Ein fünfjähriges Kind hatte er vorgeschickt hin zum Auto an einer Strassenecke in Brooklyn. In der Hand trug es einen Briefumschlag mit 150'000 Dollar, die frisch aus der Schweiz eingetroffen waren. Die händigte es an einen amerikanischen Steuerhinterzieher aus. Das zu orchestrieren, war nicht nur unmoralisch, sondern strafbar. Josef Beck ist letzten März als Erfüllungsgehilfe des Bankhauses Wegelin aufgeflogen: Er und der unabhängig von ihm an der gleichen Sache arbeitende Hans Thomann kamen ins Fadenkreuz des ehrgeizigen neuen New Yorker Staatsanwaltes Preet Bharara.

Die beiden wurden vor Gericht wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung angeklagt. Zehn Jahre Haft drohen den beiden. Doch sie weilen in der Schweiz und zählen dadurch zu den wenigen, die dem Griff von Bharara entweichen können. Ihre Bank freilich schaffte das nicht. Wegelin wurde am Montag in New York zu einer Busse von 58 Millionen Dollar (umgerechnet 74 Millionen Dollar) verurteilt.

Jagd auf Nebenschauplätzen

Bharara macht Schlagzeilen. Er lässt Köpfe rollen. Kürzlich liess er den grössten Insiderring aller Zeiten auffliegen und brachte etliche Millionäre hinter Gitter. Sein Aktionismus trifft auch Schweizer Banken immer öfter. Neben den Wegelin-Bankern klagte er drei ehemalige Mitarbeiter der Credit Suisse an.

Nicht alle sind zufrieden mit Bharara. In den USA regt sich der Unmut, dass er sein Pulver auf Nebenkriegsschauplätzen verschiesse. An das eigentliche Machtzentrum von Wall Street wagt er sich nicht heran. Die wahrhaft Schuldigen an der Weltfinanzkrise von 2008 bleiben nach wie vor ungeahndet, während der Rest der Welt noch immer an den Folgen leidet. «Es gibt zivilrechtliche Vorwürfe gegen Wall Street, die danach schreien, erhoben zu werden», sagt sein Amtsvorgänger Elliott Spitzer gegenüber dem Fernsehkanal CNN. «Dass das noch nicht passiert ist, ist niederschmetternd.»

63 Menschen hat Bharara bislang mit seiner Jagd auf Insiderhandel verhaftet, 56 davon wurden rechtskräftig verurteilt, der Rest der Verfahren schwebt noch. Der bislang grösste Fisch war Hedgefondsmanager Raj Rajaratnam, der Manager eines 7 Milliarden Dollar schweren Hedgefonds der Galleon Group, der zu elf Jahren Gefängnis verurteilt wurde, aber in Berufung ging. Insiderhandel ist ein ganz klares Unrecht, bei dem Leute, die an der Quelle sitzen, Informationsvorsprünge in einen geldwerten Vorteil verwandeln.

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Priorität Insiderhandel

Doch ist es ein Verbrechen ohne klare Opfer - eher eine Unfairness, die gesellschaftlich als unethisch empfunden wird. «Insider-Trading sagt allen zur genau falschen Zeit, dass mit gezinkten Karten gespielt wird und dass nur Menschen, die Milliarden von Dollar besitzen und mit Verwaltungsräten befreundet sind, an der Börse Geld verdienen können», argumentiert Bharara, warum Insiderhandel für ihn Priorität besitzt.

Eine Telefon-Abhörkampagne ist die Innovation, der Bharara seine Erfolge verdankt: «Ein Element des Insiderhandels ist Kommunikation», sagt Bharara in einem seiner sehr seltenen Interviews gegenüber dem amerikanischen Magazin «Time» bescheiden. «Es war deshalb nicht sehr schwer zu erkennen, dass es nett wäre, die Kommunikation aufzuzeichnen.» Die Zeitschrift hatte unter der Schlagzeile «Strassenkämpfer» eine bewundernde Titelgeschichte über Bharara abgedruckt.

Ab Oktober 2009 begann die New Yorker Staatsanwaltschaft alle Telefongespräche von 104 Bankern abzuhören. In gewisser Weise war das Bhararas erste Amtshandlung - nur zwei Monate zuvor hatte er seinen Job als Chef von 200 Mitarbeitenden angetreten. Bharara gilt als charismatisch, bemüht sich aber, kein grosses Aufheben um seine Person zu machen.

