehmer tätig. «Ich habe viel Geld in Start-ups gesteckt, zusammengezählt einige Millionen.» Mit Dieter Yello Meier hat er im Silicon Valley die Euphonix gekauft, eine Firma, die Mischpulte für Grossstudios herstellt. Er investierte auch in den Fernsehkanal Star TV oder in eine Firma, die Werbefläche auf Heckscheiben von Privatautos verkauft. Breit gestreut sind seine Berater- und Verwaltungsratsmandate: Das Portefeuille reicht vom Konzertveranstalter Good News bis zur Entwicklungsorganisation Swissaid.

Als Berater stand er seit September 2002 Swiss-Chef André Dosé zur Seite. Doch all diese Aufgaben füllten ihn nicht aus: «Ich bin in meinem Büro gestanden und fragte mich: Was mache ich jetzt?» Da kam der Verwaltungsrats-Job bei der Swiss gerade recht. «Alles, was ich in meinem Leben gelernt habe, hat nun plötzlich einen neuen Sinn bekommen, einen Nutzen für die ganze Nation», sagt der ausgebildete Ökonom. «Ich möchte die Airline im Auftrag der Aktionäre profitabel in der Luft halten.»

«Die Arbeit auf dem heissen Swiss-Stuhl macht Spass», sagt Bosch und hofft, damit in Zukunft weitere spannende VR-Mandate zu gewinnen. Trotzdem verbrachte der begnadete Schreiber die glücklichste Zeit als junger Journalist des kurzlebigen Boulevardblatts «Neue Presse», das einst der Tages-Anzeiger-Verlag herausgab. Dort war er Kulturreporter und schrieb auch unter dem Pseudonym Thea von Tscharner Klatschkolumnen. «Ich konnte meiner Lieblingsbeschäftigung, dem Schreiben, nachgehen und musste keinerlei Verantwortung übernehmen.» Doch die sorglose Zeit dauerte nur kurz. Bereits mit 25 Jahren wurde er Chefredaktor der Frauenzeitschrift «Annabelle».

Schreiben gehört immer noch zu seinen liebsten Tätigkeiten. Gerade hat er seine letzte Kolumne für die «Werbewoche» verfasst. In Zukunft will er über Themen schreiben, die besser zu seinem aktuellen Umfeld passen. Schliesslich ist seine Verantwortung enorm gewachsen: In den kommenden Wochen muss er Entscheide mittragen, die nicht nur die Angestellten, Zulieferanten, Kunden, sondern die ganze Schweiz betreffen zumindest die Steuerzahler.

Steckbrief

Name: Walter Bosch
geboren: 29.2.1944
Zivilstand: Verheiratet, 2 Töchter
Wohnort: Thalwil
Funktion: Swiss-Verwaltungsrat