Das «Tempo und das Ausmass der Kursschwankung haben uns überrascht», erklärt Markus Sauter, Kommunikationschef von Industriezulieferer Georg Fischer. Nicht viel anders tönt es beim Spezialsägenhersteller Meyer Burger, einem wichtigen Zulieferer für die vor allem in den EU-Ländern bislang boomende Solarindustrie. «Die Prognosen der meisten Analysten zeigten in eine ganz andere Richtung», sagt Firmensprecher Werner Buchholz.

Schmerzhafte Einbussen

Während Meyer Burger beim Verkauf seiner Anlagen und Systeme auch im Euroraum in Franken abrechnet und so die Euroschwäche auf die Kunden überwälzt, was man sich mangels direkter Konkurrenten offenbar leisten kann, könnte es für Industriezulieferer Georg Fischer schmerzhaft werden. Der Konzern, der drei Viertel seines Umsatzes in der Eurozone tätigt, rech-net damit, dass der schwache Euro den Jahresgewinn um rund 30 Mio Fr. schmälern wird. Währungsbedingte Einbussen verzeichnet auch der Kabelspezialist Huber + Suhner: Der Umsatz legte im 3. Quartal 2008 um 14% zu, um Währungseffekte bereinigt liegt der Wert allerdings bei 7%. Für das Gesamtjahr 2008 dürfte dies zu Währungsverlusten beim Gewinn führen.

Von der Euroschwäche getroffen ist auch der Textilmaschinenhersteller und Autozulieferer Rieter. Das Unternehmen will zwar nicht explizit verraten, was ihn die Euroschwäche zusätzlich kostet. Sprecher Peter Grädel verweist lediglich auf den Geschäftsbericht. Dort lässt sich zum Fremdwährungsrisiko nachlesen, dass eine Euroschwankung um 10% etwa im Jahre 2006 den Konzerngewinn nach Steuern um 11 Mio und im letzten Jahr um 6 Mio Fr. beeinflusst hätte. Abgeleitet werden kann daraus, dass Rieter ohne schwachen Euro 2008 mindestens um einige Millionen besser dastehen würde. Was für die Schweizer Industrie, deren Exporte zu zwei Drittel in den Euroraum gehen, mit der aktuellen Kursentwicklung generell auf dem Spiel steht, verdeutlicht Swissmem-Präsident Johann N. Schneider-Ammann: «Bleibt der Euro drei bis fünf Monate um 1.50 Fr. oder darunter, so kann das bis zur Hälfte des budgetierten Gewinns wegfressen.»

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Vor allem kleine Firmen, für die sich die teuren Absicherungsinstrumente (siehe Kasten) nicht rechnen, wird es jetzt bitter. «Als die Nachfrage nach Zulieferprodukte noch hoch war, sassen die Anbieter am längeren Hebel», sagt Vontobel-Analyst Serge Rotzer. In der Zwischenzeit hätten sich die Märkte markant abgekühlt. «Die Produzenten haben ihre Preismacht verloren und müssen Währungsverluste schlucken.»

Um das Währungsrisiko erfolgreich zu bewältigen, versuchen Unternehmen, mit einer Kombination aus mehreren Massnahmen zu arbeiten. Ein Beispiel ist Mikron: Der Spezialist für Montagesysteme mit Hauptsitz in Biel tätigt zwar mehr als zwei Drittel seines Umsatzes im Euro-raum, halbiert aber das Währungsrisiko durch natürliches Hedging: Ein Teil der Produktion erfolgt also ebenfalls in diesem Markt. Der schwache Euro wird zudem genutzt, um Rohstoffe und Komponenten umso günstiger zu beschaffen. Allerdings bleibt am Schluss ein sogenanntes Netto-Exposure – sprich Einnahmen minus Ausgaben in Euro – von rund 25% des Umsatzes. Dieses Risiko wiederum hat Mikron finanziell abgesichert, hauptsächlich über Devisentermingeschäfte mit Laufzeiten von bis zu 12 Monaten. Doch der rasche Wertverlust des Euro zum Franken macht Mikron einen Strich durch die Rechnung. Weil der Euro inzwischen unter dem Absicherungskurs liegt, ist der währungsbedingte Verlust nur noch zum Teil gedeckt. Sprich: Auch Mikron wird währungsbedingte Einbussen hinnehmen müssen.

Unvermeidliches Restrisiko

Ein Restrisiko bleibt also auch bei finanziellen Absicherungsgeschäften, zumal dabei spekulative Momente mitschwingen. Weit mehr versprechen sich deshalb die Unternehmen vom natürlichen Hedging. Bei Georg Fischer etwa stehen dem Umsatzanteil von 75% im Euro-raum 60% der Kosten gegenüber, die ebenfalls dort anfallen. Ähnlich sind die Relationen beim Maschinenbauer StarragHeckert, der in Chemnitz einen wichtigen Produktionsstandort hat. Darüber hinaus wird auch ein Teil des Asiengeschäftes in Euro abgerechnet, womit sich Kosten und Umsatz in Euro laut Finanzchef Gerold Brütsch im Gleichgewicht halten.

Schweizer Firmen wetten ungern

Natürliches Hedging ohne zusätzliche finanzielle Absicherung heisst die primäre Devise auch bei Firmen wie Huber + Suhner, Dätwyler, Gurit, Schlatter, Schaffner oder Komax. Wobei Huber+Suhner derivative Finanzinstrumente nutzt. Nicht in Frage kommen für den Verbindungsspezialisten spekulative Absicherungsgeschäfte – etwa indem auf die Wertentwicklung einer Währung gewettet wird.

Schaffner und Komax haben Umsatz und Kosten auf sehr verschiedene Währungszonen aufgeteilt. Bei der Schaffner-Gruppe sorgt das globale Produktions- und Lieferantennetzwerk laut CEO Alexander Hagemann dafür, dass neben dem Euro auch der ungarische Forint, der thailändische Bath und der chinesische Yuan stark ins Gewicht fallen. «Wegen der natürlichen Absicherung können wir in der Regel auf ein finanzielles Hedging verzichten», so Hagemann. Beim Kabelautomatenspezialisten Komax gleichen sich Euroschwäche und Dollarstärke mit je 30% Umsatzanteil wieder aus. Anders sieht die Rechnung für Swissmem-Präsident Schneider-Ammann im eigenen Unternehmen, der Ammann Group, aus, für die der Produktionsstandort Schweiz sehr bedeutsam ist. Weil der Euro zum Franken über Jahre stabil war, wurde lange Zeit auf finanzielles Hedging verzichtet. «Vor ein paar Monaten haben wir allerdings begonnen, ein gutes Drittel bis zur Hälfte des Geschäftes abzusichern», sagt Schneider-Ammann. Als Branchensprecher appelliert er an Schweizer Unternehmen, sich gegen die Euro-schwankungen mit traditionellen Tugenden wie Qualität, Innovation, Service und Produktivität zu behaupten.

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