Im Büro mit Springsteen

Der gebürtige Inder war immer ein Musterschüler: «Immer hielten unsere Eltern uns Kindern vor, was Preet gerade bravourös gemeistert hatte. Mit der Aufforderung, uns stärker anzustrengen», erinnert sich Sandeep Sharma aus Pittsburgh laut "Time". Zum Beispiel, als er das erste Jahr College in Harvard überspringen durfte. Sharma gehörte zu den Kindern der Freunde der Bhararas. «Preet war von Kindesbeinen an bescheiden und freundlich. Aber er hat uns anderen stets Probleme eingehandelt.»

Bharara kam als Kleinkind mit seinen Eltern aus Indien in die USA. Er wurde im punjabischen Ferozepur geboren. Sein Vater war Arzt und brachte die Familie über Grossbritannien in die Vereinigten Staaten, als Preet zwei Jahre alt war. Mit zwölf wurde er amerikanischer Staatsbürger. Sein Vater eröffnete eine kleine Praxis in Ashbury Park im Bundesstaat New Jersey, wo auch Rock-Legende Bruce Springsteen aufwuchs. An der Wand in Bhararas Büro hängt ein Foto von Springsteen mit Bhararas Mutter. Wenn er nachts arbeitet, dann hört er dessen Lieder.

Erst als Preet in die vierte Klasse kommt, hatte sein Vater genug Geld, um seinen Sohn auf die private Ranney School zu schicken, wo die Jungen graue Flanellhosen mit blauen Blazern tragen und mit eiserner Faust geführt werden. Hier entschliesst sich Bharara nach der Lektüre des Klassikers «Wer die Nachtigall stört» von Harper Lee, Rechtsanwalt zu werden.

Positive Meinungen

Das Einwandererkind schaffte es auf die Eliteuniversität Harvard - hier besetzte er eine Zeitlang das Universitätsradio und berichtete unter anderem über den Crash vom Schwarzen Montag von 1987. Später studiert er Jura an der Columbia University. Über Rechtsanwaltsfirmen landete er in der Staatsanwaltschaft des berühmten Southern Districts von New York, dem wohl anerkanntesten Bezirk im amerikanischen Rechtssystem.

Die Meinungen über den Juristen sind fast nur positiv. "Er ist so gradlinig wie der Nevada Highway", sagt sein bester Freund aus Studienzeiten, Viet Dinh, welcher für George W. Bush arbeitete. Auch ein anderer Freund lobt: «Er versteht politische Sachzwänge, aber sein Kompass ist darauf gerichtet, das Richtige zu tun», sagt Brian Benczkowski, der bei einer Rechtsanwaltskanzlei in Washington arbeitet.

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Preet Bharara ist jedoch nicht einmal der erfolgreichste Sprössling der indischen Einwandererfamilie. Sein jüngerer Bruder Vinit verdiente mit dem Verkauf von Windeln im Internet eine halbe Milliarde Dollar: Er verkaufte vor kurzem sein Unternehmen Diapers. com an Amazon.

Doch Preet Bharara hat noch viel vor sich. Wer als Staatsanwalt von New York gute Arbeit leistet, der kann auf eine langjährige politische Karriere hoffen. Rudolph Giuliani schaffte es nach zehn Jahren als Bürgermeister von New York bis zum republikanischen Präsidentschaftskandidaten. Er hatte in den 80er-Jahren den Insiderskandal um Michael Milken und Ivan Boesky aufgedeckt. Höhepunkt seiner Zeit als Staatsanwalt war, dass er den Arbitrage-Chef von Goldman Sachs, Robert Freeman, in Handschellen vom Arbeitsplatz abführen liess. Die von Bharara bisher angezeigten Übeltäter hatten freilich nicht annähernd dieses Kaliber. Elliott Spitzer wurde Gouverneur des Bundesstaates New York, kürzte seine Karriere durch einen Sex-Skandal aber unfreiwillig ab. Er hatte nach dem Platzen der Internetblase mit Henry Blodget den berühmtesten Analysten der Unaufrichtigkeit überführt. Im Anschluss wurde das gesamte Analysegeschäft an Wall Street durch neue Regeln umstrukturiert. Bhararas Fingerabdrücke sind noch nirgendwo zu sehen.

Das Übel angehen

«Es gab eine schleichende Kultur von Korruption in unserer Politik, an Wall Street und im Geschäftsleben allgemein», sagt Bharara. Es wird Zeit, dass er das Übel bei der Wurzel packt und seine Zeit nicht mit der Schweiz vertändelt.